"Reich sein mit Klasse"

12. Mai 2009, 17:48

Es gibt schon Höchststeuern auf das größte und einzig wert­schöpfende Vermögen - das Arbeits­vermögen. Unsere Steuer­mentalität ist eher neo-feudal als die einer marktkapitalistischen "Leistungsgesellschaft".

Wir sind ein seltenes und lustiges Völkchen im großen Erdenzoo. Mit tausend Jahren Feudalherrschaft in Rücken, Knochen und Hirnen haben wir Markt, Kapitalismus und Sozialismus nur zugelassen, soweit sie gottgewollte oder altehrwürdige Ordnungen nicht allzu sehr durcheinander bringen - mit beachtlichen (Er)folgen.

Wirtschaftliche und technologische Rückständigkeit haben wir als zeitweiligen Wettbewerbsvorteil lukriert ("latecomer" statt "first mover advantage"). Wir besteuern hoch wovon wir leben (Fleiß, Arbeit, Erwerbseinkommen) und wir verschwenden was wir nicht (genug) haben (Rohstoffe, Energie) oder genug schätzen (Umwelt, Natur, Wasser, Talente, Erfindungsreichtum); und wir hofieren ererbten Reichtum, der gar nicht nicht erst (wie Goethe empfiehlt) von den Vorfahren erworben werden muss, um ihn legitim zu besitzen.

Im Gegenteil: die plebejische Lotteriewerbung "reich werden mit Klasse" preist aristokratische Eleganz anstrengungslosen Gewinns durch Glück und Fügung - Manna vom Himmel. Nur arbeitsfreie Vermögensmehrung stinkt nicht nach bieder bürgerlichem Fleiß oder proletarischem Schweiß; statt nach pfiffiger, erfolgreich spekulativer und steuerfreier Veranlagung smarter Rentiers zu duften, die vermeintlich nur noch ihr Geld über hoch bezahlte Berater und nicht "Ausgebeutete" für sich arbeiten lassen. Arbeit als Spaß: wie tagtäglicher Lotto-/Totogewinn. Risikolose Steuerspaßkultur.

Wir sind viel fleißiger - und ehrgeiziger - als wir uns selbst eingestehen: niemandem neiden und vermiesen wir daher Erfolg so wie Konkurrenten - und damit uns selbst.
2,6 Millionen Bagatellerwerbstätige bis zu einer Steuerfreigrenze siebenmal höher als in Schweden spielen gar nicht erst mit. Über jede, die darüber hinaus verdient, verhängen wir demoralisierende 36,5% Eingangssteuersatz und Grenzsteuersätze im unteren und mittleren Einkommensdrittel von bis zu 80% - für die keine bei Trost den Finger rührt; und von denen kein Multimilliardär je bedroht würde.

Spitzensteuersätze für Arbeitseinkommen werden ab 60k € im Jahr eingehoben und nicht ab 357k $ wie in den USA oder 250k € wie in Deutschland - also für eine Viertelmillion "Reicher" wie Top-Druckereiarbeiter. Stilles Motto: "neureich" werden durch harte Arbeit zum Nutzen aller, nein danke, reich bleiben nach Lotteriegewinn des Lebens, der Abkunft oder Einheirat, ja natürlich.

Erbschaften, Vermögen und Vermögenszuwächse lassen wir steuerfrei, damit Klasse Klasse und unter sich bleibt. Kapital bleibt fast unbesteuert weil scheu und "flüchtig", Scholle, Grund und Boden, Häuser, Schlösser, Wälder und Seen hingegen bleiben unbesteuert, weil wir kleinen Hausbesitzer zwar nicht flüchten aber sehr bös werden könnten wenn wir nach Markt- statt nach Einheits-Witzwerten taxiert würden - oder vielleicht doch aus dem Weinviertel glatt ins Tessin oder an den Genfer See exilieren könnten.

Neu-Feudalismus statt "(Hoch)Leistungsgesellschaft": ein gutes Land für Rentiers, Reiche, Stifter, Erben, Beschenkte, Arme, Rentner, Beamte, "Versorgungsklassen" (Karl Renner), bezuschusste Teilaussteiger, betuchte Müßiggänger, Spieler und Lotteriegewinner - nicht für ungemütlich hart Arbeitende und Unternehmer. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 13.5.2009)

  • Alle bisherigen Kolumnen von Bernd Marin finden Sie auf der Website www.euro.centre.org

  • 27.5.2011
    • "LIFE" is Life? [80]

      Einfach unglaublich, wie ältere Mitarbeiter in der privatisierten ehemaligen Staatsindustrie behandelt werden. Noch können sie in die Frühpension flüchten

  • 25.5.2011
    • Neue Arbeitszeit-Zeiten [74]

      Im Ideenwettbewerb um Lebensqualität, humaneres und wertschöpfenderes Arbeiten haben wir eine Welt zu gewinnen. Durch sozialpartnerschaftliche Win-Win-Innovationen, statt Dialogblockaden.

  • 30.4.2011
    • "Des Ano": Unglück durch Wohlfühlpolitik [149]

      Frühpensionen sind überwiegend weder unvermeidlich, noch unfreiwillig, noch erhöhen sie Wohlfahrt und Wohlbefinden. Sie sind vielmehr sündteuer subventioniertes Unglück.

  • 2.4.2011
  • 31.3.2011
  • 26.2.2011
    • Aktive Senioren [200]

      "Eines ist unbestritten: Wenn wir so weitermachen, geht es in den Abgrund", weiß sogar der Seniorenbundobmann. Doch was folgt daraus für wen?

  • 15.2.2011
    • SOS Quotenmänner! [299]

      Diese Kolumne ist reine "Männersache", nicht für Frauen. Hoch an der Zeit, unter uns Klartext zu reden.

  • 1.2.2011
    • Rating-Meinungshandel [17]

      Schon im Jänner 2009 wurde die Rolle der "großen drei" Ratingagenturen im globalen Finanzcrash als Hehler statt als Marktgendarmen angesprochen*. Seither wissen wir noch mehr über ihre Fehlurteile und Korruption. Doch nichts geschieht, Regulierungsversuche des Binnenmarktkommissars waren ebenso erfolglos wie der US Securities and Exchange Commission (SEC). Der nächste Kollaps wird vorbereitet - und damit Unruhen in Europa?

  • 18.1.2011
    • Klassekanzler Kreisky [67]

      Volkskanzler wird man durch den Respekt und die Zuneigung der Menschen, die natürliche Autorität und kluge, für sie vorteilhafte Staatskunst verspüren. Worin Kreisky Recht hatte, und wovon wir bis heute zehren. Worin Staatsmacht (Kanzler)Klasse zeigt. Warum er uns fehlt - und wem nicht.

  • 4.1.2011
    • Märchenonkel [60]

      Zu den langlebigen Ursprungs-Mythen der Zweiten Republik gehört die angebliche Drittel/Drittel/Drittel-Regel. Doch es gibt sie gar nicht - weder als Verfassungs- noch als einfaches Gesetz. Auch diese chronische Unwahrheit eine „Tochter der Zeit“.

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her wig
02
13.5.2009, 23:49
Reich werden mit Massel ;-)

Die Lotto-Gesellschaft: jeder zahlt ein bisschen was ein, die meissten verlieren, einige wenige gewinnen - auf die ist man dann neidig.

Eigentlich wäre die von Gott vorgesehene Ordnung ja folgende: jeder ist ein Unternehmer der sein Scherflein beiträgt zum grossen Kuchen, welcher dann festlich geteilt und verspeist wird - wobei man jene die besonders kräftig mitgewirkt haben entsprechend hervorhebt.

Und die Realität: die Antreiber bekommen vorab als Anreiz grosse Versprechen auf den zu backenden Kuchen, die Hackler müssen schaun dass sie irgendwo mitmischen können damit sie am Ende nicht leer ausgehen, die Verwalter bemühen sich die dabei auftretenden Rangeleien im Zaum zu halten - und was heraus kommt, wissen wir.

zensur passiert
03
13.5.2009, 12:25
fair wäre den Barwert der Rentenvorsorge

für alle, egal welche Anlageform sie wählen, also Pensionsversicherte oder Selbstvorsorger jeglicher Art gleich und steuerfrei zu stellen.

Die meisten vegessen, mit 65 beginnt die Pension und durchschnittlich wird die 20 Jahre ausbezahlt. Soll dieses angesparte Kapital der Vermögensteuer unterzogen werden? Wenn nein, dann möchte ich das gleiche Recht, auch wenn ich mein Geld statt in der staatlichen Pensionsversicherung anderwärtig angelegt habe.

Dann geht sich der Freibetrag von 500.000 plus Wohnung/Einfamilienaus nicht aus. Aber Bevölkerungsgruppen von der SV auszuschließen, Eigenvorsorge zu propagieren und dann die angesparte Pension wegversteuern ist schon sehr hart und nur mit unfreiwilliger Landesflucht zu parieren.

Buzz Lightyear
12
13.5.2009, 15:02
Darum hier zum 100-sten Mal:

Ich fordere die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer mit Freibetrag in der Höhe eines Eigenheims. Das tut in Wahrheit keinem Erben weh und jeder, der von uns geht, leistet noch zum Abschluss einen schönen Beitrag zur Gemeinschaft.

zensur passiert
00
13.5.2009, 16:03
dann werden 50% oder mehr aller KMUs zusperren

und wenn's dafür Ausnahmen gibt widersprechen die dem Gleichheitsgrundsatz.

Und Sie unterliegen einem Irrtum, die mittleren bis großen Vermögen, die Sie gerne anzapfen würden, dieren werden Sie nicht habhaft, die parken in Stiftungen, damit bleibt wieder der Mittelstand, der sein Geld nicht verfressen, aber zu wenig hat, als dass sich der Stiftungsaufwand lohnt. Fragens die SPÖ, die hat selbst gleich ein paar - und wenn die Genossen nicht wissen zu genießen, wer dann?

Buzz Lightyear
02
14.5.2009, 08:20

Dann machen Sie einfach einen besseren Vorschlag als bloß den (ungerechten) Status Quo zu verteidigen. Den Arbeitenden das Geld wegzunehmen und Ihnen dann grinsend zu erklären, anders is halt so kompliziert Steuern einzutreiben, ist zu wenig auf Dauer.

catch as catch can
00
14.5.2009, 18:02


es ist nicht kompliziert aber jene die das geld haben leisten volle lobbyarbeit bei den politikern.

Spitting Bull
11
13.5.2009, 12:07
Danke Herr Marin,

für die Zusammenfassung des Artikels "Das Geld der anderen", profil, Heft 19, 4. Mai 2009. Hätt' ich ihn selber glatt nicht lesen müssen.

NoPod
45
13.5.2009, 11:13
Warum traue ich dem wissenschaftlichen Feigenblatt...

... des österreichischen Neoliberalismus nicht?

War er nicht ein Grasser Schüsselberater mit dem Lösungsansatz "dritte Säule" und somit dafür mit Vorsogegeldern zu (ver)spekulieren?

Im Übrigen sind Sozialversicherung, Arbeislosenversicherung und Pensionsbeiträge auch Abgaben. Eben zweckgebundene Steuern.
Dass die Eingangssteuern zu hoch sind ist wahr, aber die die darunter liegen verdienen ja nicht freiwillig so wenig. Die hätten sicher nichts gegen Lohnerhöhungen.

Ich mag den Marin nicht, der gibt seit 20 Jahren Ratschläge im Fernsehen und noch nix davon hat was gebracht. Er versucht immer nur die Maßnahmen der jeweiligen Regierung den Wählern zu verkaufen. Dabei ist ihm Powidl ob Schwarz, Blau oder Rot.

Loggo
06
13.5.2009, 10:50
Und das Beste dran...

Bei jeder Wahl wird dieses System wieder bestaetigt!

Nicht mal die vorhandenen Alternativen (wie gut oder schlecht die sein moegen) werden gewaehlt. Weil "Es aendert sich ja sowieso nix"...

Peter T
01
13.5.2009, 13:09

ok, und welche Partei ist jetzt die vorhandene Alternative, die eine deutliche Reduktion der Belastung des Faktors Arbeit vorschlägt?

Andreas Prucha
00
26.5.2009, 22:28

Eigentlich jede der Parteien. Der Unterschied besteht nur darin, wie der Steuerausfall finanziert werden soll. Die einen würden im Gegenzug andere Steuern anheben, die anderen würden staatliche Leistungen kürzen.

Loggo
00
14.5.2009, 21:17
Wuerde mal...

eine der Oppositionsparteien empfehlen. Welche, muss man fuer sich selber entscheiden. Mir selbst bleibt da eigentlich nur eine Option...

Nathaniel Winerib
21
13.5.2009, 10:43
Hohe Einkommensteuer vs. Vermögensteuren

1) Marin spricht einen richtigen Punkt an: Einkommen von über 60.000 p.a. werden mit einem Spitzensteuersatz von 50 Prozent (unselbst: abzüglich Jahressechstel) belegt

2) Vermögen als Erwerbseinkommen wurde dementsprechend bereits mit 50 Prozent versteuert, ehe es zum Vermögen anwachsen konnte. Ergo wäre es infam, jetzt auch noch eine Vermögenssteuer auf dieses hart erarbeitete und hochversteuerte Geld zu legen.

3) Eine mögliche Lösung: 25 % Flat Tax auf Erwerbseinkommen, 25 % auf Aktiengewinne (dzt. steuerfrei nach einem Jahr Behaltefrist), 0,25 Prozent Basissteuer auf wertschöpfendes Vermögen.

4) Nettosteuerverlust durch Abschaffung sämtlicher Sozialleistungen bei Einführung einer Mindestsicherung a € 500 - 750 p.m. ersetzen.

1116er
02
13.5.2009, 12:15
@ flattax

wir haben doch eh schon eine real existierende flat-tax!

man darf nicht immer nur auf die einkommen/lohnsteuer alleine schauen.
wenn man konsumsteuern (mwst) und auch abgaben (sv u.a.) dazunimmt.... zahlen spitzenverdiener und niedrigstlohnbezieher ca denselben prozentsatz ihres einkommens!

ich halte es daher für höchst unsozial und überflüssig, krokodilsträner über die hohe belastung von beziehern höherer einkommen zu vergießen. diese sind in wahrheit die großen nutznießer des derzeitigen systems.

Buzz Lightyear
01
13.5.2009, 11:59
Punkt 2) stimmt so nicht.

Für geerbtes Vermögen wurde keine (oder lächerlich wenig) Steuer gezahlt. Oder wollen Sie die Steuerleistung des Vererbers jener des Erben ernsthaft gutschreiben?

NoPod
21
13.5.2009, 11:21

Bitte verbreiten Sie nicht das Märchen, dass irgendjemand 50% Steuer bezahlen muss!

Für den Teil, der 60 000 Euro übersteigt bezahlen sie 50% (Habe mal ihre Zahl genommen und gehe davon aus dass sie richtig ist.

Ihre Forderungen kann man nicht kommentieren, die sind einfach Unsinn

franz franz
04
13.5.2009, 10:37
schöner beitrag

danke marin!

Al Berto
00
13.5.2009, 13:26

ja, richtig.

wieso gibt es in dem land eigentlich immer noch eine partei, die sich "sozialdemokratisch" nennen darf?

17+4
53
13.5.2009, 10:29
je weniger man von Feudalismus weiß, umso eher

'Mit tausend Jahren Feudalherrschaft in Rücken'
umso eher kann man ihn bemühen.
Nur hat halt Merin absolut kein Geschichtswissen, und noch weniger als nichts Wirtschaftsgeschtswissen.
Warum läßt man so jemanden schreiben, in einer zeitung, die sich als Qualtiätszeitung gibt?

rasenmähermann
11
13.5.2009, 14:42

Und was wissen Sie nun mehr als der Herr Marin?

17+4
10
13.5.2009, 19:52
vieles, z.B. dass es KEINEN Grenzsteuersatz von 80% gibt,

und noch vieles andere, das ich als das beurteilen kann, was es ist: wichtigmacherischen Unsinn.

Reconquista Europa
02
13.5.2009, 10:20
Substanzbesteuerung?

Toller Artikel, aber trotzdem eine Frage, sind Sie für eine Substanzversteuerung von Vermögen? Dadurch würde einkommensloses vermögen, wie .z.T. Waldbesitz oder ähnliches auf Dauer unleistbar.

Oder sind Sie nur für die Vermögenszuwachssteuer? Kann man dann in Zeiten wie diesen auch Verluste absetzen? Oder sagt der Staat von deinen spekulativen Gewinnen nehm ich die Hälfte, wenn es schief geht, gehts mich nichts an weshalb hast den auch spekuliert du pöser, pöser Kapitalist!

bewusstsein
15
13.5.2009, 10:17

die reichen werden nicht erfreut sein ;o)

Schüssel Biograf Walter Moers
07
13.5.2009, 10:11
Danke!

"Feudalistisch" ist genau das richtige Wort!

Buzz Lightyear
02
13.5.2009, 10:10
Man könnt' richtig lachen darüber, wenn's nicht so traurig wär'.

100% d'accord!

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