Schwarze Fiskaldemagogie

08. Mai 2009 19:00

Befund aus gewerkschaftlicher Sicht - Von Sepp Wall-Strasser

Sachlich ist zur Einführung vermögensbezogener Steuern in Österreich eigentlich alles gesagt, was zu sagen ist: Sie treffen nicht den Mittelstand, sie bringen den Budgets viel Geld, sie sind leicht (wieder)einzuführen, sie gelten als gerecht, sie behindern die wirtschaftliche Entwicklung nicht, sie sind im internationalen Vergleich so niedrig, dass sich kein Politiker rechtfertigen müsste, Und last, but not least: wenn die OECD - die wohl nicht im Verdacht steht, für den Klassenkampf zu mobilisieren - bereits das zweite Mal in ihren Jahresberichten Österreich wegen der zu niedrigen Vermögensbesteuerung ermahnt, dann ist die Sache klar.

Wieso also, fragt man sich, geht diese Regierung nicht eilends daran, Vermögenssteuern einzuführen? Wieso greift sie das Geld, das sozusagen auf der Straße liegt, nicht auf und bringt damit das fiskalische und soziale Ungleichgewicht wieder mehr ins Lot? Die Antwort heißt ÖVP.

Welt der Halbwahrheiten
Diese geht seit Jahrzehnten mit den gleichen Mythen, Halbwahrheiten und vor allem demagogischen Parolen hausieren, um handfest die eigene Klientel und vor allem die Interessen der wirklich Vermögenden zu schützen. Sie nützt das (Halb-)Wissen vieler Wähler schamlos aus und bläut ihnen ihre Dogmen und Stehsätze als Grundwahrheiten ein. Viele Journalisten verinnerlichen diese Argumentation.

Seit Ende der Kreisky-Ära wurden auf Druck der nunmehrigen Pröll-Fraktion Steuern auf Vermögen sukzessive abgeschafft oder reduziert. In einer taktischen Meisterleistung übertölpelte man in den 90er-Jahren Finanzminister Ferdinand Lacina, das Gros der damaligen Vermögenssteuern mit dem Versprechen einer Steuerreform abzuschaffen - mit der man die SPÖ dann ständig abblitzen ließ.

2001 fiel die Börsenumsatzsteuer. Blieben noch Erbschafts- und Schenkungssteuer, die Exfinanzminister und ÖVP-Chef Molterer im letzten Jahr erledigte - mit dem Argument "Das ist eine Bagatellsteuer, ihre Einhebung lohnt den Aufwand nicht!"

Immerhin war diese Bagatelle eine Summe von jährlich etwa 150 Millionen Euro. Die Studiengebühren brachten etwa 140 Millionen. Bei ihrer Abschaffung tat man so, als würde das Universitätswesen zusammenbrechen. Eine Reduzierung der Unternehmenssteuer KÖST von 34 auf 25 Prozent bei der Schüssel-Grasser'schen Steuerreform geht ebenfalls auf das Konto der ÖVP. Man kann die Finanzpolitik der ÖVP als Einnahmensverweigerung bezeichnen.

Selbst konservative Schätzungen gehen davon aus, dass eine Reform der Erbschafts- und Schenkungssteuer, eine gerechte Besteuerung der Privatstiftung (25 Prozent der Erträge - wie übrigens für alle Sparbüchlbesitzer), eine Einführung einer Vermögenszuwachsbesteuerung und eine Vermögenssteuer auf große Privatvermögen (bei einem Freibetrag von 500.000 Euro) an die fünf Milliarden Euro ins Budget spülen würde. Ein kleiner Vergleich macht sicher. Mit 1,8 Milliarden Euro könnten derzeit finanziert werden: Studiengebühren für alle (140 Mio.), die Umsetzung der Bildungsreform 2009 (150 Mio.), dazu noch die Anstellung von 5000 JunglehrerInnen (230 Mio.), die bedarfsorientierte Mindestsicherung (300 Mio.), Anhebung der Arbeitslosen-Nettoersatzrate auf 75 Prozent (1 Mrd.). Für den Rest auf fünf Milliarden müsste sich der Finanzminister schon Extraprojekte überlegen, bzw. könnte man sich damit endlich an eine sozial verträgliche Schuldenrückzahlung machen.

Wann wird die SPÖ den Mut haben, sich von der fiskalischen Verweigerungspolitik ihres Koalitionspartners zu emanzipieren? (Sepp Wall-Strasser, DER STANDARD-Printausgabe, 9./10.5.2009)

Zur Person

Der Autor ist Bereichsleiter für Bildung und Zukunftsfragen im ÖGB Oberösterreich

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 148
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1116er
13.05.2009 12:29
bitte nicht immer die vaupen bashen

die erledigen doch auch nur ihre aufgabe.

und diese besteht (lt. inoffiziellem parteiprogramm) darin, (ausgewählte) parteifreunde zu fördern, sowie organisationen/firmen/privatpersonen, die kräftig spenden.
alles andere ist der (verbale) versuch, das leider noch immer benötigte stimmvieh bei laune zu halten.

Zinnmo
 
12.05.2009 08:55
Zuwachsbesteuerung ist die eine Sache, Substanzbesteuerung eine ganz andere

Entgegen den Aussagen des Artikelschreibers hatten Vranitzky und Lacina gute Gründe, die damalige Vermögenssteuer abzuschaffen.

Würden z.B. die Vorschläge des NRAbg. Muchitsch umgesetzt ("die obersten 10% sollen zahlen") dann träfe das auch jede Menge KMUs. Selbst wenn diese gerade keine Gewinne machen, selbst wenn sie Verluste machen. Diese KMUs sind es aber, die Arbeitplätze schaffen.

Macht jemand Gewinne aus Vermögen, soll er Steuern zahlen. Geht Vermögen auf eine andere Person über (Erbe, Schenkung) sollte es Steuern geben. Aber Substanzbesteuerung ist einfach nur dumm, und Vranitzky wußte das.

Soviel zum Roten Populismus. Mit Faymann um Arbeitsplätze kämpfen? Gegen wen? Gegen die, die sie bereitstellen?

good vibration
11.05.2009 09:24
Der Cern-Beitrag wäre da auch locker zu finanzieren..

..aber ätsch: eben typisch Alpen-Taliban-Politik

Dimple
10.05.2009 20:08
Was nie gesagt wird

Die Erbschafts- und Schenkungssteuer hat - real betrachtet - Grundstücke 3x so stark besteuert, wie bei der Einführung gewünscht/gedacht (Steuergrenzen wurden 1969 festgelegt und nicht mehr verändert, letzte Einheitswertfeststellung 1972 --> dreifacher Einheitswert) und bei Firmenanteilen und Barvermögen wurde die Erbschaftssteuer vervierfacht (gemäß VPI).

lg
Dimple, uns so wird das auch bei einer allfälligen neuen Vermögenssteuer aussehen

Fritz Wunderlich
11.05.2009 13:35

zehn oder fünfzehn jahre ins glas geschaut?

Tiefseekrake
10.05.2009 18:43
Danke für den Kommentar - endlich jemand, der die Zusammenhänge und Relationen klar benennt!

Widerstandskämpfer
 
10.05.2009 16:07
Das Problem ist nicht die Einnahmenverweigerung,

sondern, dass ÖVP und auch die SPÖ (zB Gemeinde Wien) den Beamten "Staubzucker in den Hintern bläßt".

Zuerst Ausgabenseitig sparen, dann wird die Akzeptanz für höhere Steuern steigen.

Tiefseekrake
10.05.2009 18:40

Widerstandskämpfer! Sagen Sie mal, was soll Ihr Posting denn anderes sein, als nur Ablenkung?

Dimple
10.05.2009 19:53
Es ist eine klare Antwort auf das Zitat mit der OECD

Weil Hr. Wall-Strasse, ebenso wie die Hrn. Haider, Voves und auch Fr. Burgstaller IMMER nur über eine neue Steuer reden, während die OECD auch feststellt, daß wir eine Steuerquote, die um 3,5% über dem EU-Schnitt und rd. 7,5% über dem OECD-Schnitt liegt. Und trotzdem ruft der ÖGB, die AK und die SPÖ (aber auch Teile der ÖVP) nach neuen Steuern.

Natürlich kann man eine Vermögenssteuer für sinnvoll erachten: Wenn gleichzeitig die Gesamtabgabenbelastung massiv sinkt.

Und zum Einwand des Vorposters: Es müssen Steuern auch akzeptiert sein, damit sie fliessen und keine Fluchtbewegung einsetzt - dies wird bei den zB. Pensionsprivilegien der Landesbeamten aber nicht mehr lange der Fall sein.

lg
Dimple

"our contracts say so"
11.05.2009 15:05
Es wird über kurz oder lang volkswirtschaftlich so tuschen, wenn in dieser "Fluchtgeschichte" vulgo "das Kapital ist ein scheues Reh(lein)"

nicht bald die Karten auf dem Tisch liegen, dass Ihnen Ihr Dimple (ausgewiesen schlechter Whiskey unter den Single Malts) auch nichts mehr helfen wird.
Der Kommentator hat vollkommen ins Schwarze getroffen!
Eure Ablenkungsmanöver sind letztklassig - Dimple-bedingt?

Paul K
10.05.2009 12:18
gerne würde ich

einiges zum wohl der republik an mehr steuern beitragen, hätte ich ein "vermögen" über 500.000 Euro. also, wo liegt das problem derer, die darüber verfügen (ist ja nicht gerade wenig für einen normalverbraucher)? sollen immer nur die gemolken werden, die ohnehin nicht viel haben?

amber103
10.05.2009 13:08

Lesen sie einfach alle Beiträge zu diesen Artikel, möglichst neutral, und wenn sie alle gelesen haben, denken Sie darüber nach.

Tiefseekrake
10.05.2009 18:40

selbmdenken

Wolfsschnauze
10.05.2009 10:21
Sie treffen nicht den Mittelstand ...

ist einfach nicht richtig. Wenn ich mir als Mittelständler (disponibles Monatseinkommen 2000 €) heute ein paar Aktien kaufe, die ich drei Jahre später mit Spekulationsgewinn wieder verkaufe, so realisiert das selbstverständlich einen Anwendungstatbestand für die Vermögenszuwachsbesteuerung.

monoton
10.05.2009 13:43

warum sollte die köst beim sparbuch ok sein, aber bei aktien nicht?

amber103
10.05.2009 13:51


denk mal darüber nach:
http://derstandard.at/?url=/pli... 9/12880882

(auch vorgehende und nachfolgende Postings)

Aguirre74
10.05.2009 12:17

Ich denke 25% auf derartige Gewinne sind verkraftbar. Persönlich fände ich es fair und könnte auch gut damit leben. Außerdem sollte dann auch die Spekulationssteuer auf 25% reduziert werden (zur Zeit Tarifsteuersatz). Wenn ich mich nicht irre, hat Deutschland seit kurzem so ein System (Halbsteuersatz auf Spekulationsgewinne von Wertpapieren). Und der bestehende § 31 EStG besteuert ja ohnehin schon alle Beteiligungsveräußerungen über 1% (man müsste nur die Beteiligungshöhe absenken). Vorbilder gibts also.

0815-Kommentar
10.05.2009 08:42
falscher ansatz

eine vermögenssteuer sollte nicht für ein zusätzliches steueraufkommen sorgen, sondern die struktur des steueraufkommens von der arbeit hin zum vermögen verändern. "sozial verträgliche schuldenrückzahlung" hat aus meiner sicht über effizienzsteigerungen (verwaltungsreform) zu erfolgen.

Aguirre74
10.05.2009 12:22

So ist es, eine Vermögenssteuer oder -zuwachssteuer macht NUR im Zusammenhang mit einer Steuerreform einen Sinn. D.h. es muss zu einer relevanten Senkung der gehaltsbezogenen Steuern kommen. Am besten auch gleich eine Reform und Zusammenlegung der Krankenkassen und ersatzlose Eliminierung der Landesverwaltungen (von mir aus soll man weiterhein einen machtlosen Landeshauptmann a la Bundespräsident wählen lassen, damit der historischen Landesstandsherrlichkeit genüge getan wird) sowie Reform des Bildungssystems unter Eliminierung aller ÖVP Lobbyministerien (Zukunftshypotheken wie Hahn's Cern-Ausstieg MÜSSEN umgehend enden).

monoton
10.05.2009 12:21

ach die schöne gier! die reichen sollen sich ruhig ihr leben erfreuen und bloß nichts zahlen.
seltsames gerechtigkeitsempfinden

amber103
10.05.2009 13:15

Lass dich nicht hinters Licht führen, manches wird erst klar, wenn man weiter denkt als von zwölf bis mittag.

Wussten Sie, dass zwei Raumschiffe die sich mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in genau entgegengesetzter Richtung bewegen, sich mit weniger als der Lichtgeschwindigkeit voneinander entfernen? Das Offensichtliche ist oft nicht am ersten Blick erkennbar, man muss schon denken um es zu erkennen. Lesen Sie einfach weiter.

monoton
10.05.2009 13:49

die relativitätstheorie ist mir geläufig, aber warum denken gier und ungerechtigkeit erklären soll bleibt mir verschlossen.
liegt vielleicht daran, das gier und egozentrik vorteil nicht die bestimmenden triebe meines leben sind

amber103
10.05.2009 14:03

So mancher Spiegel in dem man sich selbst sieht ist verzerrt.

Gier und Egozentrik sind gerade mal recht sinnlose Begriffe, mit denen man die Diskussion um Gerechtigkeit in absurde Richtungen treibt.
Solche Begriffe verhindern das eigene Denken. Sie werden bewusst von Populisten in die Diskussion gebracht, um die Diskussion um ihre eigenen, recht absurden Steuerideen, gleich von Vorhinein zu verhindern, die Gegner als unsoziale Bösewichte hinzustellen, und sich selbst im besten Licht zu sehen.
Wenn ich solche Begriffe höre, und einige Landeshauptleute haben genau damit ihre Vorschläge begründet, werde ich misstrauisch, denke nach und hinterfrage die Vorschläge.
Ich kam zum Schluss, dass diese Populisten ihre eigenen Wähler ver0...

monoton
10.05.2009 19:21

obwohl ich kaum fundiertes wissen in bezug wirtschaft besitze kann ich ihrer argumentation größtenteils folgen, jedoch kann ich beim besten willen nicht nachvollziehen, weshalb nun die reichsten, die sowieso einen gutteil österreichs besitzen noch mehr bevorzugt werden sollen. die haben doch schon alles, die brauchen nicht mehr, während auf der anderen seite alleinerziehende mütter mit der armut kämpfen (gut schon wieder populismus).
ihre position ist dieselbe, lt ihren posts besitzen sie viel, aber sie wollen noch viel mehr auf kosten der weniger begüteten, warum? welch anderes argument können außer gier anführen, daß die begüteten noch mehr bevorzugt werden sollen, als diejenigen die es bräuchten?

amber103
10.05.2009 20:24

Ich weiß nicht wie alt sie sind, wie viele Menschen sie wie lange kenne. Meine Erfahrung ist, dass altruistische Menschen im Leben viel erfolgreicher sind, als egoistische. Sie finden die besseren Partner, haben dauerhafte Beziehungen, einen großen Freundeskreis, im Beruf mehr Partner, Unterstützer und bekommen mehr Information.
Natürlich kenne ich auch Ausnahmen, aber nicht viele.

Wirtschaft ist etwas sehr dynamisches, da sie auf Handlungen vieler sehr unterschiedlicher Menschen beruht. Die Rechnung ich nehme den Einen und gebe den Anderen geht oft nicht aus, manchmal erreicht man das Gegenteil.

Pauschalurteile helfen wenig.

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