Sturschädel und Schweinebatterien

14. März 2003, 21:00
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Mitten in Amerika: Annie Proulx' heile Ökowelt

Nervende Hinterwäldler oder Bewahrer des Guten, Wahren und Schönen, bigotte Reaktionäre oder Dämme gegen urbane Verkommenheit und Profitgier - die Perspektiven, aus denen man Land und Landbewohner sehen kann sind je nach Standpunkt verschieden. Annie Proulx, die große Chronistin des ländlichen Amerika greift das uralte Thema einmal mehr auf, aber sie tut das diesmal weniger differenziert als in ihren vorangegangenen Werken.

Mitten in Amerika, das ist die Gegend des Panhandle, wo Denver liegt, und Texas und Oklahoma sich eine Landschaft teilen, die abwechselnd von Dürre, Überschwemmungen und Tornados heimgesucht wird. Das lässt den Einwohnern neben dem puren Überlebenskampf nicht viel Kapazitäten für geistige Evolution übrig. Es gibt die Guten und die Bösen, Differenzierungen überflüssig. Es gibt die Einheimischen und die unerwünschten, von vornherein verdächtigen Fremden, die man vom Sheriff piesacken lässt.

Es gibt nur christliche Radiosendungen, die des Anhörens wert sind, als Unterhaltung genügen Quilthandarbeitsstunden. Der Ku-Klux-Klan ist eine karitative Organisation und Woody Guthrie ein Kommunist. Man versteht allmählich, wie die idealtypische Struktur eines Texaners beschaffen ist und wundert sich nicht mehr über globale Auswirkungen eines Folklore-Manichäismus made in Texas.

In diese raue Gesellschaft abgewrackter Farmer, deren Vieh verdurstet, weil man jahrzehntelang hemmungslos Wasser aus dem Boden geholt hat - stellt Proulx ihren ahnungslosen 25-jährigen Helden Bob Dollar. Er soll für einen internationalen Schweinekonzern herausbekommen, welche der Farmer so bankrott sind, dass sie ihren Besitz verkaufen wollen. Auf dem Land sollen dann Schweinefabriken für fünfzigtausend Tiere errichtet werden.

In einer Gegend, wo Umweltauflagen so gut wie unbekannt und die Politiker Lobbyisten der Konzerne sind, rentiert sich das bald. Aber Bob, der undercover Erkundigungen einziehen soll, schafft es nicht, den alten Sturschädeln das Land abzuluchsen. Bis der unbedarfte Bob das Böse seines Tuns kapiert, vergeht viel Zeit. Außerdem braucht es dazu einen Deus ex Machina. Wenn nämlich bei der letzten Notbohrung nach gesunkenem Grundwasser statt Wasser Öl aus dem Loch kommt, ist das ja auch nicht schlecht und ändert einiges an den lokalen Machtverhältnissen.

Ökologie statt Schweinebatterien, sanfte Erschließung statt Agrarwüste, Bisons und Landhäuser statt Gülleteiche? Annie Proulx verfällt da auf eine etwas simple Lösung für ein Land, das nicht einmal das Kioto-Protokoll für wichtig hält. Proulx erzählt überaus anschaulich und ist vor allem in der Schilderung klimatologischer Ereignisse grandios. Als Bilanz eines Mentalitätszustandes wirkt Mitten in Amerika aber eher erschreckend. (Von Ingeborg Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 15.03.2003)

Annie Proulx, Mitten in Amerika. Aus dem Amerikanischen von Monika Walz. € 25,80/ 503 Seiten, Luchterhand 2003.
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