Die ägyptischen Behörden lassen die Schweine der Müllsammler schlachten, ohne medizinische Notwendigkeit
Der plötzliche Aktionismus ist wohl im Versagen bei der Vogelgrippe begründet - und freut die Islamisten.
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Kairo/Wien - Das Thema Vogelgrippe hatte die ägyptische Regierung 2006 verschlafen und die entstehenden Probleme dem Populismus der islamistischen Opposition überlassen: In diesem politischen Lichte ist der Aktionismus zu sehen, der etwa 350.000 ägyptische Schweine das Leben kosten wird.
Obwohl sich auch in Ägypten die Experten einig sind, dass keine medizinische Notwendigkeit dafür besteht, haben die Behörden die Schlachtung angeordnet. Plötzlich machen sie sich Sorgen um die miserablen hygienischen Zustände, in denen in Kairo die Müllsammler leben, viele davon Halter von Schweinen, die sich durch die Abfallberge wühlen. Die Zustände sind in der Tat erschreckend - ob sie ohne Schweine, die immerhin organischen Abfall vernichten, wirklich so viel besser werden, bezweifeln manche Beobachter.
Erste Schweineverhaftungsaktionen - sogar regierungsnahe Zeitungen spotten über die Angst des Staats vor den "Terroristen" - führten am Wochenende zu Zusammenstößen zwischen Schweinezüchtern und Polizisten, die mit Flaschen und Steinen beworfen wurden. Einige zehntausend Tiere wurden bereits in Schlachthöfe gebracht, wo die Keulungen begonnen haben.
Angeblich soll das Fleisch von den Tieren, die ja gesund sind, verkauft werden und der Erlös den Besitzern zugute kommen - die trotzdem ihre Existenzgrundlage verlieren. Den Schweinehaltern und ihren Vertretern - die Müllsammler haben eine recht aktive Zivilgesellschaft - soll vereinzelt versprochen worden sein, dass sie später ordentliche Schweinefarmen bekommen sollen. Niemand glaubt, dass das je eintreten wird. So wie ja andererseits auch am Durchhaltevermögen der Behörden gezweifelt werden kann, allen Schweinen, die notfalls in Unterkünfte, auch in mehrstöckige Häuser, verbracht werden (auch die Hühner wurden versteckt), nachzuspüren.
Aber die Aktion findet Anklang bei Islamisten, denen die Existenz von Schweinen - die als unrein gelten und dessen Fleisch nach islamischem Gesetz nicht verzehrt werden darf - in Ägypten ein Dorn im Auge ist. Bei den schweinehaltenden Müllsammlern handelt es sich zumeist um Kopten, also Christen. Journalisten, die in Kairo der Sache vor Ort nachgegangen sind, berichten jedoch durchaus auch von schweinehaltenden Muslimen unter den Müllmenschen, die das einfach als Geschäftszweig betrachten, der ihnen ein minimales Einkommen beschert.
Dennoch ist der Streit ums Schwein - das im Nahen Osten lange heimisch ist, sonst wäre es im Judentum und im Islam kaum verboten worden - auch ein konfessioneller. Die Spannungen zwischen extremistischen Muslimen und Kopten nehmen zu, die in den vergangenen Jahren vermehrt Übergriffe beklagen. Die Kopten sehen die Maßnahmen gegen die Schweine als gezielte Repressalie.
Währenddessen gibt es noch immer Vogelgrippekranke in Ägypten, mit 16 gemeldeten Fällen dieses Jahr (bis Mitte April) und zwei Toten im April, was die Todeszahl auf 25 insgesamt anhebt. Ungefähr fünf Millionen Haushalte in Ägypten sind auf Geflügelhaltung für Einkünfte und Ernährung abhängig. (Gudrun Harrer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 06.05.2009)
Wissen: Mehr als 1200 Erkrankungen weltweit
Das Aufkommen der Schweinegrippe wurde am 24. April bekannt: Innerhalb weniger Wochen waren mindestens 60 Menschen in Mexiko daran gestorben, hieß es zunächst. Seit Bekanntwerden der Influenza gab es täglich Meldungen von Neuinfizierten. Ein Fall wurde auch in Österreich bestätigt. Die Zahl der weltweit an dem neuartigen H1N1-Virus angesteckten Personen ist Dienstag auf 1269 gestiegen. Wie das EU-Zentrum für Seuchenbekämpfung in Stockholm (ECDC) weiter mitteilte, entfielen 107 Erkrankungen auf europäische Länder, wo alle Krankheitsverläufe bisher als milde eingestuft wurden.
Das Virus ist erst vergangene Woche tatsächlich bei Schweinen nachgewiesen worden. Der Begriff Schweinegrippe war zuvor stark in die Kritik geraten. Experten zufolge ist der Fleischverzehr unbedenklich; trotzdem haben zahlreiche Länder den Import von Schweinefleisch aus Ländern, in denen Menschen an der Grippe erkrankt sind, gestoppt. (spri)