Rundschau: Viva Godzilla!

Josefson, 23. Mai 2009, 13:08
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coverfoto: lübbe

Jean-Marc Ligny: "AquaTM"

Gebundene Ausgabe, 813 Seiten, € 25,70, Lübbe 2009.

In die Tradition dystopischer Science Fiction stellt der Bretone Jean-Marc Ligny seinen im Original 2006 veröffentlichten Roman "AquaTM", auch wenn der nun - Zeichen der Zeit -  als "Thriller" deklariert wird wie eine Agentenschmonzette. Die Anklänge an 70er-Jahre-Romane mit ähnlicher Umwelt-Thematik, allen voran John Brunners "The Sheep Look Up", sind unverkennbar: Sie beginnen beim umfangreichen Personen-Ensemble und gehen bis zu den Newsflashes oder Werbebotschaften fiktiver Firmen, die am Beginn jedes Kapitels stehen. All das fügt sich zu einem Mosaik mit Panoramawirkung zusammen, Generalthema ist die klimawandelbedingte "Umverteilung" des Wassers und deren katastrophale Auswirkungen in den 2030er Jahren. Im Norden Europas und Amerikas kämpfen die Menschen mit Orkanen und Überflutungen, weiter südlich herrscht zunehmende Dürre. Am schlimmsten in Burkina Faso, wo seit Jahren kein Regen mehr gefallen ist. Die Hilfsorganisationen haben das Land längst verlassen, in den Straßen liegen die Toten als Fressen für die Geier herum.

Ausgerechnet dort wird aber unerwarteterweise ein riesiges unterirdisches Süßwasser-Reservoir entdeckt, welches das Land vor dem endgültigen Aus retten könnte ... oder auch jede Menge Dollars einbringen, sollte sich ein westlicher Konzern das Wasser krallen. Eine Reihe von Personen - allesamt mehr oder weniger gebrochene Charaktere - setzt sich zu diesem Reservoir in Bewegung. Zunächst die Bretonin Laurie Prigent, die für die Hilfsorganisation SOS ("Save Ourselves" heißt das bezeichnende Motto in einer ungemütlich gewordenen Weltlage) arbeitet. Im Grunde will sie nur weg aus Europa, der Auftrag kommt ihr in ihrer Ziellosigkeit also gerade recht, gestaltet sich allerdings weit beschwerlicher als gedacht. Laurie muss sich mit einem LKW quer durchs anarchische Nordafrika durchschlagen, reguläre Verbindungen nach Burkina Faso gibt es keine mehr. Ihre einzige Begleitung ist der Holländer Rudy Klaas, einer von vielen heimatlos gewordenen Ökoflüchtlingen. Ursprünglich war er ein Softie, doch das Herumgeschobenwerden und speziell die zwangsweise Ausbildung in einem deutschen Fascho-Camp haben ihn brutalisiert - immerhin hat er dabei ein paar Fertigkeiten gelernt, die ihm beim Albtraumtrip durch das glühend heiße Afrika zugute kommen.

Zum Hauptkontrahenten der beiden wird Anthony Fuller, Vorstandsvorsitzender des US-amerikanischen Infrastruktur-Konzerns Resourcing - der auch am deutlichsten zeigt, dass Ligny männliche Charaktere etwas facettenreicher zeichnen kann als weibliche. Fuller hat weder ein Problem damit, zwecks eigenem Profit ein ganzes Land in den politischen Umsturz zu treiben noch die Nanny seines Sohnes sexuell auszubeuten. Zugleich verabscheut er als Mann der Aufklärung sowohl Rassismus als auch religiösen Wahn. Mit Entsetzen reagiert er darauf, dass seine Frau der Göttlichen Legion beitritt, einer immer mächtiger werdenden Sekte massenmörderischer Fundamentalchristen, die in der Love Parade Giftgas freigesetzt, die schwarze Bevölkerung von New Orleans mit einem Virus dezimiert und durch eine Deichsprengung die "verteufelt" weltlichen Niederlande überflutet haben. - Im Vergleich zu Fuller nimmt sich Fatimata Konaté, die als Hoffnungsträgerin ganz Afrikas idealisierte Präsidentin Burkina Fasos, wieder recht eindimensional aus. Die einzige schwerwiegende Schwäche bei den Roman-Charakteren ist allerdings die Idee, einen körperlich Schwerstbehinderten - Fullers Sohn - zur geradezu übernatürlichen Ausgeburt des Bösen hochzustilisieren; das beißt sich etwas mit der rationalen Grundausrichtung des Romans.

"AquaTM" entwirft ein ausgesprochen düsteres Szenario - nicht nur für den sterbenden Süden, sondern auch für die nicht mehr ganz so reichen Länder des Nordens. Enklaven als Weiterführung heutiger Gated Communities sind längst auch in Europa die Regel; wer sich das beschützte Leben dort nicht leisten kann, muss sich als Outer im nicht mehr kontrollierten Umland durchschlagen. Wie schon bei Richard Morgans "Profit" oder Jean-Christophe Rufins "Globalia" hat sich die Zweidrittelgesellschaft in ihr noch schrecklicheres Gegenteil verkehrt. Mit Kritik an den USA wird nicht gespart, und die kann durchaus auch mal platt ausfallen - zu beachten ist dabei, dass der Roman noch in der Bush-Ära geschrieben wurde. Wenn beschrieben wird, wie die USA ihr Weltreich nach einer missglückten ökonomisch motivierten Invasion Mexikos verloren haben, wie die staatliche Infrastruktur dem ultraliberalen Teufelskreis zum Opfer fiel und der Dow Jones nun unter fünfhundert liegt (heutiger Stand: irgendetwas über 8.000), dann klingt da eine seltsame Mischung aus Genugtuung und europäischem Wunschdenken an. Allerdings muss man auch einräumen, dass Jean-Marc Ligny im Vergleich zu Brunner in "The Sheep Look Up" geradezu versöhnlich bleibt: Der ließ immerhin in einem der zynischsten Finali der SF-Geschichte die ganzen USA zum Wohle der Welt abfackeln. - Unter dem Strich bleibt "AquaTM", das auch als Hörbuch erhältlich ist, auf jeden Fall ein lesenswerter Roman.

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10 Postings
Vielen Dank für diese großartige Simmons-

Rezension! Für Terry Pratchett sowieso

@josefson

wenn schon lynn flewelling gedropped wird, gibts je einen einblick in jim grimsleys kirith kirin? bei büchern, die es eigentlich nicht mehr gibt, weil der verlag eingegangen ist, würde man doch ein vor-urteil von einem bekannten vorziehen, bevor man um 50-200 euro ein exemplar importieren lässt.

J. Josefson
00
24.5.2009, 17:59

Wer einen wirklich guten High Fantasy-Roman sucht, der den Atem einer Welt von Tolkien-mäßig lange zurück reichender Mythologie hat, einen sympathischen und glaubwürdigen schwulen Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und mit einem auf die dargestellte Welt bezogenen Überraschungseffekt am Schluss aufwartet, ist mit "Kirith Kirin" bestens beraten.

Aber Achtung: Bei einem Teil der Auflage fehlen - offenbar aus drucktechnischen Gründen - ganze Kapitel. Am besten also die diversen Angebote genau auf Mängelbeschreibungen durchlesen.

danke für den hinweis mit dem möglichen druckfehler. dann werde ich nächsten monat ein paar anbieter abklappern.

nachdem mir dream boy so gut und comfort and joy so überhaupt nicht gefallen hat, war mir nicht recht klar, was ich mit grimsley anfangen soll. da aber die verfilmung von dream boy recht gelungen war (bis auf die präpotente musik) hätte ich mir kirith kirin schon fast zum geburtstag geschenkt. abgehalten hat mich nur der preis.

lg

Habe schon auf die Rundschau gewartet!


Danke!

<3

Terry Pratchett always delivers. Scheibenwelt oder nicht.

Immer wieder eine Freude die Rundshcau zu lesen.

Gute Arbeit Herr Josefson!

Rundschau

Immer wieder schön zu lesen, danke!

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