Nachlese 2009

Festivalstart: Niederösterreichisches Osterhasenmassaker

23. April 2009, 17:35
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    foto: donaufestival

    Christoph Grissemann und Alfred Schefberger (re.) in Fritz Ostermayers Born-To-Sit-Company in Krems.

Zum Start des Donaufestivals in Krems übten sich die New Yorker Noiserocker Sonic Youth in gepflegter Routine

Fritz Ostermayer schwindelte sich mit Torten durch das Tanztheater.

***

Krems - Pro Oktave stehen dem Musiker fünf Ganz- und zwei Halbtöne zur Verfügung. Diese lassen sich allerdings nicht endlos kombinieren. Nur ein geringer Teil dieser Verbindungen klingt schön, oder zumindest erträglich. Die Chance, auf abgelebte Melodien zu stoßen, ist also relativ hoch.

Sonic Youth, seit 30 Jahren die immergrünen Vertreter einer coolen, zynischen New Yorker Allerweltsavantgarde, wissen davon zwei Lieder zu singen. Das eine rumpelt mit einem auf schrottigen Gitarren gestimmten Halb- und Dreiviertelton neben der Spur mit forschem Schritt an der Schmerzgrenze dahin. Es gilt, altem US-Punk der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre die Ideen und Melodien nachzutragen. Eiliger und heiliger Lärm.

Das andere Lied, das Sonic Youth haben, eiert und mahlt, während es klanglich manchmal an gezupfte Handharfen erinnert, die man im Haushalt zum Schneiden hartgekochter Eier verwendet, Richtung balladeske Inbrunst. Es steht im Zeichen postdramatischer Desillusionierung, Dekonstruktion und anderer Postmodernitäten von Foucault, Deleuze und Lyotard.

Man hat diese schicken Worte einst während luzider Wachphasen auf der Universität aufgeschnappt. Früher, in den 1980er-Jahren, als Sonic Youth ihre Studien schon längst abgebrochen hatten, weil sie vom Volk der bis Mittag schlafenden Tunichtgute zu den Königen des Noiserock auf Lebenszeit gewählt wurden. "This is a song about making love - with Jesus Christ." Damals stand man noch mitten im Leben. Man konnte Obertöne tatsächlich noch so gut wie ein junger Hund hören, um vor Schmerz glückselig zu jaulen: "Schizophrenia, take me home!"

Heute weiß man aus Erfahrung, dass Satan nicht fiepst, sondern donnergurgelt. Man verlässt den in Krems in Aussicht gestellten ersten Höhepunkt des Festivals mild enttäuscht wegen einer zwar bemüht energetischen, aber eben auch längst zur Routine gefrorenen Darbietung einstiger Panzerbrecher wie Kool Thing, 100%, Cross The Breeze, Schizophrenia oder Expressway To Your Skull.

Jesus Christus, Sigmund Freud und französische Postmoderne setzte es zuvor schon im Rahmen von Fritz Ostermayers Tanz-, Sing- und Rührstück Das Tortenstück, oder: Klebstoff ist der Sprengstoff des kleinen Mannes. Der Radiomacher, überzeugte Generaldilettant und Musikant erweiterte darin sein Potenzial für groben Unfug aus ganzem Herzen um die Bereiche Tanztheater, Slapstick und Jean-François Lyotards Thesen zum Spiegelbild.

Ohne Anstand und Würde

Ach du meine Güte, Tanztheater! Eine für normale Menschen kaum nachvollziehbare Kunstform, bei der die Angst immer mitfährt, weil gleich Marcel Marceau im Mujahedin-Kostüm auf die Bühne trappeln könnte, um imaginäre Mauern am Gazastreifen abzutasten. Gemeinsam mit Freunden wie dem bildenden Künstler Hans Schabus, dem Kabarettisten Christoph Grissemann, Kindergartenfreund Alfred Schefberger, dem Musiker Oliver Welter von Naked Lunch sowie Soap & Skin brachte Ostermayer, getarnt als "Born-to-sit-Company" diese Angelegenheit ohne Anstand und Würde, dafür aber mit sehr viel Herzblut und Innigkeit hinter sich.

Während neueste Erkenntnisse der Zwillingsforschung multimedial auch anhand des Schicksals von Kroatien und Serbien verhandelt wurden, flogen Torten, krachten Böller und erschossen Grissemann und Schefberger als im Rollstuhl sitzende Bürgermiliz widerlich kuschelige Osterhasen. Welter und Soap & Skin gaben Andy Warhol als Velvet-Underground-Bananen essende siamesische Zwillinge. Bevor alle erledigt waren, erklangen traurige Lieder wie Pale Blue Eyes oder The Carnival Is Over.

Kurz, wir haben uns prächtig unterhalten und nehmen nach Hause diesen schönen und wahren Satz mit: "Besser trunksüchtig als tanzwütig." (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 24.04.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 34
1 2
JazzPianist
00
Aber,aber, Freunde !

Den Schachinger liest man doch nicht wegen der Musik,oder ?

Jackie Wara
 
12
26.4.2009, 11:10
sonic youth zu kritisieren halte ich für eine absolute frechheit!

Edwyn7
 
01
30.4.2009, 18:18
..war nicht in krems...

...und kann daher nicht wirklich urteilen, kann aber nur sagen, daß ich vom letzten arena-gig auch enttäuscht war. bin mit ihnen aufgewachsen, hab sie geliebt und verteidigt (...des is doch ka musik...), cool sind sie immer noch, aber irgendwie hat´s mich nicht umgehauen...

zweckpessimistin
31
26.4.2009, 18:15
und vorletztes mal in der arena waren sie auch schon abgeschmackt und fad

heiligenverehren kannst in rom

Verein zur Förderung der New Freunderlwirtschaft
 
00
26.4.2009, 18:36
naja, das arena konzert ist eine andere sache. aber das hängt wahrscheinlich mit der größe der open air arena zusammen. trotzdem ist kim gordon noch immer 1 million mal cooler als sie!

Cle Mens
00
26.4.2009, 14:30
Kritik kann aber positiv, negativ oder gemischt sein.

Worin besteht die "Frechheit"?

Verein zur Förderung der New Freunderlwirtschaft
 
11
26.4.2009, 18:14
Wenn Sie das großartige Sonic Youth Konzert in Krems gesehen hätten, dann wüssten Sie wie´s gemeint ist.

Cle Mens
00
26.4.2009, 20:01
Sie irren, ich habe es gesehen. Ihr Posting beinhaltet keine Antwort auf meinen Einwand.

Wie ist es also gemeint?

Verein zur Förderung der New Freunderlwirtschaft
 
00
26.4.2009, 20:29
Wie meinen Sie das?

Cle Mens
00
27.4.2009, 10:48

Ich meine, dass es bezüglich der allgemeinen Einschätzung/Definition von Kritik (s.o.) egal ist, ob ich das Konzert gesehen habe. Abgesehen davon war es sehr gut.

Sheldon Cooper
01
24.4.2009, 15:50

Schachinger bestätigt wieder mal, dass über Musik zu schreiben wie zu Architektur tanzen ist.

hungrybear
11
24.4.2009, 13:58
lieber schachinger ...

wer ohren hat der höre ... und schreibe nicht darüber ;-)

dB
01
24.4.2009, 12:46
5 Ganztöne und 2 Halbtöne ;-)

Schachinger, die Oktave besteht schon seit ein paar Jahrhunderten aus 12 Tönen.
Und wer am Klavier nur die weissen Tasten bedient wird eben über "Alle meine Entlein" nie hinauskommen.
Aber das entspricht dann wenigstens Deinem musikalischen Niveau...

hellfast
00
24.4.2009, 15:37

diatonik, chromatik... (hier eigentlich heptatonik).

ChesneyB
00
24.4.2009, 16:22

Ja, trotzdem: wenn man sich immer nur aus den Tönen einer einzigen diatonischen Leiter bedient, klingt's einfach fad.

Der Unbekannte
11
24.4.2009, 12:29
Hey

Schachinger. Kann es sein, daß sie nicht musikalisch sind ?Oder warum verstehen sie die musikalische Message von Sonic Youth nicht ? Hörens amal genau hin, fall das jemals schon der Fall war. Könnt halt sein sie verstehen Musik grunsätzlich nicht. Das Leiden in der art wie man was spielt und das Herzblut, daß in jedem gepielten Ton in Strömen fließt. Naja, vielleicht kaufen a Gitar'. Lernen dann noch 20 Johr, vielleicht checken's sas daun !?

nurse with wound
02
24.4.2009, 09:48
schwach..

Herr Schachinger. Beim letzten SY-Gig wurde Kim Gordon von ihnen noch als "gealterte Tanzmaus" tituliert... Dagegen ist obige Prosa ja regelrecht wohlwollend ausgefallen.
Trotzdem amüsant, wie sie ihre persönlichen Probleme mit dem "nicht-mehr-so-ganz-jugendlich-sein-wie-jene-die-im-publikum-rund-um-mich-stehen" auf Bands ihrer Generation projizieren und uns zwischen den stets mit bedeutenden Metaphern zugeklotzten und doch nur nach Anerkennung schreiendenZeilen ihre Panik vor dem nächsten fiesen Krähenfuß im Schachinger-G'sicht mitzuteilen versuchen.

Weiter so !

kid B
11
24.4.2009, 08:29
der 1. satz

ist doch kompletter blödsinn, sorry.
klar hat man 7 töne in der tonleiter, aber die andren machens doch erst interessant...

ChesneyB
11
24.4.2009, 09:19

Nicht in jeder Leiter. Im Prinzip können Sie mit den 12 vorhandenen Tönen sogar beliebige Leitern zusammenstellen, wobei aber nicht alle gut klingen. Gebräuchlich sind (neben der chromatischen, 12-tönigen) vor allem 5 (Pentatonik), 6 (z.B. Ganztonleiter), 7 (z.B. Dur- und Molltonleitern) und 8 (Halbtonganzton- und Ganztonhalbtonleiter) Töne.
Schlagen Sie das Thema mal in der Wiki nach - Sie werden sich wundern!

ChesneyB
00
24.4.2009, 16:23

Gibt's auch einen Grund für das rote Stricherl, oder war das etwa der Herr Schachinger persönlich?

Markus Koavo
00
24.4.2009, 08:10
oh

...bin ich neugierig wie die Darbietung des BJs Schachinger im Literaturhaus ankommen wird. (http://www.literaturhaus.at/veranstal... 30_1.html)

aktiver leser
01
24.4.2009, 03:53
was??

...Pro Oktave stehen dem Musiker fünf Ganz- und zwei Halbtöne zur Verfügung...

ohje ohje, da hat es was herr schachinger

Samix
02
23.4.2009, 23:56
kool

ja, sie waren wirklich super, war mehr als routine, toller lärm, zwei zugaben, genial

Mawol
04
23.4.2009, 21:48
Sonic Youth haben gestern sowas von gerockt!

Aber klar, dess das die Experten in der letzten Reihe natürlich anders sehen. Mir is' wurscht, geiler Abend gestern. Und ja, ich hab sie auch "früher" schon gesehen.
Ein ehrlicher und etwas undistanzierterer Bericht incl. kompletter Setlist übrigens bei:
http://fm4.orf.at/stories/1602615/

Misogynius
25
23.4.2009, 20:03

Nach dem dritten Absatz war schon klar: einen derartigen Müll kann nur ein Schachinger absondern

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