Alf Poier: Mit Katzerln und Pratzerln nach Riga

16. März 2003, 21:17
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Über eines braucht man sich nicht zu wundern: In einem Land, dem Pop als Alltagskultur so schnurzegal ist, dass Musiker nach diversen harten Lehrjahren gewöhnlich Kabarettisten werden müssen, damit die Wurst auf das Brot kommt (Alfred Dorfer, Günther Paal, Günther Mokesch, die Musiker von Das Balaton Combo, im Wesentlichen die gesamte Gesangskarriere von Ostbahn Kurti . . .), da kann oft eines passieren: Die Musik in Österreich ist ein Witz!

Andererseits: Auch anhand von Starmania und dessen Verkrampfungen hinsichtlich einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, wie man sie sich als kleiner Maxi gern unter Pop in den USA und England vorstellt, konnte man es gerade wieder einmal sehen. Wenn bei uns einer "internationales Niveau" dadurch erreichen will, dass er das Internationale hilflos nachmacht, dann haben wir ihn von der anderen Seite her auch wieder heimgeholt. Weg war er ja eh nie wirklich: der Bauer in der großen weiten Welt.

Insofern ist der Sieg von Alf Poier bei der heimischen Vorausscheidung zum europäischen Songcontest in Riga Ende Mai weder eine besondere Überraschung, noch ist er eine Tragödie oder "Schande", wie im Kleinformat vermutet wird. Der 36-jährige Kabarettist aus dem steirischen Judenburg begann laut Biografie auch erst einmal als Musiker im Neverland des Pop.

Wer träumt schon als Kind davon, in Kleinkunstlokalen vor vom Leben fadisierten Erwachsenen Wuchteln zu drücken, wenn man stattdessen in der Wiener Stadthalle Teenies zum Kreischen bringen könnte, nur dadurch, dass man sich zwischen die Beine greift und ins Mikrofon rülpst?

Nach diversen diesen Traum endgültig relativierenden McJobs wie "Nachtwächter, Kellnerin, Tanzmusiker, Büroangestellter, Zeitsoldat" begann Poiers Aufstieg zum geläuterten Kabarettisten 1995 mit dem Programm Himmel, Arsch und Gartenzwerg. Eine erste Vorstufe zu seinen mit den wichtigsten deutschen Kabarettpreisen geehrten Glanztaten Zen aus 1999 und Mitsubischi aus 2001.

In denen perfektionierte Poier seine atemberaubende wie atemlose Kunst. Zwischen wahnwitzig-infantilen Totschlägerpointen, die Poier aus unzähligen Zitaten aus der Popkultur sozusagen als Secondhand-Genie heraushaut und dem Publikum als heiliger Narr auf Aufputschmitteln präsentiert, macht sich selbst im für seine Verhältnisse harmlosen Songcontest-Beitrag Weil der Mensch zählt ein tiefer österreichischer Wesenszug bemerkbar. Es ist die aus Unsicherheit über den eigenen Wert entstehende Distanz zu sich und seinem Werk, die hier präsentiert wird. Oder auch: Angst macht ironisch. Wie heißt es hierzulande: Ein bisserl was geht immer. Aber mehr geht dann eben auch nicht. Und jetzt die Pointe! (DER STANDARD, Printausgabe vom 17.3.2003)

von
Christian Schachinger
  • Alf Poier
    grafik: der standard

    Alf Poier

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