Der ehemalige Dissident Jiří Dienstbier über den Moment, als die Polizei sich mehr vor den Menschen zu fürchten begann, als die Menschen vor der Polizei
Der ehemalige Dissident Jiří Dienstbier sprach mit Robert Schuster über den Moment, als die Polizei sich mehr vor den Menschen zu fürchten begann, als die Menschen vor der Polizei.
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STANDARD: Vor zwanzig Jahren schien in der Tschechoslowakei Funkstille zu herrschen, während in Polen bereits Gespräche am runden Tisch geführt wurden und in Ungarn die Reformer unter den Kommunisten die Oberhand gewannen.
Dienstbier: Das war nicht so. Schon in den 70er-Jahren haben wir gewusst, dass die Kommunisten die Oppositionsbewegung unterdrücken können, solange sie sich nur auf Polen, Ungarn oder die Tschechoslowakei beschränkt. Wir haben also begonnen, sehr eng mit der polnischen und der sowjetischen Opposition - mit Sacharow - zusammenzuarbeiten. Ich habe auch detailliert jede Rede Gorbatschows untersucht, und wenn ich dort einen interessanten Nebensatz fand, so habe ich gewartet, ob dieser Nebensatz beim nächsten Mal zu einem Hauptsatz wird, um vielleicht in einem halben Jahr der Satz in einem Beschluss des Zentralkommittees zu werden. Entscheidend war die Schlusskonferenz von Helsinki, die uns ermöglichte, unsere Tätigkeit zu legalisieren. Das Gefühl, dass das Ende in greifbarer Nähe ist, habe ich gehabt, als Miloš Jakeš Generalse_kretär der tschechoslowakischen Kommunisten wurde. Wir hatten den Eindruck, dass es um sie schon schlecht bestellt sein muss, wenn für dieses Amt - um das früher auf Leben und Tod gekämpft wurde - niemand anderer als er infrage kommt.
STANDARD: Bestand die Gefahr, dass es zu einem Machtkampf von Gruppen in der Kommunistischen Partei kommen würde?
Dienstbier: Das war bei uns nicht mehr möglich. Nach 1968 war die Kommunistische Partei völlig entpolitisiert. Der Parteiausweis diente nur mehr dazu, bestimmte Berufe und Ämter zu bekommen. In Gremien und Sitzungen durfte über Politik gar nicht diskutiert werden. Als wir die Charta 77 veröffentlichten, suchte die Parteiführung bei der Basis Unterstützung dagegen, aber die Mitglieder sagten, sie wollten zuerst den Text der Charta lesen. Das aber war für die Kommunisten inakzeptabel. Die Angst vor einer Wiederholung des Jahres 1968 steckte geradezu in ihren Genen. Bei Verhören brüllte mich die Staatspolizei StB an: „Denken Sie ja nicht, dass sich 1968 wiederholen könnte!"
STANDARD:Gab es damals Kontakte zur Opposition in anderen Ostblockländern?
Dienstbier: Die Ungarn durften reisen, die kamen hierher oder fuhren nach Warschau. Die Ostdeutschen brauchten zur Einreise bloß ihren Personalausweis. Wenn sie gefasst wurden und einen Vermerk in den Ausweis bekamen, haben sie ihn ganz einfach für verloren erklärt und bekamen einen neuen, mit dem die Einreise wieder möglich war. Mit den Polen trafen wir uns an der Grenze - im Riesengebirge, im Altvatergebirge. Als wir uns das letzte Mal mit den Polen trafen, war Tadeusz Mazowiecki bereits Regierungschef, sodass wir an der Grenze sogar von den Sicherheitsbehörden Geleitschutz erhielten.
STANDARD: Hat die Opposition im Frühjahr 1989 Überlegungen für den Fall einer Regierungsbeteiligung angestellt?
Dienstbier: Ja, natürlich. Der Funke sprang aber erst nach der mit Gewalt unterdrückten Studentendemonstration vom 17. November 1989 über. In den Folgetagen demonstrierten in Prag so viele Menschen, dass sie nicht mehr von der Polizei vertrieben werden konnten. Das war der Augenblick, wo sich die Menschen nicht mehr vor den _Sicherheitsbehörden fürchteten, sondern die Sicherheitsbehörden vor den Menschen. Als Gespräche über die Bildung einer neuen Regierung stattfanden, flüsterte mir Havel zu, dass wir versuchen sollten, den Zuschlag für das Außenministerium zu bekommen, aber dass er nicht sicher sei, ob die Kommunisten einen Dissidenten wie mich akzeptieren würden. Er fragte mich, ob ich an irgendeinem anderen Amt Interesse hätte - ich sagte, dass ich nur das Außenamt haben will. Und zwei Stunden später war ich es wirklich. Am Dienstag war ich noch Heizer, am Samstag schon Außenminister.
STANDARD: Wann hat die Repression gegenüber der Opposition nachgelassen?
Dienstbier: Zu den Schlüsselmomenten gehörte das Dissidenten-Frühstück mit Präsident François Mitterrand bei dessen Prag-Besuch im Herbst 1988. Mitterrand hatte darauf bestanden. Das war natürlich ein schönes Gefühl, durch das Spalier der StB-Beamten, die wir von den Verhören alle kannten, zur französischen Botschaft zu marschieren, mit der Gewissheit, dass sie uns nichts anhaben konnten. Als ich in meinen Heizerraum zurückkehrte, kamen einige Mitarbeiter auf mich zu und sagten mir, sie hätten mich stets für verrückt gehalten, aber als sie gesehen hätten, dass sich sogar der französische Präsident für uns interessiere, hätten sie eingesehen, dass etwas dran sein müsse.
Die Kommunisten trauten sich nach Mitterrands Besuch nicht mehr, die erste oppositionelle Demonstration zu verbieten. Das führte zur sogenannten Palach-Woche im Jänner 1989. An einem Tag setzten die Sicherheitsbe_hörden Wasserwerfer ein, am nächsten passierte nichts. Am dritten Tag kamen wieder Wasserwerfer, am vierten passierte nichts. Diese Repression führte dann zu einer großen Unterschriftenaktion, Zehntausende hatten offenkundig keine Angst mehr, wegen einer Unterschrift ihren Beruf zu verlieren.
ZUR PERSON: Jiří Dienstbier (1937) war Rundfunkjournalist und
Korrespondent in den USA. Nach dem Prager Frühling wurde er entlassen
und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Dienstbier war
Mitbegründer der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. 1979 wurde er zu drei
Jahren Haft verurteilt. Danach arbeitete er als Heizer. Nach der Wende
wurde er Außenminister. Im Herbst 2008 wurde er für die
Sozialdemokraten in den Senat gewählt und steht dem außenpolitischen
Ausschuss vor.