Fritz Neugebauer im STANDARD-Interview: Warum er so oft Nein sagen muss und was der Unterschied zwischen Schüssel und Motorradfahrer Neugebauer ist
Neugebauer: Ich sollte öfter auf dieser Tischseite sitzen (schaut aus dem Büro des 2. Nationalratspräsidenten Richtung Innenstadt), hier hat man eine völlig andere Perspektive. Da, das Herrengassen-Hochhaus: erstes Hochhaus Wiens.
Standard: Da wohnt ein Kollege von "Profil". Dort fragte Sie unlängst Kolumnist Nikowitz in einem seiner nie geführten Interviews: "Bekommen Sie für dieses Interview eine Zulage?" Was würden Sie antworten?
Neugebauer: Na: Was legen Sie auf den Tisch?
Standard: Ich biete zum Aufwärmen ein paar kurze Fragen. Wo gehen Ihre zwei Enkeltöchter zur Schule?
Neugebauer: Öffentliche Volksschule, Korneuburg.
Standard: Was ist ein guter Schüler?
Neugebauer: Einer, der wissbegierig ist, die Dinge kritisch hinterfragt.
Standard: Ein guter Lehrer?
Neugebauer: Einer, der diese Eigenschaften fördert.
Standard: Guter Bildungsminister?
Neugebauer: Einer, der für Rahmenbedingungen sorgt, damit dieses Kritisch-wissbegierige auch ordentlich wachsen kann.
Standard: Ihre Traumschule?
Neugebauer: Keine Fabrik, zwölf Klassen mit maximal 15 Kindern und einer Schulleitung, die von bürokratischem Kram entlastet ist und Zeit für Pädagogisches hat, sich um alle Wechselfälle des Lebens kümmern kann.
Standard: Wie passen Sie und Reformfreude zusammen?
Neugebauer: Ich bin Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, aber überzeugt, dass Reformen im Bildungsbereich nie revolutionär und im Befehlston sondern nur evolutionär ablaufen können und die Teilhabe möglichst vieler braucht.
Standard: Entspricht Ministerin Claudia Schmied Ihrem Anspruch?
Neugebauer: Als Resumee der jüngsten Debatten muss ich festhalten, dass sehr viel dessen, was Schule braucht, nämlich Begeisterung, zerstört wurde.
Standard: Von Schmied?
Neugebauer: Natürlich, die Lehrer haben ja nur auf ihre Ideen reagiert. Die Ministerin hätte die Lehrer auch als schulterschließende Mitstreiter bekommen können.
Standard: Begonnen hat der Streit mit der Weigerung der Lehrer, zwei Stunden mehr in der Klasse zu stehen. Ihre Darstellung, das hätte 10.000 Lehrerjobs gekostet, kam in der Öffentlichkeit nicht an. Sogar die "Krone" schlug sich auf Seite der Ministerin, war gegen Lehrer und Gewerkschaft. Vergeigt?
Neugebauer: Niemand konnte damit rechnen, dass Frau Schmied einen Vorschlag macht, der 10.000 Jobs kostet, hauptsächlich von Frauen. Wir haben Zeit gebraucht, dieses Aha-Erlebnis zu verdauen. Und Lehrerdreschen ist keine Kunst. Mir geht's nicht darum, was die Öffentlichkeit an Diffamierendem sagt, wenn wir am richtigen Weg sind, Solidarität üben. Keine Gewerkschaft unterstützt Jobabbau.
Standard: Haben Sie die Schüler verstanden, als die nach dem Streit auf die Straße gegangen sind, weil zwei schulautnome Tage wegfallen?
Neugebauer: Nein. Mich amüsiert das eher, weil das doch erst 2010 oder 2011 schlagend wird. Noch weniger verstehe ich aber die Wirtschaft, die angesichts dieser zwei Tage aufschreit und sagt, die Betten seien nicht ausgelastet. Da könnten wir gleich gar keinen Unterricht machen, dann wären alle Hotelbetten ausgelastet. Die Vorschläge, die da kommen, sind abenteuerlich. Jetzt werden Herbstferien gefordert - ich selbst habe genau diese Herbstarbeit immer als fruchtbarste Unterrichtszeit erlebt.
Standard: Sie haben 1996 das letzte Mal unterrichtet, an der Hauptschule Pöchlarnstraße in Wien-Brigittenau....
Neugebauer: ...leider, das Unterrichten geht mir sehr ab.
Standard: Was ist das Schöne dran?
Neugebauer: Ich mag die Begegnung mit den Heranwachsenden. Mitzuhelfen, dass etwas wächst, für jeden ein für seine Begabung maßgeschneidertes Lernrezept anzubieten, das ist faszinierend.
Standard: Lehrer, Ihr Traumjob.
Neugebauer: Der musische Bereich hätte mich schon auch interessiert, ein Instrument perfekt zu spielen...
Standard: Sie spielen doch Klavier. In Schüssels Musikantengruppe, in der Elisabeth Gehrer Flöte gespielt hat, waren Sie nicht.
Neugebauer: Nein. Chorsingen und Dirigieren hätten mich übrigens auch gereizt, gesungen hab' ich immer gern. Singen verbindet.
Standard: Der Parlamentschor böte sich doch an.
Neugebauer: Da war ich nie, den gibt es auch nicht mehr. Ich liebe die Oper, Operette, Verdi, Puccini.
Standard: Gehen Sie da, wie VwGH-Präsident Jabloner, immer auf Stehplatz in die Staatsoper?
Neugebauer: Nein, so militant bin ich nicht unterwegs.
Standard: Als Gewerkschafter sind Sie eher schon militant.
Neugebauer: Was wäre der Gegensatz zu militant?
Standard: Gemäßigt.
Neugebauer: Ich bin ein realistischer Gewerkschafter.
Standard: Und tiefschwarz. Stammen Sie nicht aus sozialistischem Milieu? Sie wuchsen im zweiten Bezirk auf, Ihre Mutter war Schneiderin, Ihr Vater Eisenbahn-Beamter.
Neugebauer: Nein, mütterlicherseits aktiv katholisch, mein Vater war ein Bürgerlicher, der unter den sozialistisch geführten Eisenbahnern einigermaßen litt.
Standard: Was ist eigentlich Ihr bildungspolitisches Ziel? Man weiß eigentlich nur, wogegen Sie sind, etwa gegen Ganztags- oder Gesamtschule.
Neugebauer: Nein, nein, das muss man differenzieren. Sicher, wir brauchen wegen steigender Nachfrage immer mehr ganztägige Schulbetreuungsformen, aber ob man das mit verpflichtender Ganztagsschule macht, ist etwas anderes. Es muss immer das Wechselspiel zwischen An- und Entspannung für die Schüler stimmen. Und zur Gesamtschule: Da verbeißen sich alle in die äußere Form, dabei geht es um ausreichend pädagogisches Personal für kleine Lerngruppen und maßgeschneiderte Förderung für alle Schüler.
Standard: Es geht doch darum, dass man die Ausbildungslaufbahn von Kindern nicht schon mit zehn Jahren fixfertig vorbestimmt.
Neugebauer: Das stimmt doch nicht, unsere Lehrpläne sind durchlässig, da können jederzeit Übergänge in andere Schulformen gemacht werden. In Wirklichkeit geht es um die Statusfrage: Wenn einer von der zweiten Klasse Gymnasium in die dritte Klasse Hauptschule wechselt, spricht man von Abstieg.
Standard: In Wien jedenfalls ist das doch auch meistens so.
Neugebauer: In Wien ist die Schulfrage sehr oft mit Prestigedenken verbunden oder mit der Frage, welches der kürzeste Schulweg ist. Wenn in einer Klasse viele Ausländerkinder sind, ist das aber schon ein Problem, das gebe ich zu. Als ich in der Brigittenau unterrichtet habe, waren schon 80 bis 85 Prozent der Schüler Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache. Da musste ich die Ansprüche zunächst hinunterschrauben, aber das alles hat nichts mit Lernbereitschaft der Schüler zu tun.
Standard: Aber mit ihren Chancen.
Neugebauer: Auch nicht, ich treffe viele ehemalige Schüler, aus denen etwas geworden ist: Der eine hat ein G'schäftl, der andere ist Kriminalbeamter beim Bundespräsidenten geworden. Heute gibt es allerdings Klassen, da hat der arme Kollege mit hundert Prozent bunter Mischung zu tun, da geht es darum, die Schüler zunächst mit den einfachsten Kulturtechniken vertraut zu machen. Aber wenn die Klassen nicht so überfrachtet sind, dann kann man schon Lernerfolge erzielen. Es geht einfach darum, einen Nährboden zu schaffen, einen, der so beschaffen ist, dass die Kinder gefordert sind.
Standard: Obwohl Sie es anders sehen, gelten Sie als Reformverweigerer, Neinsager, Blockierer...
Neugebauer: Ich habe mich daran gewöhnt. Das sagen nur Leute, die mich nie gesprochen haben.
Standard: Nein. Auch Leute, die Sie kennen und mit Ihnen verhandeln.
Neugebauer: Nein ist sicher nicht mein Lieblingswort, ich würde lieber viel öfter Ja sagen. Aber wenn Dummheiten hinausposaunt werden, gibt es nur: Nein, so nicht. An sich hasse ich Streit, bin ein friedfertiger Mensch...
Standard: Sie hatten immer eine Aversion gegen das Diktat von oben?
Neugebauer: Ja, so gesehen bin ich ein 68er, ohne dass ich je einer war. Das Diktiertwerden hat mich schon als Klassensprecher gestört. Ich hatte ja das Privileg, Helmut Zilk zum Pädagogiklehrer zu haben...
Standard: Von ihm schwärmen Sie sehr, warum?
Neugebauer: Ja, weil er konnte zwei Stunden reden - und das sehr fesselnd.
Standard: Können Sie sich Zilk als Spion vorstellen?
Neugebauer: Nicht als klassischen Spion, aber er war ein offener Mensch, hat gern Geld ausgegeben. Was er den Freunden da erzählt haben mag, stand bei uns wahrscheinlich in jeder Tageszeitung.
Standard: Sie behaupten, Sie hätten in den vergangenen Jahren "sehr viel bewegt". Was genau?
Neugebauer: Wir haben unaufgeregt Gehaltsrunden gedreht, ein neues Dienstrecht für den öffentlichen Dienst gemacht, die Pensionsreform unter Schwarz-Blau...
Standard: Ihre Zustimmung dazu hat Ihnen der ÖGB nie verziehen, kostete Sie den ÖGB-Vizechef-Job.
Neugebauer: Ach, heute verstehen die das. Die Pensionslösung für den öffentlichen Dienst haben wir damals mit Schüssel und Zustimmung der sozialdemokratischen Gewerkschafter ausverhandelt.
Standard: Mit Schüssel haben Sie sich ja blendend verstanden.
Neugebauer: Ja, mich fasziniert seine klare Analyse. Aber er war viel zu schnell, ich hab ihm oft gesagt: "Dein Tempo, Wolfgang, ist zu hoch. Die Leute müssen das ja alles erst verdauen."
Standard: Privat stehen Sie ja interessanterweise selbst auf Geschwindigkeit, als Motorradfahrer.
Neugebauer: Oh, ich fahre mit Gelassenheit.
Standard: Ihre Yamaha ist laut Prospekt sehr reisetauglich. Dabei fahren Sie meist im Weinviertel...
Neugebauer: Ich fahre ja nicht ständig, daher tut mir nach drei Stunden schon der Hintern weh...
Standard: Wundert mich. Ein Verhandler sagt über Sie: "Neugebauer sitzt uns noch alle ins Grab."
Neugebauer: Das will ich aber nicht. Wobei, es ist ein alter Grundsatz: Wer aufsteht, verliert.
Standard: Wenn Sie in einem Büro aufstehen, setzen Sie sich im nächsten. Sie sind Nationalratspräsident, Chef der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst GÖD, Chef des Arbeitnehmerbundes der ÖVP, ÖAAB. Welches ist denn Ihr Lieblingsjob?
Neugebauer: Am liebsten bin ich Opa. Der Sonntag ist bei uns heilig, da trifft sich die Familie oft daheim oder im Kaffeehaus.
Standard: Aber nicht im Holunderstrauch, in dem Innenstadt-Beisl haben Sie so etwas wie ein Büro.
Neugebauer: Früher, da haben wir uns ja in der Kantine des Unterrichtsministeriums getroffen bei Fernsehkoch Andi Wojta. Das war für mich als Lehrervertreter ideal: Wir haben keine Verhandlungsräume gebraucht, sondern bei einem Glas Bier geredet. Der Holunderstrauch liegt in der Nähe aller Ressorts, da treff' ich jede Menge Leute, muss keine Termine machen, rede zwischen Tür und Angel. Dort stimmt auch die Mischung der Gäste: jung, alt, jede Schicht. Wenn ich da eine halbe Stunde plaudere, kenn' ich die Meinungslage in Österreich.
Standard: Wie ist die Meinungslage des Gewerkschafters zu Lohnverzicht und Managergehältern?
Neugebauer: Lohnverzicht ist sicher nicht der neue Weg. Und Chefgehälter? Purer Neidkomplex. Wenn Manager Jobs sichern, können sie gar nicht genug verdienen. Die Aufsichtsräte sollen sich den Kopf zerbrechen, wie sie diese Messlatte in Verträgen verankern.
Standard: Sie kamen 1997 selbst ins Kreuzfeuer, als Ihr Einkommen von 158.000 Schilling bekannt wurde. 40.000 brutto bekamen Sie als dienstfrei gestellter Lehrer für zwei Wochenstunden Deutsch. Darauf haben Sie dann großteils verzichtet.
Neugebauer: Ich habe auf nichts verzichtet, war als Abgeordneter freigestellt und bezog mein Lehrergehalt. Danach habe ich die zwei Stunden halt nicht mehr gehalten.
Standard: Sie haben einmal gesagt, die Bevölkerung hat die Funktion und Bedürfnisse des öffentlichen Dienstes seit Joseph II. nicht begriffen. Ganz schön langsam, das Volk.
Neugebauer: Ist doch so: Werden öffentliche Dienste in Anspruch genommen, werden sie geschätzt. Treten Beamte aber in Ausübung des öffentlichen Gewaltenmonopols an die Bürger heran, werden sie gar nicht mehr geschätzt.
Standard: In der ÖVP werfen Ihnen manche vor, den ÖAAB zu beamtenlastig geführt zu haben.
Neugebauer: Erstens: Am 20. Juni um 13 Uhr endet meine Funktion im ÖAAB, da finden Neuwahlen statt. Zweitens: Die Hälfte der ÖAAB-Mitglieder kommt aus dem öffentlichen Bereich - und da standen in letzter Zeit eben viele Themen an. Ich habe die sieben Wochen Lehrerhatz ja nicht erfunden.
Standard: Lehrerhatz? Warum sind Lehrer eigentlich so angerührt, viele von Ihnen reagieren auf Kritik wie Mimosen.
Neugebauer: Angerührt sind Lehrer nicht. Wissen Sie, es ist schon interessant: Bei direkten Begegnungen mit Lehrern ist die Achtung für sie durchaus da, aber in der Gruppe, mediatisiert, heißt es: Die Lehrer hackeln nichts. Dieses Nicht-Verstandensein macht Lehrer nervös.
Standard: Letzte Frage: Worum geht's im Leben?
Neugebauer: Worum geht es? Worum geht es wirklich? Was haben Sie studiert? Jus? Ich habe eher an Philosophie gedacht. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.5.2009)
Zur Person
Fritz Neugebauer (64) ist Chef der Gewerkschaft öffentlicher Dienst, Zweiter Nationalrats-Präsident und bis 20. Juni Chef des ÖVP-Arbeitnehmerbundes ÖAAB. Der passionierte Großvater und Biker war Deutsch- und Geografie-Lehrer, wurde in den 60ern Personalvertreter. Jüngst hat er Bildungsministerin Claudia Schmied zum Kniefall vor den Lehrern ausgesessen.