
Oswalt Kolle (80), mit seinen Filmen, Artikeln und Büchern einst "Sexaufklärer" der Deutschen: "Diese Einstellung, dass überall die Post abgeht, nur zu Hause ist tote Hose, das ist schlimm."
Zur Person:
Oswalt Kolle (80) war ab den 1960er-Jahren der Sexaufklärer der Deutschen. Seine Bücher und Artikelserien, vor allem aber seine umstrittenen Filme ("Dein Mann, das unbekannte Wesen" , "Was ist eigentlich Pornografie?" , "Liebe als Gesellschaftsspiel" ) erreichten ein Hundertmillionenpublikum. Der dreifache Vater, der sich immer zu seiner Bisexualität bekannte, lebt in Amsterdam.
Ab Sonntag, 10. 5., 0 Uhr, kann man Kolles Vortrag, "Die 4. sexuelle Revolution", auf Youmed.at kostenfrei downloaden.
Mit Christian Schachinger sprach Kolle im Vorfeld eines Vortrags in Wien über Pornografie und Sex im Alter.
Standard: Was ist von der "sexuellen Revolution" geblieben? Man hat den Eindruck, dass die Gesellschaft zwar medial durch und durch sexualisiert ist, sich aber eigentlich eine neue Prüderie oder Sexmüdigkeit auf dem Vormarsch befindet.
Kolle: Es gibt eine große Anzahl von Pornoseiten im Internet. Pornografie hängt immer schon mit technischer Entwicklung zusammen. Die ersten Fotos und Filme, die gemacht wurden, waren pornografischen Inhalts. 40 Prozent des DVD-Markts: Pornos. Andererseits habe ich 2008 eine Studie durchgeführt, bei der 60.000 Deutsche zu ihrem Sexualverhalten befragt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass die große Mehrheit nach wie vor sehr biederen, zärtlichen Sex praktiziert. Der alte Mythos, dass enthemmte Nackte auf den Straßen kopulieren würden, ist also gestorben. Weiters hält auch die Annahme nicht, dass die Menschen aufgrund sexueller Reizüberflutung lustlos geworden wären. Sex hat in den letzten 30 Jahren um 30 Prozent zugenommen.
Standard: Hat sich die Gangart verschärft?
Kolle: Ein kleiner Prozentsatz macht Spiele mit Peitschen. Ein ebenso kleiner Prozentsatz kasteit sich katholisch und will gar keinen Sex. Die Mehrheit aber wünscht sich lang andauernde, konventionelle Zweierpartnerschaften.
Standard: Durch die Internetangebote hat sich die Nachfrage tatsächlich nicht verändert?
Kolle: Je mehr Menschen Intersex gucken, desto stärker reagieren sie auf die Frage: "Glauben sie, dass ihr Partner / ihre Partnerin Sie nach den Qualitäten von Pornodarstellern beurteilt?" Leute, die regelmäßig Pornos konsumieren, neigen zu einem Ja. Man muss gerade den jungen Leuten klarmachen, dass es sich um inszenierte Filme ohne Anfang, Ende und körperliche Beschränkungen handelt. Sie haben nichts mit der Realität zu tun.
Standard: Macht Pornografie im Endeffekt unglücklich? Sie weckt Bedürfnisse, aber sie stillt sie nicht.
Kolle: Pornografie beruht auf Steigerung. Sie wird gemacht, damit man sich dazu selbstbefriedigt. Pornografie kann aber sehr nützlich sein, wenn man sie gemeinsam mit dem Partner schaut. Wenn die Beziehung ein bisserl müde wird, kann man sich daran wunderbar erregen, auch mal was nachmachen! Wer allein Pornos konsumiert, wird irgendwann vereinsamen. Diese Einstellung, dass überall die Post abgeht, nur zu Hause ist tote Hose, das ist schlimm.
Standard: Vor zehn Jahren war das Privatfernsehen voll mit Sexsendungen, jetzt regieren Kochshows. Haben sich die Leute sattgesehen?
Kolle: Das Publikum wollte nicht mehr. Außerdem wollte aus der Wirtschaft niemand mehr während Sexshows Werbung schalten. Die öffentlich-rechtlichen Sender machten ohnehin nie etwas in diese Richtung. Sexualität gehört gesellschaftlich allerdings ernsthaft diskutiert! Nicht als Freak-Show, sondern wissenschaftlich, fröhlich, wie auch immer. Einer meiner ersten Chefredakteure bei einer Zeitung meinte: Du kannst obszöne Bilder bringen, so viele du willst. Du musst nur drunter schreiben: Solche Scheußlichkeiten wollen wir nie wieder sehen!
Standard: Lederfetisch, Sex in Gummistiefeln, das alles scheint längst durchdekliniert. Sie beschäftigen sich heute intensiv mit dem Thema Sex im Alter. Handelt es sich um eines der letzten Tabus?
Kolle: Ja, dieses Tabu gilt es dringend aufzulösen! Wir werden immer älter und bleiben dabei gesund. Alten Menschen ist es aber oft peinlich, dass sie immer noch Sex haben. Von wegen: Meine Haut ist schlaff, ich sehe nicht mehr gut aus. Dafür hat man als Alter Lebenserfahrung und weiß, was man will! Man kann seinen Partner viel besser behandeln. Natürlich gibt es auch genügend alte unbelehrbare Rotzlöffel.
Standard: Sich seine Eltern beim Sex vorzustellen wird meist als unangenehm empfunden.
Kolle: Das sind alte Vorurteile, pubertäre Vorstellungen. Oma und Opa sollen auf einer Parkbank sitzen, Volkslieder singen und Tauben vergiften, aber sich bloß nicht im Bett herumtreiben. Ich sage: Genießt euer Leben! Wenn ihr allerdings keinen Spaß mehr am Sex habt, um Gottes Willen, lasst es! Wer keine Schaschlikwurst verträgt, soll sie auch nicht essen.
Standard: Sie pflegen einen offenen Umgang mit Viagra. Alice Schwarzer etwa findet Viagra schrecklich, weil es alten Böcken ermögliche, sich junge Frauen zu halten.
Kolle: Sie meinte, alte Böcke würden "mit neu aufgerüsteten Kanonenrohren hinter den Frauen herjagen" . Worüber man nichts weiß, darüber soll man schweigen. Viagra ist keine reine Erektionsspritze. Wenn Sie Viagra nehmen und still Ihr Auto waschen, geschieht überhaupt nichts - es sei denn, Sie sind so verliebt in Ihr Auto, dass Sie am Liebsten in den Auspuff onanieren wollen. Wenn ich sagen würde, eine Frau braucht keine erigierte Klitoris, das geht auch so, man haut einfach rein, dann würde die Welt für mich zu klein! Zu Recht. Man spricht weder über alte Frauen noch über alte Männer so!
Standard: Hängt Altersdepression auch mit toter Hose zusammen?
Kolle: Ja. Menschen, die sehr früh sexuell aktiv waren, die haben auch im Alter noch hohe Ansprüche. Je früher man anfängt, desto später hört man auf. Wenn jemand dann nicht mehr kann, macht das traurig. Viagra oder Cialis helfen, im Gegensatz zu mythisch verklärten Wundermitteln. Von wegen: Ich habe neulich sechs Austern gegessen, aber nur zwei haben gewirkt. Wenn mir jüngere Kollegen erzählen, die Alten würden nur noch vanilleschaumartigen Sex haben wollen, so mit ein bisschen Streicheln, sag ich: Ich war schon mal 36, aber Sie noch nicht 80.
Standard: Was hat sich seit den 60er-Jahren wirklich geändert?
Kolle: Ein anderer alter Chefredakteur von mir hat einmal gesagt: Ich finde das ja toll, dass der Oswalt so einen Erfolg mit seinem Zärtlichkeitsscheiß hat, das tut uns ja auch allen gut, aber bei mir zu Hause geht das ruckzuck und fertig. Die Frauen lassen sich das heute nicht mehr bieten. Die wollen nicht den schnellen Aufhüpfer, die wollen mit allen Sinnen etwas erleben. Der Umgang untereinander ist netter, zärtlicher geworden.
Standard: Herr Kolle, wie oft soll man eigentlich Sex haben?
Kolle: Umfragen ergeben immer Durchschnittswerte. Wenn ich mich mit Bill Gates vergleiche, sind wir beide Milliardäre.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.5.2009)
Werke aus der Blüte österreichischer Aquarellmalerei: die Ausstellung "Jakob und Rudolf von Alt. Im Auftrag des Kaisers"
Berlin: "Vilém Flusser Theory Award" an Warren Neidich
Den vielfältigen Bedeutungsebenen des Stilllebens widmet sich die Ausstellung "Augenschmaus"
Die Veranstalter der sechsten Kunstmesse "Viennafair" wollen von 6. bis 9. Mai Service für Galerien erweitern
An die große Leistungsschau "Lebt und arbeitet in Wien III" knüpft Kunsthallen-Direktor Gerald Matt die Hoffnung, die Stars der Zukunft zu zeigen
Umgerechnet rund 16,1 Mio. Euro veruntreut
Im Rahmen der Spendenaktion "Make It Right" erhalten die Bewohner des Lower Ninth Ward im Osten von New Orleans ihre Häuser zurück - und was für welche!
Bestseller-Autor hatte unter anderem "Flag" von Jasper Johns angekauft
Solide Vorstellung der Sektion Alter Meister in New York: 780 Besitzerwechsel spülten 82 Millionen Euro in die Kassen der Auktionshäuser
54 Ausstellungen geplant - Einzug der Kunsthalle weiter gewünscht
Virtuoser Saisonstart: Der Kunstmarkt notiert einen neuen fulminanten Weltrekord und hohes Käuferinteresse
Programm lediglich bis zum Jahresende gesichert
Aneta Grzeszykowska in einer Einzelausstellung in der Galerie nächst St. Stephan in Wien
Auktion bei Sotheby’s im Zuge von Privatrückgabe - Weltrekordpreis für Giacometti-Statue
Stille Beschaulichkeit und laute Aggression: Šejla Kamerić in der Galerie Krobath in Wien
Peter Noever, Direktor des Museums für angewandte Kunst, kämpft weiter für die Realisierung des Contemporary Art Tower
Das Berliner Festival für Kunst und digitale Kultur widmet sich vergangenen und gegenwärtigen Vorstellungen von der Zukunft - Von 2. bis 7. Februar 2010
Schriftliche und mündliche Texte wirken nicht nur visuell oder akustisch, sondern werden "multimodal" aufgenommen - KünstlerInnen nützen das, um Texte ästhetisch zu gestalten
Der Videokünstler Rainer Gamsjäger verräumlicht die Zeit - Sein Medium versteht er nicht als herkömmliche Abfolge von Einzelbildern, sondern als Würfel aus Pixelinformation
Ich habe die Filme nicht gesehen, irgendwie war das für vorangehende Generationen wichtig und eine Art Öffnung, sich mit Sexualität öffentlich zu beschäftigen. In meiner Pubertät wurden die Filme eher verarscht, ähnlich wie die Bravo-Beratungsspalten, obwohl die jede(r) las. Bei Kolle kam es mir so vor, als wüsste niemand, was da gerade verarscht wurde. Man ironisierte einen Stil, ohne ihn zu kennen. Videofreaks sahen aber alles an, auch seine Streifen, und lächelten mehr, als dass sie erregt waren. Die Titel wurden zu Schlaglichtern. Bekannter aber war Beate Uhse, das war die Parade-Deutsche auf dem gesamten Gebiet, weil die ersten Shops dann auch da waren. Ein Vorab-Screening zum Vortrag in der Kunsthalle wäre nicht schlecht gewesen.
...war und ist einfach großartig :)
hat mich sehr bewegt damals. wusste gar nicht
dass der noch lebt.
hat seinerzeit ja eine wahre revolution ausgelöst
mit filmen welche aus heutiger sicht total harmlos
erscheinen. aber wer weiß wie sich die sexual-kultur
ohne leute wie ihn entwickelt hätte.
ich ziehe meinen hut vor hr. kolle
und rufe bravo oswald :)
noch so viele Bücher verfasst hat, er wird doch völlig überbewertet:
Wenn ich heute an seine harmlosen und auch dümmlichen "Aufklärungs"-Filmchen zurück denke, die wir uns damals vor 40 Jahren in pubertärer Aufregung angeschaut haben, kommt mir diese Zeit entsetzlich bieder vor (nicht zuletzt durch die unfreiwillig komisch, weil „mütterlich sexy“ wirkende „Helga“ Darstellerin namens Ruth Gassmann)
Es kam sogar vor, dass - meist männliche - Kinobesucher ohnmächtig wurden, nachdem sie mit der darin real gefilmten Geburt im Film „Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens" konfrontiert worden waren – daraus jetzt O.K. zum obersten Volks-Aufklärer aller Zeiten machen zu wollen, scheint mir aber nun wirklich stark übertrieben …
Die Kommentare von User und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.