Obama trifft Amtskollegen Zardari und Karzai - Bis zu hundert Tote nach US-Angriff in Afghanistan befüchtet - mit Video
Barack Obama stellt sich demonstrativ hinter die Präsidenten Afghanistans und Pakistans, die durch die Offensive der Taliban zusehends unter Druck geraten. Washington kündigt Untersuchung des Bombardements in der westafghanischen Provinz Farah an
*****
Krisendiplomatie im Weißen Haus: US-Präsident Barack Obama traf sich gestern mit seinen Amtskollegen aus Pakistan und Afghanistan, Asif Ali Zardari und Hamid Karzai. Überschattet wurden die Gespräche von amerikanischen Luftangriffen in der Provinz Farah im Westen Afghanistans, bei denen nach vorläufigen Schätzungen mehr als einhundert Zivilisten ums Leben kamen.
Während Obama im Oval Office mit den beiden Sorgenkindern aus der Spannungsregion konferierte, versprach seine Außenministerin Hillary Clinton, genau untersuchen zu lassen, wie es zu dem Blutvergießen kommen konnte. „Wir kennen nicht alle Umstände und Ursachen. Aber jeder Verlust unschuldigen Lebens ist schmerzlich", sagte Clinton. Sie bedauere „zutiefst, zutiefst", dass es solche Verluste gab. Später, als der amerikanische Staatschef vor die Presse trat, ging er mit keinem Wort auf das Bombardement ein. Stattdessen zollte Obama seinen Gesprächspartnern, die steif und stumm neben ihm standen, vorsichtiges Lob.
Sowohl Zardari als auch Karzai hätten begriffen, „wie ernst die Gefahr ist, mit der wir es zu tun haben", sagte er unter Anspielung auf die Offensive der Taliban. Der Weg nach vorn werde schwierig, es werde neue Gewalt und Rückschläge geben. „Aber lassen Sie mich eines klarstellen: Die USA haben sich nicht nur dazu verpflichtet, Al-Qaida zu besiegen, sondern auch dazu, die demokratisch gewählten Regierungen Afghanistans und Pakistans zu unterstützen." Amerika werde seine Wirtschaftshilfe ausbauen. Es werde den Menschen der Region zeigen, dass es nicht nur gegen den Terrorismus stehe, sondern auch „auf der Seite ihrer Hoffnungen und Sehnsüchte". Es ist ein Fingerzeig: Während manche in Washington bereits fordern, Zardari und Karzai fallen zu lassen, gedenkt Obama ihnen beizustehen, zumindest fürs Erste.
Sorge um Pakistans Atomwaffen
Für Alarmstimmung sorgen indes offene Fragen nach der Sicherheit des atomaren Arsenals Pakistans. Das Worst-case-Szenario geht ungefähr so. Milizen der Taliban rücken auf Islamabad vor, sie stürzen die schwache Regierung Zardaris, und damit fällt ihnen auch der Nuklearcode der südasiatischen Regionalmacht in die Hände. Insgeheim baut das Pentagon bereits vor, um den Alptraum abzuwenden: Atombomben, zu denen Freunde des Terrornetzwerks Al-Qaida Zugang haben. Glaubt man dem „Boston Globe", wird mit pakistanischen Generälen verhandelt, um Notfallpläne zu skizzieren.
Falls Glaubensfanatiker die Macht in Islamabad an sich reißen, sollen hoch angereichertes Uran und womöglich auch Sprengköpfe in die Vereinigten Staaten ausgelagert werden. Wie ausgereift die Überlegungen sind, kann kein Außenstehender sagen. Offiziell werden sie nicht bestätigt. Die Nuklearstreitmacht Pakistans, heißt es nur, sei mitnichten gefährdet. Bewacht werde sie von einer zehntausend Mann starken, verlässlichen Spezialeinheit, zur Panik bestehe also kein Grund. Zudem geben Kenner der Region zu bedenken, dass Islamabad sein Allerheiligstes, seine im Wettlauf mit dem Rivalen Indien entwickelten Atombomben, niemals von fremden Mächten kontrollieren lässt, auch nicht von den USA.
Aber allein die Tatsache, dass solche Krisenszenarien kursieren, zeigt, wie nervös man in Washington ist. Obama will den wackelnden Partner Zardari drängen, den vormarschierenden Islamisten energischer Paroli zu bieten. Die Armee des schwierigen Alliierten soll ihre Offensive ausweiten, um die zerklüftete, von stolzen Stämmen beherrschte Bergwelt entlang der afghanischen Grenze in den Griff zu bekommen - ein extrem schwieriges Unterfängen¬. In dem wilden Landstrich liegen die Hochburgen der Taliban, dort hält sich vermutlich Osama Bin Laden versteckt. Obama wiederum hat eine Taktik George W. Bushs übernommen und lässt unbemannte Drohnen Attacken gegen Schlupfwinkel der Fanatiker fliegen. Da es fast immer auch Zivilisten trifft, verstärkt es nur den Zorn auf die Amerikaner. Schon deshalb übt das Weiße Haus enormen Druck auf das Militär Pakistans aus. Es soll endlich aktiver werden.
Vom eigenen Kongress verlangt es grünes Licht für zusätzliche 400 Millionen Dollar, um die Ausbildung pakistanischer Elitesoldaten zu finanzieren. Amerikanische Berater sollen ihnen beibringen, wie man Rebellen besiegt. Die Idee stammt vom Irak-General David Petraeus, einem Spezialisten für Aufstandsbekämpfung, der inzwischen für den gesamten Krisenbogen von Nahost bis Indien zuständig ist. Obama selbst hatte Zardaris ziviles Kabinett erst vor kurzem als „sehr brüchig" bezeichnet. Dramatischer formulierte es der Abgeordnete Gary Ackerman, ein demokratischer Parteifreund. „Pakistans Hosen stehen in Flammen." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2009)