Canossagänge

15. August 2003, 21:13
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An meiner ersten Dienststätte, dem Grazer Opernhaus, herrschte Anfang der 60er-Jahre im Frühsommer stets dicke Luft.

Der Intendant und der Verwaltungsdirektor statteten einander in dichter Folge Besuche ab. Das war während des übrigen Jahres ganz und gar unüblich. Sie waren nämlich sehr unterschiedliche Typen: Der Intendant, André Diehl mit Namen, Aristokrat, Theresianum-Absolvent, Grandseigneur vom Scheitel bis zur Sohle, äußerlich ein Double des großen Johann Wolfgang von Goethe; als optisches Kontrastprogramm der Herr über die Finanzen: Norbert Stöckl, Regierungsrat, behäbig, seine direkten Feststellungen, die sich meist auf "Jooo" und "Naaa" beschränkten, im Dialekt und nicht ohne Verzicht auf deftige Kraftausdrücke formulierend.

Die beiden passten zusammen wie Feuer und Wasser. In den heißen Tagen vor dem Saisonschluss gingen sie jedoch eine wundersame mentale Verbindung ein. Und zwar immer aus dem gleichen Grund: Sie mussten vor den Theaterausschuss. So bezeichnet man jenes nicht ausschließlich mit Illuminaten besetzte Politikergremium, das auch heute noch für die finanziellen Belange der Bühnen zuständig ist.

Und diesem mussten die beiden klar machen, dass sie das Subventionsgeld schon fast oder ganz verbraucht hatten und der Spielbetrieb im Herbst daher nicht mehr bedeckt sei.

Dieses alljährliche Geständnis machte den Herren Politikern natürlich keine Freude. Ein Regen von Rügen und Vorwürfen ergoss sich über die beiden. Doch am Schluss gewährte man ihnen - nach der mit erhobenen Zeigefingern begleiteten Ermahnung, dass dies nun wohl das aller letzte Mal sei - die erforderliche Nachbedeckung, manchmal in Millionenhöhe.

Die beiden Herren lohnten es den Politikern mit Spielplänen, in denen man in der Kulturhauptstadt heute nur träumen kann: In neun bestens besuchten Vorstellungen pro Woche (Samstag und Sonntag auch am Nachmittag) wurde ein Repertoire präsentiert, in dem sechs verschiedene Opern keine Seltenheit waren und das auch von auswärtigen Beobachtern als vorbildlich gerühmt wurde.

Kürzlich waren die Kulturhauptstadtmacher bei der Frau Landeshauptmann und hatten Ähnliches zu melden wie die beiden oben erwähnten Herren: Das Geld wird knapp (nicht durch eigenes Verschulden, sondern weil Bund und EU ihre Zusagen nicht einhalten), manche Projekte sind nicht mehr voll gesichert. Sie zogen mit leeren Händen ab.

Auch wenn steirische Autoren gegenwärtig in der Kulturhauptstadt den Mund halten müssen, wird den landesstiefmütterlich Ungetrösteten zumindest einer von ihnen, der junge Martin G. Wanko, sicher aus dem Herzen sprechen, wenn er sagt: "Am Höhepunkt ist man fertig."

Graz auch?
(Der Standard, Printausgabe, 15.03.2003)

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