Noch gibt es keine Hamsterkäufe in den Apotheken. Pharmariesen stehen jedoch parat. Die Schweinegrippe verspricht lukrativen Absatz, doch Experten warnen davor, an "Wundermittel" zu glauben.
Der Kampf gegen die mexikanische Schweinegrippe treibt einen tiefen Keil in die Gesundheitsbranche. Es gebe keinen Beweis und keine Studie, die belege, dass das international lancierte Arzneimittel Tamiflu gegen die Grippe wirke, sagt Claudia Wild, Leiterin des Wiener Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment. Die Panik werde von der Pharmaindustrie regelmäßig verstärkt. Auf ein Wundermittel gegen die Grippe zu hoffen, sei lächerlich. Wer diese Seuchen im Zaum halten wolle, müsse die Massentierhaltung hinterfragen. Im Übrigen forderten Ebolaviren nicht weniger Todesopfer. Von einer Panik sei da keine Rede, wohl auch, weil davon vor allem Afrikaner betroffen seien, merkt Wild an.
Es gebe keinen Anlass, sich mit irgendwelchen Grippemitteln einzudecken, meint auch der Patientenanwalt Gerald Bachinger. Die Einzige, der das nutze, sei derzeit die Pharmaindustrie. "Klar hat sie ein Interesse daran, dass die Geschäfte angekurbelt werden."
Geschäfte mit der Angst vor Pandemien sind einträglich. Die Vogelgrippe etwa ließ den Umsatz des Pharmakonzerns Roche mit Tamiflu 2006 auf 2,6 Milliarden Schweizer Franken schnalzen. Drei Jahre zuvor waren es 431 Mio. Auch jetzt sind die Aktienkurse der Pharmatitel seit Tagen stark im Aufwind.
Klinische Studien fehlen
Roche selbst weist den Vorwurf, den eigenen Absatz zu schüren, zurück. Tamiflu trage nur zwei Prozent zum Gesamtumsatz des Konzerns bei, sagt Nicole Gorfer, Sprecherin von Roche Austria. Bei Pandemien habe Roche die Preise um 70 Prozent gesenkt. Auch wenn es bisher keine klinische Studie über die Wirksamkeit des Medikaments gebe, Tests der Weltgesundheitsorganisation WHO belegten, dass Viren sensitiv darauf reagierten.
Gut damit verdient jedenfalls ein Vorarlberger: Der Wissenschafter Norbert Bischofberger entwickelte Tamiflu im Labor von Gilead Sciences. Die US-Biotechschmiede erzielt mittlerweile jährliche Umsätze von fünf Mrd. Dollar. Bischofberger besitzt das Patent auf Tamiflu, pro verkaufter Packung soll Gilead gut fünf Dollar erhalten, heißt es. Aber auch andere Pharmariesen mischen mit. Glaxo Smith Kline ist mit Relenza am Markt. In der Produktion des Impfstoffes engagieren sich der Novartis-Konzern ebenso wie Sanofi Aventis und Baxter.
Vorbestellung
Österreich hat den Impfstoff bei Baxter vorbestellt und damit für einen Ernstfall Produktionskapazität reserviert, bestätigt Vorstand Hartmut Ehrlich. Brummende Geschäfte mit den Pandemie-Ängsten will die Branche nicht sehen. Das ganze werde überschätzt, sagt Andreas Windischbauer, Chef des Pharmagroßhändlers Herba Chemosan.
Hamsterkäufe seien nicht zu erwarten, reich mit einer Grippewelle werde keiner. In Österreich seien die Arzneipreise zudem um gut 20 Prozent niedriger als im EU-Schnitt. Auch die Apothekerkammer ortet derzeit keinen Ansturm. Ein nettes Körberlgeld brachte den Apotheken ohnehin die Vogelgrippe: Der Absatz an Tamiflu stieg damals um satte 2650 Prozent. Im Internet war das Präparat nur noch zu Wucherpreisen zu haben.
Sollte sich die Grippe weiter ausbreiten, erwarten Aktienexperten abseits der Pharmabranche ernste ökonomische Folgen auf die von der Finanzkrise geschwächten Kapitalmärkte. In der Bredouille: die Flug- und Tourismusindustrie. (Verena Kainrath/DER STANDARD - Printausgabe, 29.4.2009)