Die Miniradl-Romanze

glu, 9. Mai 2009, 17:33

Am Wochenende fuhr Guido Gluschitsch zufällig ein altes Klapprad. Da kamen Erinnerungen hoch.

Letztes Wochenende, in der Steiermark, lehnte an einer Hausmauer ein altes, rotes Klapprad - ein "Miniradl", wie wir es damals nannten. Ich konnte nicht anders, als den Besitzer zu fragen, ob ich denn eine Runde in seinem Hof fahren dürfe. Er schaute mir verdutzt in die großen, glänzenden Augen und gestattete mir eine Hofrunde.

Meine Mutter hatte Anfang der 1980er Jahre ein silbernes Miniradl, mit dem sie alle heiligen Zeiten einmal zum Arbeiten fuhr. Meist stand das Fahrrad zu Hause. Und zusammengefaltet wurde das Klapprad nicht ein einziges Mal. Aber gefahren wurde es oft. Von mir und meinem Bruder. Bei den 20"-Rädern und dem niedrigen Rahmen hatten wir bald die Größe, dass wir, wenn wir den Sattel ganz niedrig stellten, sitzend fahren konnten. Die Drei-Gang-Nabenschaltung machte uns zu den Schnellsten im Dorf und bald hatten wir heraußen, wie man Sprungschanzen baut, über die man bis ins Krankenhaus springt. Auch der Wettbewerb des längsten Wheeleys endete in der Notaufnahme. Das Bussi von der Mama wegen des verbogenen Koderers gab es dann wieder zu Hause.

Ein Jahr lang sah ich das arme Klapprad leiden. Eine amerikanische Austausch-Schülerin fuhr damit jeden Tag in die Schule. Und jeden Tag hing ihr Hintern mehr über den Sattel, bis man diesen nicht mehr sah und wir Witze darüber machten, wie viele Tage und Kalorien es wohl noch dauern würde, bis ihr der Hintern in die Speichen oder in die Kette kommen würde.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich in der Hofeinfahrt eine Runde nach der anderen drehte. Am Anfang tat ich mir noch schwer. Die kleinen Räder sind, bei den niedrigen Geschwindigkeiten beim Kreisfahren, ungewohnt kipplig, aber bald stellte sich die Freude und die Sicherheit meiner Kindheit wieder ein. Nur schweren Herzens gab ich dem Mann das Fahrrad zurück, und er entschuldigte sich für den schlechten Zustand des Miniradls, aber er habe es erst letzte Woche gekauft und sei auf die Schnelle nur zum Ketten schmieren gekommen.

Kette schmieren geht beim aktuellen Klapprad von Timor nicht ganz so einfach, hat es doch einen geschlossenen Kettenschutz, damit man sich nicht so leicht dreckig machen kann. Bei der Planung des Timor hat man überhaupt gleich auf Komfort geschaut: Es hat dickere Reifen, einen recht langen Radstand und einen hohen Lenker. Mit der 8-Gang-Shimano-Schaltung kostet es rund 1800 Euro, mit der 14-Gang Rohloff-Schaltung um die 2700 Euro.

Um rund 2300 Euro bekommt man beim Flyer Elektro-Klapprad die Tretunterstützung dazu. Übersetzt wird auf dem Flyer entweder mit 8-Gang-Naben-Schaltung oder 9-Gang-Ketten-Schaltung. Eine 8-Gang-Schaltung von Shimano hat das Birdy Hybrid-Klapprad um 3200 Euro. Beide Räder haben eine Tretunterstützung - das Birdy ist aber mit 18 Kilogramm etwas leichter als der Flyer.

Noch leichter, nur 10,9 Kilo schwer, ist das Klapprad Tournado vom Weltmarktführer Dahon. Der Tournado hat 28"-Reifen, einen zerlegbaren Rahmen und kostet rund 2000 Euro.

Rund 900 Euro legt man für das günstigste Brompton Custommade auf den Tisch. Aber den Preis kann man selbst fast beliebig steigern, je nachdem, wie man sich selbst sein Fahrrad zusammen stellt. Man kann aus drei Lenkern wählen, 16 Farben und unterschiedlichen Übersetzungen und Schaltungen. Hartgesottene kaufen sich Teile in Titan dazu, wie etwa die Gabel, die Sattelstütze oder die Schutzbleche.

Kein Titan und kein Carbon hat das alte Miniradl, mit dem ich gefahren bin. Es hat keinen Komfort und vermutlich hat es noch nie jemand zusammen gelegt. Aber es hat eine Patina, und die 5 Euro, die der Mann letzte Woche für sein Klapprad zahlte, könnte ich auch noch aufbringen. Als ich den Mann fragte, ob er mir sein Miniradl verkaufen würde, wiest er mir nur den Weg in seine Garage, wo zwei Mountainbikes und ein Damenfahrrad standen. Von denen könnte ich eines haben, wenn es denn sein müsse, aber sein Miniradl verkauft er nicht - nicht um viel Geld. (Guido Gluschitsch)

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anna b
00
13.5.2009, 07:45

5€ für so ein gebrauchtes Teil ist natürlich viel zu wenig, so ein Glück muss man mal haben. Zudem schade, dass neue Falträder so teuer sind. Wär echt praktisch, vor allem weil der (spontane) Fahrradtransport in der ÖBB quasi unmöglich ist..

dilino
00
11.5.2009, 11:25
Warum firmieren ...

... Berichte über Fahrräder im umweltbewußten Standard unter der Kategorie "Automobil"? Das Radl ist definitiv kein "Selbstbeweger", da muss man schon was dazutun. ;-)

trifasciata
00
11.5.2009, 19:25
Um das zu beantworten, muss man wissen..

.. das das Wort AUTOMOBIL vor dem letzten Relaunch AutoMobil geschrieben wurde ;-)

ganz weit weg
00
11.5.2009, 03:12

ahem ...

nachdem ich .at schon laenger nicht betreten habe muss ich die frage stellen...

gibts da keine radln mehr die weniger als 20 tausender kosten????????? wenn ich div. artikeln hier lese, krieg ich diesen eindruck ...

wir hatten auch ein miniradl, grob geschaetzt um ATS 790,- bis 990,- vom konsum

Jim Kirk
00
15.5.2009, 09:02

ja es gibt eigentlich sehr viele räder unter 20.000 Euro, aber was sind ATS?

miraculix66
 
00
13.9.2009, 09:52

würde man öfters in ats umrechnen würde es die euro-euphorie ganz schön schnell relativieren....

maxbz
00
12.5.2009, 10:35
gutes Rad ist Geld wert

Schauen Sie zum Vergleich mal einen Autotestbericht an:
für das Geld von diversem Schnickschnack der so beiläufig auf die Ausstattungsliste gesetzt wird, (Metalliclackierung, Leichtmetallfelgen etc. )bekommt man schon ein tolles Fahrrad.

Lethawae
00
11.5.2009, 11:14

Klar gibt's die.
Die sind aber total unsexy und deshalb einfach nicht für einen Artikel geeignet.

ganz weit weg
00
11.5.2009, 22:45

na ja die teuren truemmer da oben find ich aber auch nicht gerade sexy ...

Lethawae
00
11.5.2009, 23:46

Sind sie leider auch nicht wirklich.

Wie wäre es damit?
http://is.gd/yWRe

manumanu
00
15.5.2009, 11:48
extrem sexy Radl!

Lethawae
00
16.5.2009, 21:41

Und nicht mal teuer!
(Verglichen mit einem Neuwagen)
;-)

Sku World
00
10.5.2009, 10:17
Ja, Gratis-Transport in den Öffis ist mit Falträdern möglich

Ja, in den Öffis und in der ÖBB (da findet sich sogar ein entsprechender Link im Google) dürfen Falträder kostenlos mitgenommen werden, zumindest wenn sie mit einer Schutzhülle die anderen Passagiere (vor Ölflecken und dergleichen) schützen. Den Artikel find' ich übrigens sehr cool. Ich denk', der Glugitsch trifft den Nerv der Zeit, weil zB. in dem neuen (unnötigen) Railjet, oder eben Strassenbahnen usw. sowieso sind ja gar keine Räder (mehr) erlaubt und Falträder logischerweise schon. Der Trend geht sicher in die Richtung, wenn man sich die Absatzzahlen von Dahon & Co. ansieht.

friedrich wilhelm voigt
00
öffis

darf man mit einem zusammengeklappten klapprad mit den öffentlichen verkehrsmitteln fahren? (mit normalen darf man ja nur in der ubahn und das auch nur zu nutzlosen zeiten)

und muß man für ein zusammengeklapptes klapprad auch eine halbpreiskarte lösen? wenn man es nicht macht und man wird erwischt, zählt das als schwarzfahren?

Tadej Brezina
00
10.5.2009, 00:30

Also die ÖBB-Tarifbestimmungen sehen den kostenlosen Transport für Falträder vor, sofern sie sich in Taschen befinden.
Mein Brompton umhülle ich immer bei der ÖV-Mitnahme (ÖBB & WLB) immer mit der mitgelieferten Hülle.
Klein, praktisch, gut.

friedrich wilhelm voigt
00
10.5.2009, 09:33

wenns umhüllt ist, wird natürlich keiner was sagen, weils keiner sieht. aber mich würd halt interessieren, ob beamtenseelen-kontrolleure dann anfangen zu stänkern, wenn sie ein fahrrad sehen, weil es ja extra-bestimmungen für fahrräder gibt. und ein zusammengeklapptes fahrrad ist ja immer noch ein fahrrad.

wie schaut diese hülle aus? kann man die bequem in einem rucksack transportieren?

Jim Kirk
00
15.5.2009, 09:04

Nein ein zusammengeklapptes fahrrad ist kein fahrad mehr, da es in dem zustand ja nicht fahrtauglich ist und daher wie ein gepäckstück zu behandeln ist.

ljack
00
15.6.2009, 20:38

Ein Freund von mir wurde schon aus den Öffis geworfen, weil er Einzelteile eines Rades transportierte (Rahmen sowie einzelne Laufräder).
Also ganz so einfach ist es mit den Herrschaften der Wiener Linien nicht...

Lethawae
00

Lieber Glu,
der Hintern hängte nicht sondern hing.

Und ich glaube, niemand hat jemals ein Klapprad zusammengeklappt.

miraculix66
 
00
13.9.2009, 09:55

also ich hab bei einem spanienurlaub ein klapprad gekauft und bin nach hause (bergauf) immer mit dem bus gefahren- faltrad vorher immer schön gefaltet und und in bag gegeben. hat wunderbar funktioniert.- in der früh , downhill, hat einen für alles entschädigt...

Jim Kirk
00
15.5.2009, 09:06

Ich glaub es ist einfacher ein klapprad zusammenzufalten als die räder (auch mit schnellverschluß) abzuschrauben, denn anders würde ich es nicht in mein auto (5 meter kombi) bekommen.

Noussom Dakkor
00
10.5.2009, 14:21

also, meine mutter hat mein kr immer zusammengefaltet, sonst hätt's nicht in den kofferraum vom motorisierten zündolzschachterl gepasst. ergebnis des vielen auf-und-zu war dann ein aufklappen des rahmens während der fahrt. seitdem mag ich kr nicht mehr so sehr...

Guido Gluschitsch
 
00
10.5.2009, 13:06
Ich erlaube mir ja gerne

Dialekteinschlüsse ins Geschriebene, was dem Magengeschwür der Lektorin sehr zuträglich ist. Im steirischen sagt niemand "hing" da "hängte" natürlich alles.

Ihnen zu liebe und trotz einer Siegerpose der Lektorin: "Es hängte is falsch – und aus!" hab ich das Prädikat eingedeutscht.

glu

Lethawae
00
11.5.2009, 00:34

Ich glaube, ich mag deine Lektorin. ;-)
Frag sie doch bitte mal, was sie von "Am Anfang tat ich mir noch schwer." hält.

Übrigens sehr schön, daß du jetzt als Botschafter des Fahrrades deinen Dienst tust.
Weiter so.

Belacqua
02

Wow, Sie können ja sogar witzige, interessante - kurz: tolle - Artikel schreiben. Vielleicht sollten Sie sich einfach aus der Motorrad-Ecke verabschieden und sich dem richtigen Schreiben widmen?

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