Oswalt Kolle wurde in den 60er-Jahren zur Symbolfigur der sexuellen Revolution - der Filmemacher und Autor im Interview
Mit Christian Schachinger sprach Kolle im Vorfeld eines Vortrags in Wien über Pornografie und Sex im Alter.
Standard: Was ist von der "sexuellen Revolution" geblieben? Man hat den Eindruck, dass die Gesellschaft zwar medial durch und durch sexualisiert ist, sich aber eigentlich eine neue Prüderie oder Sexmüdigkeit auf dem Vormarsch befindet.
Kolle: Es gibt eine große Anzahl von Pornoseiten im Internet. Pornografie hängt immer schon mit technischer Entwicklung zusammen. Die ersten Fotos und Filme, die gemacht wurden, waren pornografischen Inhalts. 40 Prozent des DVD-Markts: Pornos. Andererseits habe ich 2008 eine Studie durchgeführt, bei der 60.000 Deutsche zu ihrem Sexualverhalten befragt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass die große Mehrheit nach wie vor sehr biederen, zärtlichen Sex praktiziert. Der alte Mythos, dass enthemmte Nackte auf den Straßen kopulieren würden, ist also gestorben. Weiters hält auch die Annahme nicht, dass die Menschen aufgrund sexueller Reizüberflutung lustlos geworden wären. Sex hat in den letzten 30 Jahren um 30 Prozent zugenommen.
Standard: Hat sich die Gangart verschärft?
Kolle: Ein kleiner Prozentsatz macht Spiele mit Peitschen. Ein ebenso kleiner Prozentsatz kasteit sich katholisch und will gar keinen Sex. Die Mehrheit aber wünscht sich lang andauernde, konventionelle Zweierpartnerschaften.
Standard: Durch die Internetangebote hat sich die Nachfrage tatsächlich nicht verändert?
Kolle: Je mehr Menschen Intersex gucken, desto stärker reagieren sie auf die Frage: "Glauben sie, dass ihr Partner / ihre Partnerin Sie nach den Qualitäten von Pornodarstellern beurteilt?" Leute, die regelmäßig Pornos konsumieren, neigen zu einem Ja. Man muss gerade den jungen Leuten klarmachen, dass es sich um inszenierte Filme ohne Anfang, Ende und körperliche Beschränkungen handelt. Sie haben nichts mit der Realität zu tun.
Standard: Macht Pornografie im Endeffekt unglücklich? Sie weckt Bedürfnisse, aber sie stillt sie nicht.
Kolle: Pornografie beruht auf Steigerung. Sie wird gemacht, damit man sich dazu selbstbefriedigt. Pornografie kann aber sehr nützlich sein, wenn man sie gemeinsam mit dem Partner schaut. Wenn die Beziehung ein bisserl müde wird, kann man sich daran wunderbar erregen, auch mal was nachmachen! Wer allein Pornos konsumiert, wird irgendwann vereinsamen. Diese Einstellung, dass überall die Post abgeht, nur zu Hause ist tote Hose, das ist schlimm.
Standard: Vor zehn Jahren war das Privatfernsehen voll mit Sexsendungen, jetzt regieren Kochshows. Haben sich die Leute sattgesehen?
Kolle: Das Publikum wollte nicht mehr. Außerdem wollte aus der Wirtschaft niemand mehr während Sexshows Werbung schalten. Die öffentlich-rechtlichen Sender machten ohnehin nie etwas in diese Richtung. Sexualität gehört gesellschaftlich allerdings ernsthaft diskutiert! Nicht als Freak-Show, sondern wissenschaftlich, fröhlich, wie auch immer. Einer meiner ersten Chefredakteure bei einer Zeitung meinte: Du kannst obszöne Bilder bringen, so viele du willst. Du musst nur drunter schreiben: Solche Scheußlichkeiten wollen wir nie wieder sehen!
Standard: Lederfetisch, Sex in Gummistiefeln, das alles scheint längst durchdekliniert. Sie beschäftigen sich heute intensiv mit dem Thema Sex im Alter. Handelt es sich um eines der letzten Tabus?
Kolle: Ja, dieses Tabu gilt es dringend aufzulösen! Wir werden immer älter und bleiben dabei gesund. Alten Menschen ist es aber oft peinlich, dass sie immer noch Sex haben. Von wegen: Meine Haut ist schlaff, ich sehe nicht mehr gut aus. Dafür hat man als Alter Lebenserfahrung und weiß, was man will! Man kann seinen Partner viel besser behandeln. Natürlich gibt es auch genügend alte unbelehrbare Rotzlöffel.
Standard: Sich seine Eltern beim Sex vorzustellen wird meist als unangenehm empfunden.
Kolle: Das sind alte Vorurteile, pubertäre Vorstellungen. Oma und Opa sollen auf einer Parkbank sitzen, Volkslieder singen und Tauben vergiften, aber sich bloß nicht im Bett herumtreiben. Ich sage: Genießt euer Leben! Wenn ihr allerdings keinen Spaß mehr am Sex habt, um Gottes Willen, lasst es! Wer keine Schaschlikwurst verträgt, soll sie auch nicht essen.
Standard: Sie pflegen einen offenen Umgang mit Viagra. Alice Schwarzer etwa findet Viagra schrecklich, weil es alten Böcken ermögliche, sich junge Frauen zu halten.
Kolle: Sie meinte, alte Böcke würden "mit neu aufgerüsteten Kanonenrohren hinter den Frauen herjagen" . Worüber man nichts weiß, darüber soll man schweigen. Viagra ist keine reine Erektionsspritze. Wenn Sie Viagra nehmen und still Ihr Auto waschen, geschieht überhaupt nichts - es sei denn, Sie sind so verliebt in Ihr Auto, dass Sie am Liebsten in den Auspuff onanieren wollen. Wenn ich sagen würde, eine Frau braucht keine erigierte Klitoris, das geht auch so, man haut einfach rein, dann würde die Welt für mich zu klein! Zu Recht. Man spricht weder über alte Frauen noch über alte Männer so!
Standard: Hängt Altersdepression auch mit toter Hose zusammen?
Kolle: Ja. Menschen, die sehr früh sexuell aktiv waren, die haben auch im Alter noch hohe Ansprüche. Je früher man anfängt, desto später hört man auf. Wenn jemand dann nicht mehr kann, macht das traurig. Viagra oder Cialis helfen, im Gegensatz zu mythisch verklärten Wundermitteln. Von wegen: Ich habe neulich sechs Austern gegessen, aber nur zwei haben gewirkt. Wenn mir jüngere Kollegen erzählen, die Alten würden nur noch vanilleschaumartigen Sex haben wollen, so mit ein bisschen Streicheln, sag ich: Ich war schon mal 36, aber Sie noch nicht 80.
Standard: Was hat sich seit den 60er-Jahren wirklich geändert?
Kolle: Ein anderer alter Chefredakteur von mir hat einmal gesagt: Ich finde das ja toll, dass der Oswalt so einen Erfolg mit seinem Zärtlichkeitsscheiß hat, das tut uns ja auch allen gut, aber bei mir zu Hause geht das ruckzuck und fertig. Die Frauen lassen sich das heute nicht mehr bieten. Die wollen nicht den schnellen Aufhüpfer, die wollen mit allen Sinnen etwas erleben. Der Umgang untereinander ist netter, zärtlicher geworden.
Standard: Herr Kolle, wie oft soll man eigentlich Sex haben?
Kolle: Umfragen ergeben immer Durchschnittswerte. Wenn ich mich mit Bill Gates vergleiche, sind wir beide Milliardäre.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.5.2009)