Szenarien eines Ausstiegs

8. Mai 2009, 18:26
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Prominente Reaktionen auf die Cern-Entscheidung: Empörung, aber auch Verständnis

Wien/Genf - Raten Sie, was im Vorjahr in Österreich der am schnellsten wachsende Suchbegriff bei Google war: EURO 08? Barack Obama? Jörg Haider? Nein, es war der Begriff "Teilchenbeschleuniger", was aufgrund der Inbetriebnahme des Large Hadron Collider und des (Fehl-)Starts des größten Experiments der Geschichte nicht ganz so verwunderlich ist.

Wenig verwunderlich ist aufgrund dieser Popularität auch die Intensität und die Heftigkeit der Reaktionen auf den Entschluss von Wissenschaftsminister Hahn, die seit 1959 bestehende Mitgliedschaft beim Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf zu beenden - und zwar nicht nur bei den unmittelbar betroffenen Hochenergiephysikern, sondern auch weit über die Wissenschaft hinaus. Allein bei derStandard.at gibt es mittlerweile rund 2000 überwiegend kritische Postings zur überraschenden Entscheidung.

Von "historischer Irrtum" ...

Am größten ist die Empörung naturgemäß bei den Hochenergiephysikern: Der renommierte Wiener Physiker Walter Thirring, von 1968 bis 1971 Direktor des Forschungszentrums, ist über den Ausstieg Österreichs "entsetzt". Sein Kollege Herbert Pietschmann, ehemals österreichischer Delegierter im Cern-Aufsichtsrat, spricht in einem Brief an Hahn von einem "historischen Irrtum".

Der amtierende Cern-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer meinte in seiner ersten Reaktion, dass seine Organisation es sehr bedauern würde, Österreich als Mitgliedsstaat zu verlieren. Cern sei "nicht nur ein Zentrum für Forschung, sondern auch für Technologie und Ausbildung", und alle Mitgliedsstaaten würden davon profitieren.

Ausdrückliches Bedauern über den Entschluss, der erst durch das Parlament muss (der Vertrag mit dem Cern ist nämlich ein Staatsvertrag), kommt indes auch von anderen Fachvertretern, nämlich jenen der Quantenphysik: Die fünf Direktoren des IQOQI, unter ihnen Rainer Blatt und Anton Zeilinger, halten die Entscheidung aus wissenschaftlicher Sicht für außerordentlich bedauerlich. "Es sollte unbedingt versucht werden, österreichische Mitwirkungen an der europäischen Forschung am Cern weiter zu ermöglichen", wie Anton Zeilinger im Gespräch betont.

Der Rektor der TU Wien, Peter Skalicky, sagt, dass ihm "als Physiker angesichts der Entscheidung das Herz blutet". Aber so wie einige andere maßgebliche Exponenten der heimischen Forschungspolitik zeigt er durchaus auch Verständnis für die Entscheidung von Wissenschaftsminister Hahn, neue Schwerpunkte bei internationalen Kooperationsprojekten zu setzen.

So wie der Vorsitzende des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, Kurt Consemüller, verweist auch Skalicky auf die Höhe der Mittel, die durch die Cern-Mitgliedschaft gebunden sind. "Der Austritt ist seine Notmaßnahme", sagt Consemüller, "aber die Not ist im Moment auch sehr groß."

... bis "legitime Entscheidung"

"20 Millionen sind verdammt viel Geld", sagt auch FWF-Präsident Christoph Kratky: "Das ist das Geld, das 600 Dissertanten im Jahr kosten." Kratky hält es für die Aufgabe des Wissenschaftsministers, angesichts der knappen Mittel Prioritäten zu setzen. "Deshalb ist die Entscheidung auch legitim, wenngleich es natürlich ein sehr schmerzhafter Schritt ist." Kratky meint aber auch, dass ein auch auf zwei oder drei Jahre begrenzter Ausstieg bleibende Folgen für die Hochenergiephysik in Österreich haben werde.

Das allerletzte Wort könnte indes womöglich doch noch nicht gesprochen sein. Wie der Standard erfuhr, soll es Anfang nächster Woche in Genf zu einem Treffen zwischen Cern-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer, Wissenschaftsminister Johannes Hahn und Felicitas Pauss, der aus Österreich stammenden "Außenministerin" des Cern, kommen. (Klaus Taschwer und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 9./10. 5. 2009)

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    Insgesamt 20 Millionen Euro kostet Österreichs Mitgliedschaft beim Cern. Kann das Geld besser investiert werden?

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