Nina Chruschtschowa, Expertin für internationale Beziehungen und Enkelin Nikita Chruschtschows, sieht vorerst kein liberaleres Russland
Für Nina Chruschtschowa, Expertin für internationale Beziehungen und Enkelin Nikita Chruschtschows, war der Kollaps der UdSSR unvermeidlich. Ein liberaleres Russland sieht sie vorerst nicht. Die Fragen stellte Josef Kirchengast.
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STANDARD: Was waren die Hauptursachen für Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow: ein Überschwappen der Entwicklung in Ländern wie Polen oder die inneren Verhältnisse, vor allem die schlechte Wirtschaftslage?
Chruschtschowa: Polen hatte sicher Einfluss auf ganz Osteuropa. Aber Solidarnoœæ begann schon 1980, Perestroika erst 1986, als Russland die passende Führungsperson für den Beginn demokratischer Reformen bekam. Ich glaube, die Hauptursache liegt in der Persönlichkeit Gorbatschows, der einen "Kommunismus mit menschlichem Antlitz" wollte und sicher war, dass Russland, wenn es vorankommen wollte, neue Prioritäten in Richtung Offenheit und Freiheiten setzen musste und auch kritisch in seine Vergangenheit blicken musste. Was die schlechte Wirtschaftslage betrifft: Wann hatte die UdSSR jemals eine gute?
STANDARD: Gab es vor 1989 einen entscheidenden Moment, einen Punkt ohne Umkehr, der unvermeidlich zum Ende des Sowjetimperiums führen musste?
Chruschtschowa: Ein Ereignis hatte sicher große Bedeutung: der 29. Parteitag der KPdSU am 28. Juni 1988. Er wurde offen übertragen, mit echten Debatten und ohne bereits festgelegte Beschlüsse. Zum ersten Mal wurden wir alle Zeugen von etwas, von dem ich dachte, das könnte Demokratie sein. Andrej Sacharow (Atomphysiker, Dissident, Friedensnobelpreisträger 1975, verbannt 1980, Red.) durfte nicht nur 1986 nach Moskau zurückkehren, er wurde dann 1989 auch ins neue Parlament gewählt.
STANDARD: Welche Einzelperson hatte für Sie den größten Einfluss auf den Fall der Berliner Mauer, direkt oder indirekt?
Chruschtschowa: Ich würde sagen Gorbatschow, aber vielleicht bin ich parteiisch. Die Sowjetführer vor ihm schlugen die Revolten in Osteuropa mit Panzern nieder. Im Fall der Tschechoslowakei 1968 gab der damals schon pensionierte Nikita Chruschtschow einen traurigen Kommentar ab: "Zwölf Jahre seit 1956 (ungarischer Volksaufstand, Red.), und wir haben noch immer keine besseren Methoden gefunden."
Gorbatschow fand diese bessere Methode: Er entschied, anderen Ländern nicht länger ihre Lebensweise zu diktieren, trotz des schrecklichen Drucks von, beispielsweise, dem Rumänen Nicolae Ceauescu. Wäre Gorbatschow dem Beispiel seiner Vorgänger gefolgt und hätte Panzer geschickt, dann könnten wir heute nicht diesen 20. Jahrestag feiern, es hätte viel mehr Tote gegeben und die Geschichte wäre insgesamt anders verlaufen.
STANDARD: Welche anderen Personen haben sich die größten Verdienste um die Auflösung des Ostblocks erworben?
Chruschtschowa: Gleich wichtig sind Papst Johannes Paul II., Václav Havel, Lech Walesa, Adam Michnik, Helmut Kohl, selbst Ronald Reagan, der den Wunsch nach Wandel in der sowjetischen Politik erkannte und Gorbatschow dabei half, Freiheiten zu gewähren. Auch Sacharow und andere Dissidenten, und natürlich die Menschen in all diesen Ländern, die nicht länger gehorsame Untertanen des despotischen Sowjetregimes sein wollten. Ich würde auch Eduard Schewardnadse, dem damaligen sowjetischen Außenminister, gewisse Verdienste zugestehen, weil er Gorbatschow bei dessen Demokratisierungspolitik unterstützte.
STANDARD: Obwohl die Frage „Was wäre passiert, wenn ..." historisch wenig sinnvoll ist: Hätte Gorbatschow die Sowjetunion retten können, wenn er den Primat der KP rechtzeitig aufgegeben und ein echtes demokratisches System ermöglicht hätte?
Chruschtschowa: Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich glaube nicht, dass Gorbatschow damals den Primat der kommunistischen Partei aufgeben konnte oder dazu bereit war. Somit konnte die UdSSR nicht gerettet werden. Aber wirklich wissen werden wir es nie.
STANDARD: Was die Öffnung des Eisernen Vorhangs in Ungarn vor 20 Jahren betrifft: Hätte Gorbatschow seine Zustimmung verweigert, wenn er geahnt hätte, das dies im Endeffekt zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums und zur deutschen Wiedervereinigung führen würde?
Chruschtschowa: Er hätte sich nicht widersetzt, weil er nicht glaubte, dass die Sowjetunion weiterhin das Schicksal anderer Länder bestimmen sollte. Aber er ahnte wohl nicht, dass der Kollaps so schnell erfolgen würde, und vielleicht dachte er, er könne die Entwicklung bis zu einem gewissen Grad kontrollieren. Er dachte, dass die sozialistischen Länder Freiheit wollten, aber ich glaube nicht, dass ihm klar war, wie sehr sie nicht mehr sozialistisch sein wollten.
STANDARD: Gab es Ihres Wissens einen kritischen Moment, der zum Einsatz militärischer Gewalt wie in der Tschechoslowakei 1968 hätte führen können?
Chruschtschowa: Gorbatschow hat viel über jene Zeit geschrieben, wir wissen, dass er unter starkem Druck von Führern wie Ceausescu stand, die ihn baten, die DDR und Polen zu „retten".
STANDARD: Was waren die größten Fehler, die Boris Jelzin beging, nachdem er an die Macht kam?
Chruschtschowa: Jelzins Hauptfehler war, dass er ein despotisch regiertes Land, ein Land mit wenig Verständnis für individuelle Freiheiten, ein Land mit einer Untertanenmentalität in nur wenigen Schockjahren in eine Demokratie umwandeln wollte. Kein Land schafft das in kurzer Zeit. Nicht zufällig haben die westlichen Demokratien Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gebraucht, um dort hinzukommen, wo sie heute sind.
Jelzin brauchte eine Evolution, aber er wollte ein demokratisches Russland durch eine Revolution schaffen. Das funktioniert nicht. In Frankreich etwa war die Revolution nur der Beginn eines langen und schmerzhaften institutionellen Übergangsprozesses. Russland unter Jelzin nahm sich keine Zeit zur Stärkung der demokratischen Institutionen. Aber zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass er nicht anders konnte. Russland bewegt sich typischerweise nicht durch Evolutionen, sondern durch Revolutionen vorwärts, und die sind immer chaotisch und oft destruktiv.
STANDARD: Wladimir Putins Aufstieg zur Macht wird allgemein als logische Konsequenz der chaotischen Jelzin-Jahre erklärt. Ist seine Herrschaft eine notwendige Interims_periode auf dem Weg zu einem wirklich demokratischen Russland?
Chruschtschowa: Ich glaube nicht, dass Putin eine Interimsperiode darstellt; er ist Teil dieses Prozesses. Russlands Entwicklung vollzieht sich in Pendelschwingungen: Stalin/Chruschtschow, Breschnew/Gorbatschow, Jelzin/Putin.
STANDARD: In jüngster Zeit hat Dmitri Medwedew, Putins Nachfolger als Präsident, Zeichen einer gewissen Unabhängigkeit gezeigt, was die künftige Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat betrifft. Kündigt sich darin eine Emanzipation von seinem Mentor Putin an?
Chruschtschowa: Ich sehe diese Zeichen einer Unabhängigkeit nicht. Ich glaube, dass Putin Signale an die Zivilgesellschaft senden muss, dass er den Leuten zeigen muss, dass er bei ihnen ist, um sicherzustellen, dass er an der Macht bleibt. Daher Medwedews Reden von einer demokratischen Entwicklung. Das dient Putins Zielen sehr gut - dass Medwedew die passende Rhetorik benützt, Gefängnisse besucht, über diesen „Rechtsnihilismus" spricht, etc. Gleichzeitig setzen sie diese Prozessfarce gegen Michail Chodorkowski (Ex-Yukos-Chef) fort.
Ich bin also nicht überzeugt davon, dass sich Medwedew von seinem Mentor emanzipiert. Eher scheint mir, sie geben sich einen liberaleren Anstrich, um an der Macht zu bleiben. Sie wollen Zeit gewinnen bis zum Ende der Wirtschaftskrise. Und dann könnte Putin wieder sein altes KGB-Ego sein. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5. 2009)
ZUR PERSON: Nina Chruschtschowa ist Professorin für Internationale
Beziehungen an der New School University in New York. Die Enkelin von
Nikita Chruschtschow (sowjetischer Parteichef 1953-64,
Ministerpräsident 1958-64) lebt seit Anfang der 1990er-Jahre in den USA.