Konsumkritik und Ohrensausen

26. April 2009, 18:29
  • Reverend Billy bei seiner Mission am Wiener Graben. Gegen Konsum-wahn, für ein besseres Leben.
    foto: fischer

    Reverend Billy bei seiner Mission am Wiener Graben. Gegen Konsum-wahn, für ein besseres Leben.

Spektakuläre Auftritte: Spiritualized errichteten Soundkathedralen, Reverend Billy ritterte mit Gospels gegen Konsum und Ausbeutung - auch in Wien

Krems/Wien - Einen Straßenprediger mit Elvis-Tolle glaubte man bislang nur im US-amerikanischen Süden nach einigen selbstgebrannten Spirituosen zu halluzinieren. Seit dem Wochenende aber weiß man: So einen gibt es wirklich. Und er ist nicht etwa bloß das Ergebnis übertriebener Geschwisterliebe aus den Sümpfen Alabamas, nein, er tritt mit seiner Vision von einer besseren Welt von New York aus an. Sein Name: Reverend Billy.

Dieser hat es mit seiner von der aktuellen globalen Krise bestätigten konsumkritischen Botschaft nun auch nach Österreich geschafft. Am Wochenende gastierte er mit dem Gospel-Chor der Church of Life After Shopping beim Donaufestival in Krems und missionierte tags darauf in Wien - passenderweise vorm Meinl am Graben.

In den USA, wo Kirchen wie hierzulande Vereine gegründet werden, ist der 59-jährige Bill Talen mit seiner Church ein Held der Globalisierungsgegner. Gleichermaßen fürchten Ketten wie Walmart oder Starbucks seine aktionistischen Auftritte. Für Starbucks-Angestellte in den USA führt das Verhaltensregelblatt sogar einen Punkt an, der lautet: "What should I do when Reverend Billy is in my store?"

Am 1. März gab Billy seine von der Green Party unterstützte Kandidatur als New Yorker Bürgermeister bekannt, woraufhin sogar die Financial Times dem Wirken des Reverends Platz einräumte.

Angelehnt an Gospel-Schemata wie Call-and-Response-Gesang beschritt Reverend Billy in Krems nach einer Aufwärmrunde vor dem Saal die Bühne, um als Don Quijote mit acht Sancho Pansas seine Kunde mit obsessiver Überzeugung und herrlicher selbstironischer Showman-Klasse zu verbreiten. "Your Neighbourhood is not for sale!", "Democracy is not for sale!", "Justice is note for sale!", lauteten einige Refrains, die zu Klavierbegleitung vom Chor geschmettert wurden.

Es kam zu einem Exorzismus an einer Kreditkarte, deren negative Kraft den Reverend buchstäblich zu Boden zwang. Doch kein Gotteswerk ohne Wiederauferstehung - Billy siegte, der Chor jubilierte: "Halleluja!" oder - wie der Reverend sagte: "Peace-Allujah!"

Ein fantastischer Auftritt mit verwegenen Tanzschritten und gleichzeitig ein Höhepunkt des Donaufestivals in Krems, dessen Tchibo-Filiale früh am nächsten Morgen Billy-Besuch bekam. Ernsthafte Kritik und Entertainment als Gratwanderung - Reverend Billy weiß, wie das geht.

Wenig später kam es in der großen Halle zum zweiten Höhepunkt. Die britische Band Spiritualized betrat den mittels Trockeneisnebel bestens eingerauchten Saal, um die flehende Erlösungslyrik ihres Masterminds Jason Pierce zu präsentieren. In zuckendem Stroboskoplicht, im Nebel, zu den Engelsstimmen zweier Gospelsängerinnen, errichtete Pierce kathedralische Sounds: Riffs wie Türme, Melodien wie Absolutionen und eine Lautstärke, die dieser Messe angemessen war.

"Come Together"

Spiritualized boten einen Querschnitt aus Pierces Gesamtwerk, das mit der Band Spacemen 3 in den 1980ern begann, als man mit zwei Gitarren, ebenso vielen Akkorden, Schlagzeug und bald auch Orgel monomanisch dröhnende Drogengebete vertonte: Von Walkin' With Jesus über ein gewaltiges Come Together von MC5 über Aktuelles wie Soul On Fire bis hin zu Elvis führte die Reise, die mit dem Gospel Amazing Grace begann.

In all dem Lärm, den Bergen und Wolken des Wahnsinns, reichte Pierce immer auch verletzliche Kleinode, sang von drogeninduzierten Hurricanes in seinen Venen, um uns Trockenschwimmern anschließend vorzuspielen, wie sich das anfühlen muss. Ein Gottesdienst der etwas anderen Sorte, und schon jetzt ein Konzert des Jahres. Im Anschluss: offene Münder, glänzende Augen - und ordentlich Ohrensausen! (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 26.04.2009)

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Dieser Reverend Billy sieht ja fast wie der junge Wayne Cochran aus.

donauinselfest::: melvins, sofa surfers, the notwist, naked lunch, sterne...

der Bogen ist überspannt!

zuerst die herablassende SONIC YOUTH kritik von SCHACHINGER (dabei war das ein frisches, spielfreudiges, überraschend herzhaft gespieltes konzert) und jetzt die absurde übersteigerung des auftritts von SPIRITUALIZED von FLUCH. konzert des jahres?! offene münder?! ich habe nur relativ gelangweilte, gähnende münder gesehen (auch nachzulesen auf der FM4 site). wenn SPIRITUALIZED schon die krone des musikalischen jahres sein sollen, dann schaut's aber echt armselig aus...

"gähnende münder gesehen (auch nachzulesen auf der FM4 site)"

Der FM4-Kritiker ist sicher ganz hinten im VIP-Bereich gewesen, statt direkt vor den Boxen wie sich das gehört.

na wenns FM4 sagt...

Gospels gegen Konsum und Ausbeutung

Also um gegen Konsum und Ausbeutung aufzutreten, würde ich "In Flames" oder "Amon Amarth" auftreten lassen ;-)

die würde ich eher für einen plutonium werbung buchen.

Donaufestival Bericht Reverend Billy

http://www.youtube.com/watch?v=qblbHydHe5c

Verrückte können auch Recht haben!

Naja, es ist ja grossteils richtig, dass wir shoppen wie die Blöden ohne uns gedanken zu machen ob wir das überhaupt brauchen, alleine die Werbung zeigt es uns ja jeden TAG, was uns als notwendig angepriesen wird.

mfg

juhu! konsumkritikshow mit eintrittspreisen und kreditkartenexorzismus mit raiffeisenlogo am eintrittsbandl, juhu!

sowohl am graben als auch in der tchibo-filiale in krems gab´s weder eintrittspreise noch raiffeisenlogos und schon gar keine eintrittsbandl.

ja, meinl anprangern is derzeit auch ca. so subversiv wie gartenzwerge...und der hauptauftritt war nun mal am donaufestival...gage und spesen des herrn werden sowieso von övp und raiffeisen mitbezahlt, ohne deren kohle würd er auch ned am graben stehen, natürlich darf man trotzdem kritik üben....
ich fand den billy eh okay, er stiehlt sich auch elegant vor dem problem davon dass globalisierungskritik schnell mal nach platten parolen klingt, weil platte parolen natürlich hervorragend zum evangelikalen fernsehpredigerschauspiel passen, also bei ihm auch so sein müssen, ein bissl sollten die brüche die bei so performances im subventionierten und gesponserten rahmen zwangsweise auftreten aber meiner meinung nach aber auch thematisiert werden.

hm. berechtigte kritik..

"meinl" hab ich immer schon angeprangert.
dein erstes posting ist sowas von einer platten parole dass sich die evangelikalen noch ein scheiberl abschneiden können.
2. posting schon besser, danke.

Geneuso lächerlich wie

seine "Kritik" an Tschi.bo (wurde zum Running Gag am Festival) ist offensichtlich auch die dazugehörige Berichterstattung. Laizismusinitiative und unglaublich unsympathische Konsumkritik die nicht einmal ansatzweise fundiert rüberkam (auch und vor allem musikalisch) sondern eher wie "The Awful Truth" im Stakkato der vermeintlichen Vorwürfe unterging. Schäbig. Dafür wurde man aber durch ein völlig grandioses Live-Comeback von Goblin und die superben Chrome Hoof entschädigt.

könnte man nicht auch den kurator des donaufestval wechseln?

oder er könnte sich selbst bitte neu erfinden???

2007 war echt ne feine sache- das donaufestival - 2008 konnte mich nur noch der 1. mai dort überzeugen - heuer???

finde das line up vom spring festival in graz i g spannender....

trotz allem grosse kompliment das es das donaufestival gibt aber wie gesagt ....

herr kurator fahren sie heuer mit aufs sonar.. da gibs ne menge zum schauen und anwerben fürs nächste jahr :)))

sonic youth ok ? aber warum nicht dann auch nomeansno und fugazi? zb? otto von schirach? venetian snares? Zb??? ein bisschen 12k records/ ninja tunes/ hyperdub/output records/ mosz records ??? warp rec? mehr thrill jockey???

vsnares war 2005. 2006 ASMZ. 2007 bleibt sowieso unschlagbar.

im speziellen

nomeanso einmal jährlich in wien seit 1990 reicht dann aber auch wieder.

ok und fugazi???

hab ich noch nie gesehen ...

Nach 2007

konnte es nimmer besser werden, das war mir damals schon klar.
08 fuhren wir nur noch wegen Liars hin.
Ich wüßte schon noch ein paar gute Sachen, viele....

donaufestival ist kein elektronic music festival
. mann muss ja nicht alles mit drum and bass und co zumüllen.

aphex twin ist aber ganz gut.

lg

Sonar und Donaufestival ist von der Ausrichtung

nicht zum vergleichen. Ebensowenig DF mit Spring - die ja ein rein elektronisches Festival bieten. Und gerade in diesem Jahr hat in punkto elektronik das DF an EINEM Abend (30.4.) 3 Warp - Künstler.

Gebe jedoch recht, dass auch Sonar und Spring wunderbare Festivals sind.

ja werd mal nochmals

im programm reingukn.. danke für die info...auf jeden fall ;)))

nee der 30.4 überzeugt mich auch nicht

einzig planningtorock...

aber egal was interessiert das irgendwem :)

sonar als massstab? ich war nur einmal dort und das war ziemlich mühsam. kommerz und extrem viele leute.

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