Vergiftetes Zuckerl

6. April 2003, 18:16
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Eva Linsinger zum Pensionsdebakel: Kinderbetreuung versus Wehrpflicht

Nirgendwo sonst in der EU ist der Unterschied größer: Frauen bekommen in Österreich durchschnittlich 678 Euro Pension pro Monat - um 53 Prozent weniger als Männer. Diese Einkommensschere im Alter ist schon beschämend groß genug, wird aber durch die geplante Pensionsreform vergrößert: Erstens sind Teilzeitarbeitskräfte am meisten davon betroffen, dass künftig alle 40 (und nicht mehr die besten 15) Arbeitsjahre zur Berechnung der Pension herangezogen werden - und die überwiegende Mehrzahl der Teilzeitjobs haben Frauen. Zweitens werden Kinderbetreuungsphasen mit der Verlängerung der Durchrechnung auf 40 Jahre in der Pension bestraft.

Es gäbe natürlich Rezepte, die verhindern, dass die Pensionsreform Frauen besonders bestraft, ExpertInnen haben sie immer und immer wieder vorgerechnet. Eines wäre zum Beispiel, Kinderbetreuung für gleich viel wert zu erklären wie den Präsenz-oder Zivildienst: Derzeit bekommen Frauen (und wenige Männer) die Betreuung von Kleinkindern bis 18 Monaten genauso für die Pension angerechnet wie Männer den Wehrdienst - für die Wehrdienstzeit gibt es allerdings dreimal so viel Pension wie für die Kinderbetreuungszeit. Wenn diese Ungerechtigkeit beseitigt würde, wenn Bundesheer und Baby dem Staat gleich viel wert wären, dann würden die Pensionen von Frauen gleich um ein bisschen weniger niedrig ausfallen.

Solche Rezepte stehen aber nicht im Regierungsprogramm. Dafür will dort Schwarz-Blau Frauen den Anspruch auf Teilzeitarbeit als "Zuckerl" verkaufen - ohne dazuzusagen, dass mit der Pensionsreform und der Durchrechnung Teilzeit ein vergiftetes Zuckerl ist. Vollends zynisch wird es, wenn die Frauenministerin erklärt, dass Frauen ja freiwillig mehr Pensionsbeiträge einzahlen können. Sie verdienen halt dann weniger. Tolle Idee. (DER STANDARD, Printausgabe 17.03.2003)

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