Der harte nordamerikanische Ballsport entwickelt auch ohne Geld in Österreich langsam Strukturen
Rannersdorf - Gelsen stechen auch schon in Rannersdorf. Der extrem früh aktiven Insekten wegen hat man also nicht die Flucht aus Wien Richtung Schwechat angetreten. "Wir konnten uns in Wien einfach keine Platzmiete mehr leisten", sagt die 30-jährige Daniela Dürr, Obfrau des Lacrosse-Teams Vienna Cherokees.
Lacrosse lässt sich, das beweisen die begeisterten Damen, aber auch auf einem Wiesen-Acker in Sichtweite des prunkvollen Rudolf-Tonn-Stadions spielen. Kabinen und also auch Duschen gibt es keine. Dennoch kommen die rund zwanzig Spielerinnen des Teams dreimal die Woche abends hierher, um zu trainieren. Dürr: "Weil der Platz öffentlich kaum zu erreichen ist, gabeln die älteren Spielerinnen mit Autos die jüngeren in Wien auf."
Der Idealismus wird durch Spiele gegen die Graz Gladiators, die Vienna Monarchs und die Bratislava Tricksters belohnt. 2006 haben die Cherokees die ersten Meisterschaften der Austrian Lacrosse League gewonnen, dann dominierten zweimal die Gladiators. Bei den Herren (insgesamt acht Teams aus Österreich, Slowenien, Ungarn und Slowakei) sind die Cherokees bisher überhaupt unerreicht.
Anders als etwa in den USA, wo es sogar eine eigene Profiliga gibt, ist die vermutlich älteste Teamsportart der Welt in Österreich großteils unbekannt. Lacrosse, der von den Indianern Nordamerikas erfundene Nationalsport Kanadas, ist ein schneller und zumindest bei den Herren auch knallharter Sport. Ziel ist es, den Hartgummiball mit einem Schläger (Stick), an dessen Ende sich ein Netz befindet, ins quadratische Tor (1,83 mal 1,83 Meter) zu befördern.
Weil bei den Herren Checks gegen Schläger und Körper des ballführenden Spielers erlaubt sind, müssen Helm, Brustpanzer und Oberarmschützer verpflichtend getragen werden. Die Startausrüstung samt Schläger kostet 300 Euro aufwärts. Bei den Damen sind Körperkontakte und Torschüsse, die eine Gegnerin gefährden können, verboten. Nur das Tragen eines Mundschutzes ist Pflicht, "weil der Ball doch einmal mit bis zu 80 km/h auf dich zudonnern kann", sagt Dürr.
2005 wurde mit der Gründung des Österreichischen Lacrosse-Verbandes (ÖLaxV) eine Struktur geschaffen. Mit dem Aufbau von Nationalteams wurde begonnen. Das bescheidene Jahresbudget: 3000 Euro. Mangels finanzkräftiger Sponsoren wird das Team hauptsächlich von Mitgliedsbeiträgen (15 Euro) genährt. Dürr, die dem ÖLaxV auch als Präsidentin vorsteht, kann den Damen in diesem Jahr für Großevents nur einen Luxus bieten: "Einen Physiotherapeuten."
Nach der erstmaligen EM-Teilnahme 2008 in Lahti (Herren 15., Damen 8.), wartet auf die Damen vom 18. bis 27. Juni in Prag die WM-Premiere. Bei den Austrian Lacrosse Open vom 1. bis 3. Mai am Hellas-Kagran-Platz in Wien bietet sich die Chance zur Standortbestimmung. Österreichs Coach, die US-Amerikanerin Anne Murphy, fliegt unter Verwendung privater Bonusmeilen extra ein.
Auch Damen der Vienna Cherokees dürfen auf Einsätze hoffen. Dafür wird den Gelsen in Rannersdorf gerne getrotzt. Im Nationalteam des Lacrosse-Entwicklungslandes Österreich standen allerdings auch schon die 44-jährige US-Anwältin Kate Lannan oder die 33-jährige kanadische Seismologin Lynda Lastowka, beide Angestellte der Vereinten Nationen. (David Krutzler - DER STANDARD PRINTAUSGABE 27.4. 2009)
Wissen:
Die Ursprünge von Lacrosse gehen auf ein Spiel zurück, das von den Stämmen der nordamerikanischen Ostküste zur Einstimmung auf Kriege oder zur Besänftigung von Stammesfehden veranstaltet wurde. Erstmals urkundlich erwähnt wurde es 1634. Den französischen Jesuitenmissionar Jean de Brébeuf erinnerten die Schläger an einen Bischofsstab (La Crosse).
1856 folgte in Montreal die Gründung des ersten Vereins. Lacrosse war zweimal olympisch (1904, 1908). Der Sport, der zudem in Australien, Neuseeland und England intensiv betrieben wird, kämpft um die Wiederaufnahme ins Programm. Bei Weltmeisterschaften stellt der Stamm der Irokesen seit 1990 ein eigenes Team unter seinem Namen Haudenosaunee - "Völker des Langhauses". (krud)