Wenn der Hubschrauber zum Luftdrescher wird

4. Mai 2009, 17:19
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    Brot hat bei den Kroaten immer schon "kruh" und bei den Serben "hleb" geheißen. Aber seit dem Ende Jugoslawiens will man sich auch sprachlich noch stärker voneinander abgrenzen.

Die sprachliche Abgrenzung im ehemaligen Jugoslawien treibt mitunter skurrile Blüten

Wien - "Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Flotte" , soll der jiddische Sprachforscher Max Weinreich das Dilemma rund um die Definition offizieller Landessprachen einmal treffend auf den Punkt gebracht haben.

Heute mutet es wie ein Anachronismus an, wenn man vom "Serbokroatischen" spricht - der ehemals größten Landessprache im ehemaligen Jugoslawien. Viele Slawistik-Institute im deutschsprachigen Raum haben dem Zerfall Jugoslawiens und dem Auseinanderstreben der Völker und Sprachen Anfang der 1990er-Jahre durch eine offizielle Umbenennung des Serbokroatischen in "BKS" ("Bosnisch-Kroatisch-Serbisch" ) Rechnung getragen. "Vielleicht der einzige Fall weltweit, wo eine Abkürzung für einen Sprachnamen steht", erklärt der Sprachwissenschafter Helmut Weinberger vom Slawistik-Institut der Universität Innsbruck.

Aus der Sicht der Sprachwissenschaft lässt sich die Frage, ob es sich bei BKS um eine oder um drei Sprachen handelt, nicht eindeutig beantworten. "Die gegenseitige Verständlichkeit ist jedenfalls nach wie vor gegeben" , betont Weinberger. "Die jetzige Trennung der Sprachen geht ebenso auf eine politische Entscheidung zurück wie der frühere Status des Serbokroatischen als Einheitssprache in Jugoslawien", so Weinberger.

Als Geburtsstunde der Verkehrssprache Serbokroatisch gilt das "Wiener Abkommen" aus dem Jahr 1850, ein Manifest kroatischer und serbischer Linguisten im Anschluss an ein Treffen in Wien. Federführend waren dabei der serbische Philologe Vuk Karadžić und der kroatische Linguist Ljudevit Gaj. Eine Einigung konnte nicht in allen Punkten erzielt werden, weshalb mehrere offizielle Varianten und zwei Alphabete (Lateinisch und Kyrillisch) nebeneinander bestanden.

"Weitreichende Vermehrung"

Im Anschluss an den Zerfall Jugoslawiens war die kroatische Führung bestrebt, durch sprachsteuernde Maßnahmen die Unterschiede zum Serbischen zu betonen und so Eigenständigkeit zu demonstrieren. Der politisch motivierte Sprachpurismus brachte mitunter seltsam anmutende Wortneuschöpfungen hervor, die von der Bevölkerung nur bedingt oder mit einem Schuss Ironie akzeptiert wurden, wie etwa "zrakomlat" (in etwa "Luftdrescher" ) für Helikopter oder "dalekoumnožitelj" (sinngemäß: "Maschine zur weitreichenden Vermehrung" ) für Telefax.

Neben BKS hat nach der Unabhängigkeit Montenegros im Jahr 2006 auch das Montenegrinische die linguistische Bühne des Balkans betreten. Relativ neu ist auch der Begriff "Bosniakisch" , der sich auf die bosnischen Muslime bezieht, ohne dabei die religiöse Dimension miteinzuschließen. "Die gemeinsame sprachliche Zukunft der Serben, Kroaten und Bosnier steht in den Sternen" , resümiert Weinberger. "Ein EU-Beitritt der ehemaligen jugoslawischen Republiken könnte aber zu einer sprachlichen Wiederannäherung führen." (dab/DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2009)

Steffman
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Natürlich ist es eine Sprache

Es ist wirklich ein Armutszeugnis sondergleichen wenn aus hundertprozentig politischen Gründen eine lebendige Sprache abzuändern versucht wird.

So kann der systemkonforme sofort vom "normalen Sprecher" getrennt werden. George Orwell lässt Grüßen.

Naja, manche sagten zur Berliner Mauer auch antiimperialistischer Schutzwall.
Zum Glück hat sich das mit der Zeit erledigt, es wird auch den diversen nationalistischen Neusprech-Versionen des Serbokroatischen so ergehen.

hedo
00

Ich sehe das Verhältnis zwischen Serbisch und Kroatisch so ähnlich, wie zwischen Hindi und Urdu: Prinzipiell eine Sprache, aber unterschiedliche Schriften und ein unterschiedlicher kultureller/religiöser Hintergrund.

Wenn dann noch politische Differenzen hinzukommen, driften die Sprachen auseinander, auch wenn es aus linguistischer Sicht nicht gerechtfertigt ist, von zwei unterschiedlichen Sprachen zu sprechen.

Meiner Ansicht nach spiegeln sprachsteuernde Maßnahmen nur die gesellschaftliche Entwicklung wieder; sie mit George Orwells "Newspeak" zu vergleichen, ist eine grobe Vereinfachung.

Steffman
03
Es ist schlichtweg unmöglich

Serbokroatisch zu "trennen". Sie setzen voraus, das Serben Serbisch und Kroaten Kroatisch sprechen.

Tatsächlich sprechen viele West-Serben anders als die Zentralserben, die Krajina-Serben z.B. sprechen ijekavisch, das Unwissende als Kroatisch bezeichnen würden.

Es gibt kein Serbisch und Kroatisch sondern die Dialekte ijekavisch, ekavisch (usw) des Serbokroatischen. Alles andere ist Politik und die hat in der Sprache nichts zu suchen, es sei denn, man bejaht Manipulation und nationalistische Indoktrination wie im Fall Ex-YUs.

Serbokroatisch hat beide Schriftarten zueigen, Kyrillisch und Lateinisch, vielleicht ist Kyrillisch in manchen Gebieten politisch nicht erwünscht aber das ist eine andere Frage.

hedo
01
Die Bezeichnung "Serbokroatisch" gibt's erst seit Mitte des 19.Jahrhunderts

Die Einheit dieser Sprachen war das Ergebnis einer bewussten Standardisierung und keine natürliche Entwicklung.

Hätte es diese Standardisierungsbestrebungen damals nicht gegeben, würde die kroatische Standardsprache heute womöglich eher wie der nordkroatische Dialekt klingen (da sich schließlich die Hauptstadt dort befindet), und wäre damit dem Slowenischen ähnlicher als dem Serbischen.

Ich gebe Ihnen recht, die heutige Trennung ist politisch motiviert und linguistisch nicht gerechtfertigt; aber auch die Einheit der Standardsprachen Serbiens und Kroatiens geht auf regulative Maßnahmen zurück und ist nicht gottgegeben.

tequilasunrise13
11
Luftdrescher

Hubschrauber - Luftdrescher: Dieser Vergleich ist schon so abgedroschen und irrelevant, dass es sich gar nicht mehr lohnt, dies zu thematisieren, weil einfach fehl am Platz. Diesen Witz konnte man vielleicht vor 10 Jahren anreißen, aber heute doch nicht mehr. Kein Slawist will stets dasselbe lesen - außer vielleicht, er/sie liest die Kronen Zeitung!

yoyaR
00
Endlich

...jemand der sich mit Terminus und nicht mit Politischen Hintergrund beschäftigt. Ich wollte nämlich eine gegen Frage stellen, und zwar: Was ist Hubschrauber? Und dann, noch dazu eine Erklärung wo der Unterschied zwischen Hubschrauber und Zrakomlat ist. Danke!

tequilasunrise13
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Zusammenkombinierereien

Schreckliches Buch das da links oben. So was Schlimmes wird sogar noch vom "Bildungs-" Ministerium gefördert (in letzter Zeit frage ich mich, ob die Bezeichnung überhaupt korrekt ist)!!

Ich wäre schon mal froh, nicht nur so oberflächliche Artikel im Standard lesen zu müssen (kleines Lob trotzdem dass sich mal wer der Sache annimmt) - viel lieber hätte ich, wenn mal tiefgründigere, analytischere Artikel zu dem Thema veröffentlicht würden bzw. wenn wir endlich mal von diesem Eintopf-Denken wegkommen würden und den Kulturen deren sprachliche Entfaltung selbst überlassen würden, v.a. dies akzeptieren würden. Jegliche jugoslawistische Zusammenkombinierereien, wie v.a. in diesem Buch oben, sind doch einfach nicht mehr haltbar und unrealistisch.

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