"Pinocchio": Irrfahrten eines ewigen Prügelknaben

23. Juli 2004, 13:12
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Roberto Benigni stellt mit "Pinocchio" einmal mehr die Frage, was das heißen mag: Das Leben ist schön

Umstritten war schon in Italien Roberto Benignis monumentaler Versuch, "Pinocchio" für die große Leinwand zu adaptieren. Indem er die tristen Momente in Carlo Collodis Kinderbuch nicht unter den Tisch kehrt, fragt er einmal mehr, was das heißen mag: Das Leben ist schön.


Wien - Ein alter Marktplatz; der schattenhafte Umriss einer Holzpuppe an einer Ziegelwand; eine Kutsche, gezogen von einem Heer weißer Ratten; darin: die blaue Fee (Nicoletta Braschi) - versonnen blickt sie auf einen Schmetterling, der seinerseits wenige Augenblicke später ein Holzstück ins Rollen bringen und damit erste Turbulenzen in der morgendlich erwachenden Stadt auslösen wird.

Von Beginn an ist Roberto Benignis Pinocchio in einem ziemlich heillosen Konflikt zwischen einer angestrebten Schlichtheit, in der so manche Szene zum possenhaften Straßentheater gerät, und einem für europäische Verhältnisse gigantischen Aufwand, dessen Spezialeffekte aus der Computerkiste nicht selten zu Verfremdungseffekten werden: Momenten, in denen der Film einen Manierismus und eine Gekünsteltheit förmlich ausstellt und aufs Auge des Betrachters drückt, vor der die Selbstverständlichkeit, die Liebe und der Respekt, mit denen sich Benigni Carlo Collodis Kinderbuchklassiker aneignet, plötzlich merkwürdig unbeholfen anmuten.

Pinocchio, die erste neue Arbeit des Komikers und Filmemachers seit La vita è bella (Das Leben ist schön), produziert so auf durchaus einprägsame Weise in einem fort Missverständnisse. Eine burleske Komödie mag man von Benigni erwartet haben, der hier denn auch gegen jede Vernunft und sein Alter leugnend, selbst den ewig unvernünftigen und immer brachialer bestraften Holzclown gibt. Aber nein, wirklich lustig wird es mit diesem Pinocchio, der trotz aller Fältchen in seinem Gesicht permanent herumjammert wie ein unterforderter Fünfjähriger, nicht.

Kritische Pädagogen

Und wenn fortschrittliche Pädagogen Collodis Buch heute ankreiden, dass es zu sehr der autoritären Zucht und Ordnung huldige, dann läuft Benigni, der seine Vorlage ernster nimmt als alle Adaptionen zuvor, auch diesen Kritikern geradewegs ins Visier.

Dabei hat er mit seiner Werktreue, die mit der Putzigkeit von Disneys Pinocchio rein gar nichts verbindet, vollkommen Recht. In Wahrheit ist Collodis Text ja eher in der Tradition von Grimmelshausens Simplicissimus und Voltaires Candide zu lesen: Als Irrfahrt eines reinen Toren und in all seinen Illusionen maßlos menschlichen Charakters, der permanent in neue Desaster verwickelt, härteren Anpassungsmethoden unterworfen wird. So lange, bis die beste aller Welten sich kaum noch von der Welt, wie sie ist, unterscheidet.

Kurz: Mit diesem Pinocchio, der angezündet, beinahe gefressen, gehenkt, gefesselt, verbannt, bestohlen und schließlich gar zu einer Art Zwangsarbeit verpflichtet wird, geht Benigni konsequent jenen Weg weiter, den er schon mit Das Leben ist schön einschlug. Damals verwandelte er in den Baracken eines KZ die von ihm so souverän beherrschten Slapstickeinlagen in Überlebensfinten. Hier, ganz im Sinne Collodis, zeigt er, wie verwundbar und gleichzeitig monströs die von vielen Idealisten beschworene "Unschuld" sein kann.

Gnadenlos schlägt Pinocchio mit dem Holzhammer auf die mahnende Grille ein. Wenig später wird er sie wieder um Rat anflehen. Konsequent verliert er über den Lockungen des Augenblicks die ihm verordneten Besserungsprogramme aus den Augen und macht sich wortwörtlich zum Esel: Ein tragikomischer Nachfahre des Odysseus ist er so in vieler Hinsicht, indem er von Heimkehr träumt und doch immer wieder Vorwände für Ausbrüche (er)findet.

Wenn Benignis Inszenierung dann in mehrfacher Hinsicht an Federico Fellini erinnert, so ist dies keine billige Hommage, sondern in jeder Hinsicht Teil der Genese des Projekts. Eigentlich hätte der 1993 verstorbene Großmeister, der mit Benigni 1989 La voce della luna verfilmte, Pinocchio realisieren sollen. Irgendwann gab er den Plan aber auf und soll zu Benigni gesagt haben: "Mach du das. Das ist deine Geschichte."

Begeisterte Kinder

Gut möglich, dass der Schauspieler, Regisseur und Autor diese seine Geschichte mit einem Budget von rund 50 Millionen Euro mitunter aus den Augen verloren hat. Es ist aber schon erstaunlich, wie sehr Pinocchio vor allem Kinder begeistert - während er doch von vielen Kritikern als seelenlos beschrieben wurde und tatsächlich immer wieder abstrakte Tableaus aneinander reiht, als wäre man in einer Ausstellung.

Neben mitunter unvergesslichen Bildern (Kamera: Dante Spinotti) und der wie immer großartigen Musik von Nicola Piovani überzeugt nämlich vor allem eins: der Sprachartist Roberto Benigni, der Überschwang und Verzweiflung gleichermaßen allein schon mit seiner Stimme Gestalt verleihen kann. Seine Leistung abzuschätzen ist wohl nur angesichts der italienischen Originalfassung möglich. Sie wird leider, inklusive deutscher Untertitel, nur im Wiener Gartenbau gezeigt: Kino für die ganze Familie. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.3.2003)

  • Nicoletta Braschi als blaue Fee. Roberto Benigni als Pinocchio
    foto: einhorn

    Nicoletta Braschi als blaue Fee. Roberto Benigni als Pinocchio

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