STANDARD-Interview

Havel über Zilk: "Geheim­dienst - Zusam­menarbeit wohl offenkundig"

7. Mai 2009, 07:07
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    foto: apa/epa/ctk/stanislav zbynek

    Der Autor Václav Havel (hier auf einem Archivbild mit Helmut Zilk) war Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77, von 1989 bis 2003 Präsident Tschechiens.

Den früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel hat nie interessiert, wer ihn bespitzelt hat

Den früheren tschechischen Präsidenten Václav Havel hat nie interessiert, wer ihn bespitzelt hat. Warum er im Fall Zilk "bewusst im Plural" spricht, erklärte er in Prag Michael Kerbler und Alexandra Föderl-Schmid.

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Kerbler: Es ist immer spannend zu sehen, was fehlt in einer Biographie. Ich habe nachgeschaut, was die Stasi über mich zusammengetragen hat. Hat Sie nie interessiert, wer Sie bespitzelt hat?

Havel: Ich gebe zu, dass mich das nie besonders interessiert hat. Wenn darüber nichts bekannt ist, und ich auch nichts darüber weiß, dann wohl deshalb, weil es vernichtet worden ist in der revolutionären Zeit. Über mich mussten doch tausende Blatt an Akten vorhanden gewesen sein, ich hatte hunderte Verhöre in meinem Leben. Mich hat nicht mal interessiert, wer mich verraten hat.

Man hat mir gleich nach der Revolution eine Aufstellung, eine Liste meiner engsten Freunde gegeben, die mich systematisch denunziert haben. Aber ich habe diese Liste nicht nur verloren, sondern sogar vergessen wer auf der Liste stand. Ich glaube, dass das bei uns nicht wirklich gut organisiert ist.

In Deutschland ist das ein wenig besser, denn dort existiert die „Gauck-Behörde“. Bei uns war es ziemlich wirr. Die gesamte Angelegenheit ist sehr heikel. Zum Beispiel ist es für die Beurteilung wichtig, welche Bedeutung der zeitgeschichtliche Rahmen hat, wie sich die Menschen verhalten haben, was Menschen nicht ausgesprochen haben, aber in ihrer Haltung sehr wohl sichtbar wurde. Ereignisse herausgerissen aus dem Kontext – da können einzelne Informationen die Geschichte eher fälschen als sie verständlicher machen.

Föderl-Schmid: Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk hätte 1998 einen hohen Orden bekommen sollen. Als Hinweise auftauchten, Zilk habe Spionagedienste für die kommunistische Tschechoslowakei geleistet, haben Sie ihm keinen Orden verliehen. Beim Trauerakt für Zilk vergangenen November haben Sie folgenden Satz gesagt: "Vielleicht haben wir ihm aufgrund unserer Unkenntnis auch Unrecht getan, vielleicht haben wir ihn verletzt und ich möchte mit im Namen der Tschechen bei ihm entschuldigen." Was haben Sie mit diesem kryptischen Satz gemeint?

Havel: Ja, das war damals schon umstritten. Ich bin von verschiedenen Seiten erpresst worden. Manchmal vielleicht aus guten Motiven, manchmal vielleicht aus schlechten Motiven, das Ganze war eine sehr verwickelte Geschichte. Es ist wahr, erst später habe ich mehr erfahren. Das damalige Gesetz hat keine Überprüfungen von Personen zugelassen, die ausgezeichnet werden sollten. Das heißt, wir hatten kein Recht uns über jene Personen, die an einem Feiertag auf der Prager Burg eine Auszeichnung – etwa einen Orden – bekommen sollten, zu erkundigen, ob sie Agent waren.

Wenn so etwas gemacht wurde, dann war das, ich möchte nicht sagen ungesetzlich, aber an der Grenze des Legalen, des Gesetzmäßigen, das war schon umstritten. Es kamen dann weitere Widersprüche und Fakten ans Tageslicht, über die ich ungern konkret sprechen möchte. Das, was ich am Begräbnis gesagt habe, gilt: falls wir ihn zu Unrecht gekränkt haben, möchte ich mich dafür entschuldigen. So ist das. Aber nähere Details möchte ich dazu nicht mehr sagen.

Föderl-Schmid: Trotzdem: War Zilk ein Spion?

Havel: Erstens müssten wir definieren, was wir unter Spion verstehen. Die Staatssicherheit, und ich spreche jetzt von unserem Land und nicht von anderen, kannte mehrere Kategorien von Mitarbeitern. Diese Kategorien haben sich historisch verändert. Es gab Vertrauensmänner und geheime Mitarbeiter, Besitzer von Konspirationswohnungen und Kandidaten für eine geheime Zusammenarbeit. Ich habe erfahren, dass auch ich als Kandidat für eine geheime Zusammenarbeit eingestuft worden war. Das ist eine Kategorie, in die man eingeordnet wurde mit der Absicht, diejenige Person eine Zeit lang zu beobachten und wenn sie zuverlässig erscheint, dieser Person eine Zusammenarbeit anzubieten. Die StB führte mich im Jahr 1965 oder so als einen Staatsfeind.

Die regionale Verwaltung in Prag hat mich dagegen als einen Kandidaten für geheime Zusammenarbeit in Evidenz gehalten. Also in unserem Fall ist es schwer, das Wort Agent zu verwenden. Dass es sich bei der Angelegenheit rund um Herrn Zilk um bestimmte Arten der Zusammenarbeit mit geheimen Nachrichtendiensten handelte, das ist wohl offenkundig. Das kann man so sagen. Aber mehr möchte ich nicht dazu sagen, speziell zu den Kategorien möchte ich mich nicht äußern. Ich sagte Nachrichtendienste, sprach also bewusst im Plural.

Kerbler: In Ihrem Buch „Fassen Sie sich bitte kurz“ haben Sie geschrieben, Sie haben sich nie für die Vertreibung der Sudetendeutschen entschuldigt. In anderen Unterlagen steht aber genau das. Was ist wahr?

Havel: Die Wahrheit ist, dass ich die Vertreibung kritisiert habe. Ich war damit nicht einverstanden, mein ganzes Leben lang nicht. Aber mit einer Entschuldigung ist das eine komplizierte Sache. Soweit ich mich erinnern kann, sagte ich einmal noch vor der Revolution, dass sich unser Staat für die Vertreibung entschuldigen sollte. Das war meine Formulierung, die Reflexion des Bürgers Václav Havel. Aber sich für etwas zu entschuldigen, was meine Vorgänger gemacht haben, erscheint mir sehr formal gedacht und erscheint mir weit von jeder Reflexion und sachlicher Analyse entfernt. So als ob wir uns mit einem „Tut leid“ plötzlich aus der historischen Verantwortung davon stehlen könnten. Letztendlich haben wir mit der Vertreibung draufgezahlt. Wer das heute sagt, spricht damit keinen revolutionären Gedanken aus, nicht wahr.

Föderl-Schmid: Worauf kommt es an im Leben?

Havel: Dass der Mensch nicht nur gesund, glücklich und zufrieden ist, sondern auch im ständigen Einklang mit seinem Gewissen lebt. Ungeachtet ob sie Gläubige oder Atheisten sind: alle verspüren über sich ein Gedächtnis, ein Weltgedächtnis, das alles weiß. Es gibt eine Instanz, der man nichts verheimlichen oder verschweigen kann und nur auf das Urteil dieser Instanz kommt es an. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2009)

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dermartino
01

Havel ist extrem diplomatisch. Wer sinnerfassend lesen kann, dem ist klar was auch vorher schon längst klar war...

Queen of Sheba
 
04
Auf die Plural-Aussage nicht nachzuhaken, ist journalistisches Unvermögen.

gefühlte Inflation
41
"Letztendlich haben wir mit der Vertreibung draufgezahlt."

Draufgezahlt. Wem? Was? Wann? Wieviel?

divis
 
02
Die Tschechoslowakei hatte im Gegensatz zu Polen, das im Osten größere Gebiete an die Sowjetunion verlor, als es im Westen von Deutschland gewann (so wurde Breslau praktisch zu einem neuen Lemberg), nicht die Ressourcen und die Bevölkerung, um...

...sämtliche von den Deutschen verlassenen Gebiete wiederzubesiedeln.

Weswegen große Teile dieser Regionen bis heute absolute Krisengebiete sind, unterbevölkert und mit der höchsten Arbeitslosigkeit in Tschechien:
http://tinyurl.com/cghz6q

Die Tschechoslowakei hätte 1945 mit ihrer größtenteils unzerstörten Industrie alle Chancen gehabt, wie schon während der Zwischenkriegszeit einen Platz unter den führenden Industrienationen der Welt einzunehmen. Dass es nicht so kam, ist natürlich größtenteils kommunistischer Misswirtschaft zuzuschreiben, aber eben auch dem Aderlass von 3 Mio. Staatsbürgern.

Ehrlich: Was hat der odsun den Tschechen gebracht? Außer großer, aber kurzfristiger Befriedigung, Stauseen und Truppenübungsplätzen?

MIP1
01

Nicht mit der Vertreibung, das ist nur eine Koinzidenz, letztlich eine entlastende Formulierung. Aber die Vertriebenen haben es besser gehabt als die Vertreiber. Das ist natürlich richtig. Das Leben der Vertriebenen in Österreich und Deutschland waren besser als das Leben, das sie in der Tschechoslowakei und in Polen gehabt hätten. Das ist kein Verdienst der Vertreiber, aber es war die (gar nicht intendierte und eigentlich zufällige) Folge der Vertreibung.

Surveyor1
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Wer zwischen den Zeilen lesen kann ...

hat's vermutlich endgültig begriffen, was da wirklich dran war.
Das würde halt nicht ins Bild derjenigen passen, die in Z. eine nationale "Heiligenikone" des Österreichertums gesehen haben.
So versuchte halt Vaclav Havel den Spagat zwischen Fiktion, Wunschdenken, Verdrängen u. Wirklichkeit zu schaffen, der ihm in seiner exzellenten diplomatischen Art auch einigermaßen gelungen ist.
Jeder kann sich daher sein eigenes Bild machen, was von dem "großen Polterer", der er auch immer war, letztendlich zu halten ist.

Kara Mustafa
 
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"Letztendlich haben wir mit der Vertreibung draufgezahlt."

Aha. Wie denn?

Demian Höllwarth
 
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v.a. ein ideeller Verlust an Kultur und Vielfalt

Es gibt heute eine Gruppe engagierter junger TschechInnen (Antikomplex) die haben ein Projekt, "Zmizele Sudety" - Verschwundene Sudeten. Sie sammeln alte Fotos aus den ehem. deutschsprachigen Gebieten und versuchen dann, das selbe Foto (Position, Perspektive) heute zu machen (oft ist ja von den Dörfern fast nichts übrig geblieben) und dann stellen sie (weitestgehend kommentarlos) die beiden Aufnahmen weitestgehend kommentarlos gegenüber.

Damit wollen Sie den Verlust, der mit der Vertreibung einhergegangen ist, begreifbar machen.

Ich vermute, wenn Havel von "draufgezahlt" spricht, denkt er an so etwas.

Andrei Tchoubrikov
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100 Jahre danach...

Das hat mit "Verlust" und den Sudeten rein gar nichts zu tun. Die Wiederaufnahme von Photos/Ansichtskarten vom gleichen Standpunkt X Jahre spaeter ist halt anschauliche Geschichte, und kein politischer Aktionismus. Bei jeder Stadt/Region gibt es in den vergangenen X Jahren Veraenderungen ... und weiter ?

z.B. fuer Moskau - http://retromoscow.narod.ru/

Igor Gassner
00
9.11.2009, 12:04
Das ist Unsinn

Da es nicht um natürliche Veränderung sondern um das Verschwinden ganzer Dörfer geht die oft 2000 Einwohner und mehr hatten und Jahrhunderte alt waren

Thomas Gummibaer
20
havel war selber einer, also er muss es wissen

fred h
20
man sollte sich in diesem leidlichen,perversen zusammenhang

net fotos türken@standradredaktion.seiz komplett durchgeknallt?was soll denn das.die sach is arg genug.

Le Comte
01
du solltest wieder die rosa pillen nehmen.

die dunklen tun dir nicht gut.

gk76
00
aber, aber

türken ist aber nicht politisch korrekt ;o)

Und was stört sie denn am Foto so sehr? Meinen Sie Havel und Zilk sollten nicht auf einem Bild gemeinsam sein? Wo soll da das Problem sein? Dass das Foto bearbeitet wurde, ist ja wohl offenkundig

divis
 
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"Letztendlich haben wir mit der Vertreibung draufgezahlt."

Punkt. Das, und nur das sollte tschechisch-sudetendeutscher Mainstream werden.

Kein Gegeifere um Beneš-Dekrete, kein gegenseitiges Aufrechnen vom Weißen Berg über 1918 und München bis 1945.

Bemerkenswerte und bewundernswerte Aussage.

cosmopolitano
 
03
Über die Benes Dekrete sollte man wirklich nicht mehr reden müssen,

denn derartig rassistische und die Menschenrechte mißachtenden Dekrete haben in einer Europäischen Gemeinschaft absolut nichts mehr verloren und sind für diese eine gehörige Schande! Ich habe viele Freunde und Bekannte in Tschechien, muß aber bedauerlicherweise sagen, daß Rassismus und Nationalismus dort noch sehr verbreitet sind, was sogar Premier Topolanek zugab. Die Schande des übrigen Europas liegt darin, daß man zu diesen Dekreten schweigt und nicht den Mut aufbringt, dagegen einzutreten. Andrerseits ist man sehr schnell mit Sanktionen...!

per verser
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mich erinnert es ein bißchen an kirchschlägers subtile und wirkungsvolle rehabilitation des "vergesslichen" waldheim - äußerst wirkungsvolle worte an die nation, die parteipolitischer nicht hätten sein können.

a klana indiana
010
....

zumindest ist die dagi auf ihre alten tage noch ein "bondgirl" geworden ;-)

bezirksrad
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Ein echter Wiener geht nicht unter

Auch der Zilk nicht.
Hochmut, Besserwisserei, schreien, schleimig sein - alles Argumente die Zilk rehabilitieren.
So einer KANN kein Spion sein, sondern Wiener...

Peter Hammer 06
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Ihr Nichtwiener seit dafür immer die BESTEN, gelln'S?

cannery row
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es gibt aber auch gute nachrichten..

für die hass, law-and-order und erhobener-zeigefinger-fraktion: jetzt gibts auch noch den meinl! und, wer weiss, vielleicht hat der muliar auch spioniert - wir werdens im profil oder einem ähnlichen aufdecker-qualitätsmedium lesen.

man kann derzeit wirklich den hass in mehrere richtungen loslassen, ungezügelt. natürlich ohne wirkliche infos oder backgroundwissen, aber eh wurscht: wir lesen & glauben, was gedruckt (oder gepasted ist).
herrliche zeiten!

Slow Down
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ich glaube

die dagi wird gleich zur havel bücherverbrennung an der pestsäule am graben aufrufen...

sir osis of liver
 
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könnt ma net die dagi auch gleich .......

gefühlte Inflation
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Bei der Entschuldigung unverbindlich

Allerdings: Entschuldigte er sich, schlüge man ihn zu Hause. Er hats ja einmal zart versucht und der Wirbel war groß, der Rückzieher promt. Ergo arrangiert er sich.

Hierzulande ist er per definitionem eine moralische Instanz und also unantastbar.

Der Boss der Bosse
05
Eine klassische Informantentätigkeit - auf DDR-Deutsch: "IM"

Daran können auch die diversen Beschönigungsversuche nichts ändern. Nachrichtendienste arbeiten und handeln vor allem mit Informationen und Informanten, wofür es im Gegenzug Geld oder andere Werte gibt. Und auch scheinbar irrelevante, harmlose Informationen können im richtigen Kontext tödlich sein und z. B. wichtige Personen erpressbar machen.
Wer glaubt, so kleine Gesprächsrunden in Parks oder Cafés mit lächelnd lauschenden Beamten aus Prag seien ja eh ganz, ganz nebensächlich gewesen, verwechselt die Filmwelt - wo Agenten herumballern und schöne Frauen flachlegen - mit der grauen, langwierigen Realität. Und ignoriert, dass die Zusammenarbeit mit solchen Kreise eine Frage der höchstpersönlichen Moral ist - oder der schlichten Geldgier.

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