In der Kraftkammer des Lebens

8. Mai 2009, 17:06
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In seinem riesenhaften Essay "Du musst dein Leben ändern" entwickelt der Philosoph Peter Sloterdijk eine Theorie des menschlichen Übungsgeschehens

Ein Theaterstück der Begriffe mit ärgerlichem Unterton.

Ein philosophisches Buch, dessen Aufmachung keinerlei Scheu vor plakativer Übertreibung verrät, will Wirksamkeit beweisen. Die Kulturtheorie sucht energisch ihren Platz zwischen Ratgeberbüchern. Es muss Schluss sein mit der unfruchtbaren Zerlegung von Begriffen, deren Sinn sich nur noch trockener Kathedergelehrsamkeit erschließt. Peter Sloterdijks ins Riesenhafte tendierender neuer Essay trägt den Imperativ der Lebensreform bereits im Titel: "Du musst dein Leben ändern". Sloterdijk, von jeher mit einem eminenten Sinn für Pointen begabt, postuliert gleich in der Einleitung zu seiner neuen Anthropologie ein Erstarken der Religionen. Schlimmer noch: Es existiere ein "ungeprüfter Glaube an die Existenz des Glaubens" . Was aber, wenn die Wirksamwerdung spiritueller Übungssysteme – denn auch als solche könnte man Religionen begreifen – weniger für die Evidenz des Religiösen an sich spräche als für die Notwendigkeit, sich als Mensch ganz generell mit "Unmöglichkeiten" abzugeben?

Sloterdijk bemüht im Wesentlichen zwei Gewährsmänner, um des Menschen Hang zur Selbstverbesserung zu belegen. Heidegger war es, der unser "In-der-Welt-Sein" postuliert hat. Die Not, ins "Offene" hineingestellt zu sein, nötigt den Homo sapiens zur Ausbildung umfangreicher Immunsysteme. Diese sollen ihn nicht nur vor den Wechselfällen seiner zeitlichen Existenz beschützen, sondern seine Psyche stabilisieren und sie mit Sinnangeboten gegen "schlechte Gewohnheiten" versichern. Dabei nun kommt Sloterdijks traumwandlerische Begabung für das Theater der Begriffe zum Zug: Unsere Schutz- und Reparaturprogramme helfen nicht nur, uns schadlos zu halten, ihr Erwerb und mehr noch ihr pfleglicher Erhalt setzen ein monströses psycho-physisches Übungsprogramm voraus: eine Art "survival of the fittest".

Kulturbildende Maßnahmen werden vom Autor von nun an ins Geist-Athletikzentrum verwiesen. Schlecht ist, was ist, weil es immer noch besser sein könnte. Der Mensch, sagt Sloterdijk – und hier kommt der Metaphysik-Entsorger Friedrich Nietzsche mit Macht ins Spiel – organisiere seine psycho-immunologischen Praktiken so, dass er sich selbst zu überwinden trachte. Orientierung erfahren wir, indem wir uns fürchterlichen "Vertikalspannungen" ausgesetzt sehen, die uns zu unausgesetzten Optimierungsarbeiten im Trainingscamp des "richtigen Lebens" anhalten.

Man könnte den Erfinder der "Zornbanken" (Zorn und Zeit, 2006) mit Recht als philosophischen Übungsleiter ansehen: Seine Anthropologie als Menschenkunde erklärt ganze Kulturformationen zu Wehrturnverbänden. Die süße Melodie Nietzsches im Ohr, wonach der Mensch sich selbst zu überwinden habe, um nur für unerreichbar gehaltene Gipfel zu erklimmen, geht Sloterdijk daran, die radikal-biologistische Botschaft in ein Kulturgeschehen umzudeuten. Er übersetzt den menschlichen Umgang mit Offenbarungen in ein wahres Sammelsurium von "Anthropotechniken", in ein wimmelndes Durcheinander der Askesen und Virtuosenstücke. Heraklit prallt da auf Rilke; und wer geglaubt hat, über die Entstehung des modernen olympischen Gedankens nicht ausreichend im Bilde zu sein, erhält einen Klippkurs in Dianetik obendrein nachgereicht.

In diesem Kulturtheater verbissener Willens- und Würdenträger sitzen syrische Heilige auf hohen Säulen, um die vertikale Dimension menschlichen Seins nur umso berückender zu erleben. Mit Fortdauer der Hunderten von Seiten, deren Lektüre vergnüglich ist wie nur je das Studium eines Regie-Handbuchs, beschleicht einen indes ein furchtbarer Verdacht: Was nun, wenn die überlieferten großen Verweigerer und Asketen von genau jenem Erklärungsschema, das Sloterdijk buchstäblich dem gesamten Weltgeschehen unterspannt, niemals etwas hätten wissen wollen? Grausamer noch: Sloterdijk postuliert zwar, dass der Mensch jenes "neben sich selbst gesetzte Tier" sei, das nicht bleiben könne oder wolle, was es gewesen ist, in seinem Werbefeldzug gegen Passivität und Allotria im allumfassenden Mobilisierungsgeschehen der Menschheit vergisst er aber auf alle diejenigen, die bleiben müssen, was sie sind, weil sie gar nicht wissen können, wer oder was sie sonst zu sein hätten.

So ist es ein Kreuz mit Reformideen, die an Potenzialitäten appellieren, die gar nicht allen zur Verfügung stehen. Pflichtschuldig nimmt Sloterdijk seinen Nietzsche vor dem Verdacht der Bestialität in Schutz: Das Konzept des "Übermenschen" habe dieser schließlich gar nicht so gemeint. Aber wer die Goldmedaillengewinner in den Wettkampfbüros des Humanismus feiert, der müsste seinen Blick schon etwas schärfen für die Nöte derjenigen, die nur Blech gewonnen haben. Sloterdijks "Menschenpark" – vor gut zehn Jahren noch ein Anlass, dem Autor "Züchtungsfantasien" zu unterstellen – ist kein Streichelzoo. Er ähnelt heute eher einer chromblitzenden Kraftkammer, in der definitionsgemäß kein Platz bleibt für Menschen, die die horrenden Eintrittspreise für das metaphysische Workout nicht erlegen können. Diese Unempfindlichkeit für die notwendigen Transferkosten im Kulturausbau der Gemeinwesen markiert noch immer eine Ärgerlichkeit in Sloterdijks Denken. Da helfen auch die pflichtschuldig erledigten Begriffsoperationen am Kadaver des Sowjetkommunismus gar nichts.

Dass wir alle unsere Leben zu ändern hätten, steht als hastiges Vermächtnis am Ende dieses Buches. Das künftige Weltimmunsystem wird uns mit Blick auf die globale Ökologie alle einschließen müssen. Oder wir werden die Athletikzentren der Humangeschichte für immer schließen. (Ronald Pohl, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 09./10.03.2009)

Peter Sloterdijk, "Du musst dein Leben ändern. Über Anthropotechnik" . € 25,50 / 730 Seiten. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009

  • Der Mensch als jenes "neben sich selbst gesetzte Tier" , das nicht
bleiben kann oder will, was es gewesen ist: Peter Sloterdijk.
    foto: heribert corn

    Der Mensch als jenes "neben sich selbst gesetzte Tier" , das nicht bleiben kann oder will, was es gewesen ist: Peter Sloterdijk.

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