Eine Erfahrung

"Wo werde ich jetzt hinblicken?"

24. April 2009, 17:47
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    foto: toppress/schöndorfer

    "Wenn er kollabiert, dann zeigt er gleichzeitig auch immer die Brüchigkeit des gesamten Systems: Kunst. Markt. Welt. Bühne." Christoph Schlingensief am 23. März bei der Aufführung seiner ReadyMadeOper "Mea Culpa" im Burgtheater.

In der Nähe von anderen großen Selbstzeugnissen: Christoph Schlingensiefs Krebstagebuch - parallel zu Sloterdijk gelesen

"Der Egoismus ist oft nur das verruchte Pseudonym der besten menschlichen Möglichkeiten. Was unter dem Licht der Humilitas-Hysterie wie ein lasterhaft übertriebener Selbstbezug erscheint, ist meistens nicht mehr als der natürliche Preis der Konzentration auf eine seltene Leistung. Wie anders soll der Virtuose sein Niveau erreichen und halten, wenn nicht durch das Vermögen, sich selbst und seine Kunst triftig zu evaluieren?" 

Du mußt dein Leben ändern: Peter Sloterdijks grandiose Analyse zur "Anthropotechnik" , in der die "religiösen" Menschen und die trainierenden Menschen und die egoistischen Exzentriker und alle anderen am Fließband des Lebens Tätigen übend und in beständiger Wiederholung einander näher sind, als es uns die Fundamentalisten weismachen wollen: Dieses Buch fand der Verfasser dieser Zeilen kürzlich in einer Bahnhofsbuchhandlung. Zwischen Lebensratgebern und Lebensgeständnissen und "beispielhaften" Biografien. Orientierungshilfen, die den Markt gegenwärtig überfluten, als ging's darum, dort, wo es "so nicht weitergehen kann", möglichst kompakte Nachtkästchenlektüre für Pausen zwischen Alb- und Angsträumen zu kriegen.

Du mußt dein Leben ändern: Offenbar hatte ein unzureichend geschulter Mitarbeiter gedacht, der Titel sei didaktisches (Nischen-) Programm. Und ziemlich sicher wird man dieser Tage nun zwischen den einschlägigen Publikationsstapeln, vielleicht direkt neben Sloterdijk, ein weiteres Buch finden, das den auf schnelle Reize und kompakte Lehren erpichten Verbraucher gehörig in die Irre führt.

Es trägt den verführerisch lebensfrohen Titel So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! (ja, mit Rufzeichen), könnte also durchaus auch von Johannes Heesters oder irgendeinem weltweise gewordenen Talk-Show-Moderator stammen. Geschrieben (richtiger: diktiert) hat dieses "Tagebuch einer Krebserkrankung" Christoph Schlingensief. Worauf der Verfasser dieser Zeilen jetzt gerne noch ein Rufzeichen folgen lassen könnte. In den letzten Monaten hat er mit Schlingensief halb heiter, halb entsetzt einige Diskussionen darüber geführt, ob er sich nun tatsächlich die Johannes-Kerner-Front ("Erzählen Sie doch mal von einer einzigartigen Erfahrung!") antun wolle.

Nun, Schlingensief war bei Beckmann. Auch Elke Heidenreich hat ihm dort öffentlich ihr Beileid ausgesprochen. Kein Interviewer aus dem Feuilleton (und das sind meist die voyeuristischsten) scheint vermeiden zu können, angesichts von Schlingensiefs Krankheit den Tonfall auf ein dezent mitfühlendes Niveau zu senken und den vorher als Selbstdarsteller und Provokateur Verfemten schonender zu behandeln. Bei Besprechungen der ReadyMadeOper Mea Culpa im Burgtheater führte dies etwa zuletzt zu endlosen Elogen auf das Hochpersönliche der Auseinandersetzung mit Krebs (als sei Schlingensief, der Radikalsubjektivist, je unpersönlich gewesen) bei gleichzeitiger Ausblendung einer virtuosen Verschränkung von filmischen, bildnerischen und theatralischen Techniken, die natürlich über das Persönliche weit hinaus geht.

Wenn Schlingensief kollabiert, dann zeigt er gleichzeitig immer die Brüchigkeit des ganzen Systems: Kunst. Markt. Welt. Bühne. So ist jetzt auch sein "Tagebuch" eine gewaltige, maßlose Irreführung. Zwar bietet er parallel dazu im Internet jetzt auch eine Plattform für "geschockte Patienten" und ihren Kampf um Autonomie gegen den "autonomen Krebs" an.

Aber insgesamt ist sein Buch näher bei großen literarischen Selbstzeugnissen wie Fritz Zorns Mars oder Thomas Bernhards Der Atem, als dass es wirklich zum Erfahrungsaustausch unter Geschädigten einladen würde. Für so etwas lebt Schlingensief, sehr simpel formuliert, zu sehr in seiner eigenen Welt. Hier schreibt/spricht ein Mensch, der jahrelang meinte, von Wagners Parsifal vergiftet worden zu sein. Ein Regisseur, der erwägt, Walter Ruttmanns Oper Johanna vom Bett aus inszenieren zu können. Ein Sohn, der am Grab des geliebten, verhassten Vaters Erscheinungen hat.

Ein Hypersensibler, der sich peinigend physisch in den eigenen Brustkorb versenken kann, in dem plötzlich ein Lungenflügel fehlt. Ein Atemloser, der zu delirieren beginnt. "Jesus hat sich mir, Christoph Schlingensief, in der Kapelle gezeigt, indem er mich verstummen ließ, und plötzlich wurde alles ganz warm. Ja, super, du Leidensbeauftragter! Das war ein schönes Erlebnis, kann ich nicht abstreiten. Hat mir was gebracht. Fand ich schön. Aber Jesus ist trotzdem nicht da."

Da wäre zum Beispiel die Geschichte mit dem Kind. Schlingensief trifft im Krankenhaus auf eine Mutter vor einem Kinderbettchen. "Ich habe sie gefragt: Was hat Ihr Kind? Was ist mit Ihrem Kind? Sie sagte, das rollt immer so komisch auf den Fußballen ab, das läuft immer nur ganz vorne auf den Zehenspitzen. Wissen Sie, warum Ihr Kind das tut?, sagte ich. Weil Ihr Kind einfach besonders intelligent ist. Ihr Kind ist einfach ein hochintelligentes Wesen, ein Autist. Das sind die, die auf Zehenspitzen durch die Welt laufen. Die haben so viel zu denken, dass sie auf dieser Erde nur ganz vorsichtig gehen können."

Alexander Kluge, so Schlingensief, habe später gemeint, dass er das sei: dieses Kind. Dies lesend mag man an eine Schlüsselszene aus Mea Culpa denken. Schlingensief betrachtete dort gemeinsam mit dem Publikum eine Drehsequenz aus Brasilien, ein Wagnerorchester, in kreisenden Bewegungen, immer wieder unterbrochen von längeren Strecken Schwarzfilm. "Wo werde ich jetzt gleich hinblicken?", fragte der Künstler, traumwandlerisch tanzend im eigenen Bild, aus dem er "nicht heraustreten will". "Was kommt jetzt?" Der Schwarzfilm und der Raum zwischen den Kadern, das sei das Entscheidende. Hier liege der wahre Film.

Nachher wurde dann noch aus Krankheitsberichten anderer Künstler/Menschen gelesen. Es folgte die Aufforderung Schlingensiefs, man möge, wenn man erkrankt sei, doch selbst ein Buch schreiben. Aber das waren, wenn man so will, nur unreine Stellen nach dem solipsistischen, "egozentrischen" Tanz eines Hochbegabten, der nicht innehalten will, alles, was er wahrnimmt, einzufangen, auf sich selbst zu beziehen und zu projizieren, als sei er selbst Kamera und Leinwand und Filmstreifen zugleich. Und irgendwann flasht er uns, immerfort weiter kreisend und übend, uns dann von der Wagnerbühne in Bayreuth entgegen, oder aus einer Angstkirche in Duisburg oder eben aus einem Lebensberatungsregal in einer Bahnhofsbuchhandlung. Oder bei Beckmann. Da haben wir zugegebenermaßen ein wenig gelitten.

Lesen wir weiter bei Sloterdijk: "Wo man den Egoismus vermutete, um ihn in flüchtigen Bösesprechungs-Verfahren zu verdammen, findet man bei genauerem Hinsehen die Matrix der herausragendsten Tugenden. Ist dies offengelegt, sind die Demütigen an der Reihe, zu erklären, wie sie es mit dem Hervorragenden halten." Und jetzt bitte noch ganz viel (Schwarz-)Film vor dem letzten Cut. (Claus Philipp, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.04.2009)

Christoph Schlingensief, "So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! Tagebuch einer Krebserkrankung." € 18,95 / 256 Seiten.Kiepenheuer und Witsch Köln 2009 .

Kommentar posten
16 Postings
Helmuth Plessner
00
22.8.2010, 08:03
Der Jünger folgt seinem Guru

Die Brillengläser von Herrn Phillip sind durch dessen Sloterdijk-Lektüre wohl so sehr geschliffen worden, sodass er gar nicht umhin kann, wie Schlingensiefs Kunst unter den Perspektiven Sloterdijks - diesen verkappten Nietzscheaner - als 'genialischen Egoismus' zu umschwärmen.

Anstatt selber sehen zu lernen, ist Herrn Phillip seine Sicht durch Sloterdijks psychedelisches Weltenttarnungsprogramm verdeckt.
Anstatt selber zu denken, denkt hier eigentlich Sloterdijk durch die Feder einer seiner Jünger.

bess
121
26.4.2009, 11:52
problematisch

die meisten sterben an krebs, die, die an der richtigen postition in der gesellschaft sitzen überleben ihn und verdien noch was d´ran. der kapitalismus hat keine grenzen.

peter schmidt
 
04
puh sie sind dem mann sogar diese ekelhafte erkrankung

neidig. das ist irgendwie schon sehr wienerisch.

kraushart
04
26.4.2009, 13:45

wirfst du a) schlingensief hier tatsächlich vor, seinen krebs überlebt zu haben?

Und b) glaubst du allen ernstes, dass vorstandsvorsitzende, ex-Politiker und Freimaurer eine Geheimpille verabreicht kriegen, die den Krebs heilt und die "sie" vor uns Normalsterblichen geheimhalten?

Und c): schlingensief hat zeit seines künstlerischen lebens seine nabelschauen verwertet und daran gut verdient und weißt du auch warum: weils zu allermeist höcht amüsant und kurzweilig war!

Mag. Brenner
12
26.4.2009, 11:33
An der Grenze zum Holzschnitt ...

Ein typischer Philipp-Text: sprachlich an der Grenze zum Holzschnitt, aufgepeppt durch die üblichen Fremdwörter. Aber frei von erzählerischem Fluss oder gar subtiler Distanz.
Mir ein Rätsel, wie man mit so einem Stil jemals Kultur-Ressortleiter sein konnte ...

catfish eyes
00
26.4.2009, 18:26

Die Information, die im Text steckt, ist so gut, dass man sogar die holprigste Schreibweise in Kauf nimmt, um den Inhalt mitzukriegen.
Kennt man genug Künstler, wird man Ressortleiter. Mit Schreibenkönnen hat das nichts zu tun.

bertl wyatt
00
26.4.2009, 23:53
pfff...

... glaube zu wissen, dass weder jemand c. philipp kannte , noch selbiger und selbigen viele künstler, als er vor "unzeiten" kulturleiter wurde.
was macht eigentlich frau schurian (aus)?

catfish eyes
00
27.4.2009, 09:12

Sie kennen sich da sicher besser aus als ich; bin nämlich schon seit 1992 nicht mehr da und gebe nur Vermutungen zum besten. Daher naturgemäß bedingungslose Kapitulation.
Ich hab einfach nach einem Grund gesucht, warum ich einen so schlecht geschriebenen Artikel bis zum Schluss gelesen habe.

thomaß hucksdeviehle
20
25.4.2009, 20:26

solipsistisch

Hellsicht
05
25.4.2009, 18:29
Immerhin

Zwei-drei Sätze formuliert Herr Philipp so, dass man sie versteht. Zum Beispiel:

"Dieses Buch fand der Verfasser dieser Zeilen kürzlich in einer Bahnhofsbuchhandlung."

Das ist eine der wenigen Stellen seines Artikels, wo ich mitbekommen habe, was er meint. ;-)

peter schmidt
 
00
wobei ich die formulierung

der verfasser dieser zeilen bzw. der schreiber dieser zeilen usw. immer kindisch empfunden habe. hat so was von spätem 19 jahrhundert englischer reiseschriftstellerstil an sich. nur das man bei manchen der englischen reiseschriftsteller des 19.jahrhunderts über dies gerne hinwegliest weils halt sonst super und auch interessant waren.

Stelio Cotugno
 
41
25.4.2009, 17:32
Nichts gegen den Herrn Schliengensief aber

in Anbetracht dessen dass dieses Schicksal sehr viele Menschen ereilt, die dann auch weniger Glück/Unglück haben und daran sterben wirkt das ganze schon sehr egozentrisch. Es liest sich halt ein wenig so: Einem so großen Künstler kann doch nicht so ein schlimmes Ende bestellt sein ! Es gibt auch viel mehr Krebspatienten die ein Tagebuch Ihrer Krankheit schreiben aber danach weder in die Öffentlichkeit damit gehen und auch viel mehr Demut zeigen vor dem das Leben heisst. Wie gesagt nichts gegen Herrn Schliengensief aber ich würds für mich behalten.

artemis70
04
25.4.2009, 23:11
kompletter holler!

jeder mensch hat in einer derart existenziell bedrohlichen lage das recht so egozentrisch zu (re)agieren, wie auch immer er es möchte.
wenn Sie´s für sich behalten würden - soll so sein.

Kontrahent1
01
25.4.2009, 19:21
Wie hat man Hildegard Knef

als 'Krebs-Hilde' angepöbelt, als sie sich auf deutlich dezentere Art mit ihrer Krankheit auseinander setzte.

Mr. Gringolandia
14
25.4.2009, 10:16
Schlingensief erinnert an den "Krisen-Trend"

Obwohl Schlingensiefs mediale Auftritte in letzter Zeit tatsächlich wie eine "Ich-werde-bald-Sterben-Show" wirken, bewegt mich seine Selbstinszenierung weit mehr als der meiste Müll, der sonst so im öffentlichen Geschehen herum krebst. Er scheint wiedermal den Puls der Zeit zu treffen - diesmal ohne es wirklich zu wollen. Der Satz "Wenn Schlingensief kollabiert, dann zeigt er gleichzeitig immer die Brüchigkeit des ganzen Systems: Kunst. Markt. Welt. Bühne." trifft für mich genau ins Schwarze...

lorelaiG
00
25.4.2009, 23:46

Ist das nur ein Satz, oder sind es vier (teils elliptische)? Oder ist es doch nur ein Satz plus ein paar gestammelte Schlagwörter, die im journalistischen Ohr anscheinend gut klingen, aber in Wirklichkeit nix bedeuten?

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