Technische Fehler sind politisch gewollt

30. Jänner 2004, 13:42
2 Postings

Über den Irak und die Irakkrise zu berichten ist eine schwierige Aufgabe: Wer will schon in den Verdacht geraten, zumindest indirekt einen bösen Diktator ...

... in Schutz zu nehmen, wenn man Manipulationen der Gegenseite zurückweist?

***

Kurz zusammengefasst und mit etwas Zynismus könnte man sagen: Bei Berichterstattung und Kommentierung des Irak sind die Regeln des guten Journalismus teilweise außer Kraft gesetzt.

Daran sind aber nicht nur die Propagandisten der anderen Seite schuld, denen die Journalisten auch in Fragen, wo es nicht sein müsste, auf den Leim gehen, sondern selbstverständlich auch die Natur des irakischen Regimes: Man kann ihm ja tatsächlich nicht glauben - man denke nur an die jahrelangen Lügen über die Waffenprogramme -, einen entsprechend niedrigen Stellenwert haben die offiziellen Statements.

Zweitens, und das ist das Grundproblem, ändern falsche Details nichts an der Einschätzung des Ganzen, etwa so: Ob nun der Irak sechs Monate oder sechs Jahre lang von der Atombombe entfernt war, ob Tausende Liter Anthrax oder nur Tausende Liter Nährlösung verschwunden sind, übrig bleibt Saddam Husseins Bemühen um Massenvernichtungswaffen. Und aus der Vergangenheit - nicht nur in Kommentaren, wo es ja zulässig ist, sondern auch in Berichten - wird die Gegenwart, aus Annahmen werden Gewissheiten, aus "könnte haben" wird "hat", auch ohne Beweise. Und das ist politisch natürlich durchaus gewollt.

Nur so ist erklärlich, dass etwa die Affäre um die gefälschten Dokumente - mit falschem Briefkopf und der Unterschrift eines nicht mehr amtierenden Ministers -, mit denen US-Außenminister Colin Powell "bewies", dass der Irak versucht hatte, sich in Niger waffenfähiges Uran zu beschaffen, keinen größeren Skandal verursacht hat. Einen Bösen kann man nicht verleumden.

Aber es muss nicht immer so plump sein: Bei einem Seminar an der Wiener Atomenergiebehörde führte kürzlich der Herausgeber des angesehenen Bulletin of the Atomic Scientists, Stephen Schwartz, anhand von mehreren Beispielen vor, wie technisch völlig inkohärent - um nicht zu sagen blödsinnig - manche Wortmeldungen von US-Politikern zu irakischen Atomprogrammen sind. Der durchschnittliche Journalist hört die Politiker reden und ist beeindruckt: Er durchschaut die Manipulation ja meist mangels Fachwissen nicht - macht aber im Allgemeinen auch keine besonderen Anstrengungen, solche Äußerungen auf ihre technische Sinnhaftigkeit zu prüfen. Damit rechnen diejenigen, die die Horrormeldungen verbreiten.

Im Fall des Irak kann der Journalist aber ungewollt und unwissentlich auch zum Komplizen des irakischen Regimes werden - aktuell spielt das keine Rolle, es sei aber seiner besonderen Perfidie wegen erwähnt: Gegen Funktionäre des Regimes im Ausland (z.B. Diplomaten), die der Illoyalität verdächtigt werden, werden vom Regime Rufmordkampagnen gestartet - zum Beispiel "X.Y. ist Geheimdienstler, Mörder und Folterer". Die irakische Opposition greift das auf, bringt es zu den Medien - und der unsichere Kantonist wird dadurch schnell wieder auf Linie gebracht, weil sich seine nicht dem Regime verbundenen irakischen und nicht irakischen Freunde mit Grauen von ihm abwenden. (DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.3.2002)

Von Gudrun Harrer
  • Achter und letzter Teil der Serie
    foto: der standard

    Achter und letzter Teil der Serie

Share if you care.