40 Jahre Starrheit

24. April 2009, 19:15

Autonomie für individuelle Schulen brächte Bewegung in die festgefahrene Situation - Von Helmut Spudich

Das Jahr 2009 ist ein Jubiläenjahr, von Chinas Demokratiebewegung, die am Tiananmen-Platz niedergewalzt wurde, bis zum Fall der Berliner Mauer. Ein heimisches Jubiläum wird auffallend nicht begangen, die Gründung der Schulreformkommission 1969 durch Unterrichtsminister Alois Mock: "40 Jahre Starrheit".

Nicht erst seit Pisa-Test und OECD-Studien ist die große Reformbedürftigkeit der Schulen evident - aber 40 Jahre später stehen sie weiterhin auf demselben Fleck. Zwei Stunden mehr Unterricht? Wir erinnern an Erhard Buseks gescheiterte "45-Minuten-Stunde". Neue Mittelschule? Anfang der 70er gab es "integrierte" (SPÖ) und "additive" (ÖVP) Gesamtschule; Anfang der 80er die "Neue Mittelschule"; 1995 wurde eine "gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen" ergebnislos in den Koalitionsvertrag geschrieben.

Dabei fehlt es nicht an unzähligen Ideen und exzellenten Beispielen, wie Schule und Schulsystem besser gestaltet werden könnten. Nein, das eigentliche Problem ist die Unfähigkeit zur Änderung an sich, die Erstarrung, die in den vergangenen Wochen erneut vorgeführt wurde. Der staatliche Top-down-Prozess, bei dem oben Änderungspläne hineingestopft werden, hat über all die Dekaden versagt. Der Staat in der österreichischen Dreifaltigkeit von Bund, Ländern und Gemeinden ist ein schlechter Betreiber, weil er bei der Anpassung an geänderte gesellschaftliche Bedingungen kläglich scheiterte.

Denn Änderungsprozesse brauchen eine von zwei Bedingungen: großes Leid und entsprechend tiefe Krise (siehe Wirtschaftskrise) - oder eine plausible Alternative in Form von Konkurrenz. Beides fehlt offenbar dem Schulsystem. Den Leidensdruck erfahren vor allem Kinder und Jugendliche, die mit Schulversagen oder psychischen Problemen reagieren; Eltern weichen mit Nachhilfe aus, aber entwickeln selten den Druck zu großen Änderungen (eine Ausnahme ist die in den 90er-Jahren durchgesetzte Integration behinderter Kinder). Und Lehrern bleibt die Frühpension.

Nur Alternativen würden für Konkurrenzdruck sorgen, aber sie bestehen kaum: Privatschulen sind entweder konfessionell, was die Zahl der Interessenten einschränkt, oder sie sind für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich, da sie privat finanziert werden müssen.

Wenn angeordnete Reform von oben unmöglich ist, kann sie nur von unten erfolgen. Der Staat kann für Konkurrenz und damit Änderungsdruck unter den Schulen sorgen, indem er selbst nicht mehr Betreiber ist - aber selbstverständlich weiterhin die Kosten für die Bildung trägt und die Richtung vorgibt. Damit würde die in Sonntagsreden propagierte Schulautonomie wirklich zu Ende gedacht: Zum Träger von Schulen könnten Schulvereine werden, so, wie es schon jetzt privat finanzierte Alternativprojekte vorleben. Statt der Lähmung des Ganzen könnte Reform Schule um Schule passieren.

Dies ist kein Plädoyer für einen Rückzug des Staates aus der Bildung, ganz im Gegenteil: Es ist ein Rollenwechsel vom Betreiber zum Auftraggeber, Finanzier und Kontrollor. Dazu gehören Vorgaben über Bildungsinhalte ebenso wie Auflagen, die das Recht auf Schulbesuch vor allem auch für Kinder mit besonderen Bedürfnissen absichern. All das ist zwar Neuland für den Schulsektor, aber im Sozialbereich das grundlegende "Geschäftsmodell": Hier sind hunderte Vereine wie Rotes Kreuz oder Lebenshilfe auf gesetzlicher Basis mit öffentlichen Geldern tätig.

Mit Freiheit zur Änderung für individuelle Schulen käme Bewegung in die festgefahrene Situation: Denn sobald erstarrte Schulen Kinder an die beweglichere Konkurrenz verlieren, besteht Druck zur Änderung. Und sei es nur, um den Job zu erhalten. (Helmut Spudich / DER STANDARD-Printausgabe, 25./26. April 2009)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 50
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hajohu
00
11.5.2009, 14:39
Die Idee ist gut - was können wir dafür tun?

Nachdem wir zusehen zu mussten, wie wieder einmal die totale Reformunfähigkeit des staatlichen Schulwesenes von seinen Akteuren (Bürokraten, Gewerkschaftsfunktionären und Lehrern) vorgeführt wurde - reicht es. Genau, es braucht alternative Schulangebote, die vom Staat zu finanzieren sind. Warum sollen nur die konfessionellen Schulen die Kosten für Lehrer vom Staat erhalten? Gleiches Recht für alle Elterninitiativen, die mit großem Engangement und jetzt auf ihre Kosten versuchen, für ihre Kinder eine bessere Bildung zu verwirklichen.
Der Staat braucht nur die Normen vorgeben (Lehrinhalte, Lehrerqualifikationen) und die Qualitätskontrolle erfolgt über einheitliche Prüfungen (wie die "Zentralmatura").
STARTEN WIR EIN VOLKSBEGEHREN !

Phil Decker
00
26.4.2009, 17:28
Konkurrenz...

Diese Konkurrenz zwischen den Schulen ( AHS) wird-nolens, volens- kommen, wenn es Zugangsbeschränkungen zu ALLEN Studienrichtungen in Form von Zulassungsprüfungen geben wird.
Dann werden sich eben Schulen mit hohem Niveau gegen solche mit niedrigem Niveau durchsetzen, denn das Maturazeugnis sollte ja einHochschulstudium ermöglichen !

spoiled ballot
00
26.4.2009, 17:06
der autor übersieht, dass diese änderung eine

größere wäre als jeden andere reform.

wenn nicht mal ein reförmchen möglich ist, wie sollte dann eine änderung, die alles auf den kopf stellt, möglich sein?

ewald berkmann1
00
26.4.2009, 12:32
mich wundert, . . .

. . . warum bei so vielen klugen kommentaren die österreichischen schulen immer noch überproportional faschismus-nachwuchs (autoritätsgläubige nationale rechtswählerInnen) "produzieren".

womöglich auch deshalb, weil sich hier jeder/e als bildungsexpertIn sehen darf. ist ja schließlich jeder/e irgendwann einmal "erzogen" worden.

Atrazin
01
26.4.2009, 12:47
Sie glauben doch nicht ernsthaft,

dass die Schulen das "produzieren"!?! Oder haben wir uns jetzt endgültig von der Vorstellung verabschiedet, dass das Elternhaus irgendeinen Einfluss auf Kinder und Jugendliche hätte?

Pestassori
00
26.4.2009, 11:18
Ein gefährlicher Vorschlag, denn ...

... der Rückzug des Staates aus der Bildung, wenn Schulvereine zum Träger von Schulen werden, würde jedweder Unprofessionalität und krausen Ideologien (siehe Steiner-Schulen) Tür und Tor öffnen!
Das eigentliche Problem ist nicht die Unfähigkeit zur Änderung an sich, sondern der fehlende Mut zu wirklicher Autonomie innerhalb einer Schule. Was soll ein nach Stunden- und Pausenordnung eingeteilter "Stundenplan?" Ein Wochenplan, der ein von den Lehrern (Profis!) mit dem Schulleiter akkordierter Rahmen ist, sollte die Möglichkeiten zu mehr Projektorientiertheit bieten!
Dass dieser Artikel wieder vom Wettbewerb träumt, zeugt von der Blindheit auch vieler Intellektueller, denn er degeneriert die Schule zur wirtschaftlichen Effizienz-Anstalt!

bassin
00
26.4.2009, 09:15
provokant

zugegeben, ich bin ein wenig polemisch und provokat. wer braucht denn eigentlich eine schulreform? die schulexperten zwecks daseinsberechtigung oder die schule? es gibt keine bhs im rest europas (zb), wollen wir also die htl (zb) wegreformieren? die hs im ländlichen raum funktionieren und selektiren nicht (60 % der maturant/innenin oö haben hs-vergangenheit), wer braucht also die nms? wir brauchen im sinne der kinder und ihrer zukunft dort unterstützung wo es notwendig ist: zb. sprachförderung, schulausstattungen für neue methoden - viele lehrer /-innen könnten es ja, aber sie haben nicht die chance und wir brauchen die klarheit, das schule nicht hobby sondern arbeit ist

wir brauchen

fuvol
00
26.4.2009, 10:16
Konkurrenz zwischen Schulen

existiert doch schon längst. Offensichtlich ist es Herrn Spudich entgangen, dass berufsbildende höhere Schulen schon längst in einem unerbittlichen Kampf um Schülerzahlen stehen. Diese BHS sind es auch, an denen "Innovationen" wie Lehrerbewertung durch Schüler, Projektarbeit, etc. schon Alltag sind. Und ich bleibe dabei: Unsere HTLs sind auch im internationalen Vergleich Spitzenschulen (sieht man zb. daran, dass Absolventen auch im Ausland irrsinnig gefragt sind). Daher plädiere ich dafür, diese ganze (scheinheilige, durch Neid gesteuerte) "Schuldiskussion" etwas differenzierter nach Schultypen zu betreiben.

Atrazin
01
26.4.2009, 12:49
Die Qualität hebt diese Art der Konkurrenz

allerdings nicht - ganz im Gegenteil.

Hub
00
26.4.2009, 09:04
40 Jahre Starrheit

Wieder und wieder ist verwunderlich, dass viele Autoren nicht zwischen einer Reform (und deren Scheitern ) und schlecht verhandeltem Budget (Schmied) unterscheiden können.
Alles bisher war nur öffentlich geführte und kommentierte Budgetpolitik, Reformen könnten vielleicht jetzt beginnen.

Radio Eriwan
00
26.4.2009, 08:55
Die Schule als Rotes Kreuz.

Wie sinnig.

X0 Phia
20
26.4.2009, 08:19
Als Lehrer noch am Hungertuche nagten aber ein Rohstaberl hatten, war die Ungerechtigkeit auch nicht kleiner!

Was sich derzeit zeigt, ist der Pendelausschlag auf die andere Seite.

Nehmt es gelassen, die Gscheitln haben beim Pisatest nicht bemerkt, dass es Lehrer-Validierung war und die bemerken auch nicht, dass 80% durch Education per Web überflüssig werden.

Fernunterricht ist eine Sache, Webunterricht eine ganz andere.

Könner des Faches werden als Avartare mit Webcam und Flashanimation zur Verfügung stehen, um Zusammenhänge anschaulich und mit begeisternden Beispielen darzulegen.

Proporz-Luscherln können das in keiner Klasse bieten - dabei müßten die mit 56000.-€ Einkommen für 600 Schulstunden jede erdenkliche Motivation haben.

Da das Gehlat auch bei Versagen kommt, ist es pfründiger, mit Lehrmüll den Lehrpfusch zu fördern.

G. Lavant
01
26.4.2009, 14:13

Heiliger Bimbam!
Fahren Sie das Fahrwerk und die Landeklappen aus.
Hände vor den Kopf und Luft anhalten.
Das gibt einen Bauchfleck!

Der Ächter
00
27.4.2009, 07:10
Sind Sie Neugebauer?

Am Boden der Badewanne ist ein tiefes, dunkles Loch
00
25.4.2009, 23:09

Spudich, offensichtlich ein Apologet der Hyperprivatisierung. Oder einfach ein Depp. Es gilt die Unschuldsvermutung.

verdeckte Sensorik
00
26.4.2009, 12:20
Sie sind offensichtlich schon angekommen, am Boden der Badewanne ...

dort, wo die Erstarrung Ihre maximale Ausprägung angenommen hat.
Es ist schon erstaunlich mit welcher emotionaler Härte an eine pragmatisch zu führende Diskussion herangegangen wird.
Änderungen bedeuten Risiko. Bedeuten Fortschritt wenn man sie zulässt und betreut!
Mittlerweile habe ich mehr Vertrauen in die Schüler als in die LehrerInnen samt deren Standesvertretern und dem BMUK.
Wünsche mir Konzepte, Abkupfern von erfolgreichen Ländern, ...

Am Boden der Badewanne ist ein tiefes, dunkles Loch
00
26.4.2009, 16:30
mehr Vertrauen in die Schüler als ...

... ist jetzt aber auch emotionale Härte.

G. Lavant
07
25.4.2009, 21:38
Bildung ist big business

Wenn es uns nicht gelingt, unser Bildungssystem auf staatlicher Basis zufriedenstellend zu organisieren, werden profitorientierte Unternehmen sich dieses Marktes annehmen und dann können wir uns eine konsistente Bildung aller Bürger dieses Landes endgültig abschminken.
Die Idee, dass der Markt alles reguliert, ist wie wir spätestens seit der derzeitigen Krise wissen, eine Lüge.
Entweder, es gelingt, unser Bildungssystem auf die Reihe zu bringen oder wir werden Zustände haben, wie wir es uns in unseren schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können.
McBildung zum Diskontpreis oder Bildung mit Hochpreislabel.
Bei Kommentaren, wie die von Herrn Spudich müssten eigentlich etliche rote Alarmlichter hektisch zu flackern beginnen.

larkmiller
02
26.4.2009, 03:25

Was bei solchen Wuenschen/Ideen herauskommt, kann man hier in NYC studieren.

Eine einzige Katastrophe, die auf den Schultern der Eltern und Kinder ausgetragen wird. Die Schulen, die wirklich gut sind und funktionieren, sind fuer "Normalverdiener" wegen Wohnungskosten (man muss im Sprengel wohnen) etc. nicht erschwinglich.

Wer solche Ideen propagiert hat sich noch nie mit offenen Augen und Ohren ins schulische Ausland gewagt.

X0 Phia
30
26.4.2009, 06:49
Die Sprengelbeschränkung ist kein Vorbild!

Privatschulen, die geprüfte Ergebnisse liefern, sollen den gleichen Steueranteil wie andere Schulen bekommen.

Aber in wenigen Jahren ist das kein Thema - Bildung wird ein riesiger Markt und preiswert zu haben sein ohne dass sich Lehrer gegenseitig ihre Bücher für den Unterricht vorschreiben können.

Alles wissenswerte ist bestens aufbereitet im Web zu finden.

Zuhauseverbesserer und täglich mangelndes Berufwissen wiederholende Leherende wird es nur noch als "Auslaufmodell" (Staatswindel) geben - wenn übrehaupt.

Das gesagte gilt für alle Länder in denen das Web richtig genutzt wird.

Ob in Österreich der geschützte Bereich so Bequemorientirt (Propozlich) erhalten bleibt oder weggewatscht wird ist nicht in der Prognose.

Barbara P. Maier
01
26.4.2009, 17:15
Gern den gleichen Steueranteil, aber nur ...

... wenn sie auch den gleichen Anteil an Problemkindern nehmen.

Der Ächter
10
27.4.2009, 07:09
Sie dürften vom Thema übervordert sein

G. Lavant
01
26.4.2009, 13:19

Gell, sie haben weder von Schule noch vom Web allzuviel Ahnung?

asinus
01
25.4.2009, 21:58

Sehr gutes Statement. Wenn Bildung nur noch profitorientiert vermittelt wird, dann gute Nacht. Das sieht man bereits bei Flüchtlingslagern (Ö), Gefängnissen (USA) usw., alles wo der Staat Verantwortung abgibt. Die Kontrolle versagt sowieso (zumindest teilweise), und privat ist nicht gleich privat, da wären die Unterschiede auch enorm.

Querdenker27
29
25.4.2009, 20:20
Sachkompetenz fehlt

Herrn Spudich fehlt die Sachkompetenz, sonst wüsste er, dass es nicht um zwei Stunden mehr Unterricht gegangen ist- es wäre wünschenswert, die Stundenkürzungen aus der Zeit Gehrers zurückzunehmen- sondern um eine drastische Einsparung zu Lasten von ca. 10.000 Arbeitsplätzen. Ihre Erhaltung "Erstarrung" zu nennen, ist perfid und eines Kommentars im "Standard" unwürdig.
In den letzten 40 Jahren waren übrigens 28 Jahre sozialistische Unterrichtsminister am Werk.
Konkurrenz besteht zwischen den Schulen, das sieht man an den unterschiedlichen Anmeldezahlen deutlich, besonders im AHS-Bereich. Würde sich Herr Spudich in eine Schule verirren, sollte er das wissen.

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