"Terra incognita"

18. März 2003, 11:02
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Das "Matriarchat" ist ein Mythos, beschwören die GegnerInnen - Wissenschaftliche Beweise belegen das Gegenteil

Das Thema "Matriarchat" berührt das größte Tabu der "zivilisierten" Gesellschaft und die mannigfaltigen Beweise seiner Existenz werden auf das Heftigste und mit ans Absurde grenzender enormer irrationaler Emotionalität bekämpft. Nicht nur auf androzentrisch wissenschaftlicher Ebene, ebenso bei alltäglichen Disputen, finden sich ForscherInnen dieser Gesellschaftsform nahezu inquisitorischen Anfeindungen ausgesetzt. Das "Matriarchat" sei ein Mythos, das Fantasiegebilde verblendeter Feministinnen und ein mit Biologismen angereicherter romantizistischer Irrtum weniger männlicher Forscher.

Angesichts der extremen Abwehrhaltung sich als besonders rational ausgebender ZeitgenossInnen stellt sich die Frage nach der Ursache der Bedrohung. Was ist das, was verleugnet wird, was so angestrengt im Verborgenen gehalten werden soll? Was soll vergessen und nicht gewusst werden?

Mythologisierung durch Geschichtsschreibung

Der Vorwurf des "Matriarchatsmythos" liegt im Selbstverständnis von Geschichtswissenschaft selbst begründet, indem die Definitionen von "historischer Zeit", "Zivilisation" und "Kultur" sowie Patriarchat in sich schlüssig sind und Abweichungen nicht berücksichtigt werden; so wie das Manko der "vorhistorischen Zeit".

Die offizielle Geschichte - historische Zeit als Abgrenzung zur prähistorischen Zeit - beginnt mit dem Patriarchat, also etwa 3.000 Jahre vor unserer Zeit. Das bedeutet, dass lediglich 5.000 Jahre der gesamten Menschheitsgeschichte als "historisch" anerkannt werden. Bedenken wir, dass der Homo Sapiens in seiner heutigen körperlichen und hirnanatomischen Ausstattung zwischen 35.000 und 70.000 Jahre alt ist - der Homo Habilis wird sogar auf zwei Millionen Jahre datiert, der Homo Erectus auf eine Million Jahre - , so werden Tausende Millionen von Jahre ignoriert. Das Matriarchat soll deshalb ein Mythos sein, weil nur das geschriebene Wort gilt. D.h. Geschichte = Schrift = Kultur = Patriarchat = Wahrheit = Vernunft.

Mythos und Logos

Alles andere fällt in den Bereich der Mythologie. Mythologie war ursprünglich ein Ganzes, bis es in Mythos und Logos auseinander dividiert wurde: Das "Weibliche" wurde ins Reich des Mythos, der Märchen, der Lüge verwiesen, damit das Männliche als das Logische, die Logik, Geschichte und Kultur auftreten konnte. Die Schlussfolgerung lautet: Die Ausradierung möglicher Existenzhinweise auf eine andere "überherrschte" Gesellschaftsform war quasi notwendig, damit diese Überherrschung unsichtbar bleibt. So betritt das Patriarchat mit strahlendem Entrée die Geschichte und suggeriert seine Naturwüchsigkeit. Dass es so strahlend nicht ist, sondern fatal für Frauen, weiß niemand so gut wie die Frauen selbst.

Matriarchatsforschung

"Würde es nur um einen Mythos gehen, dann hätte ich nur ein Jahr geforscht", sagt die Matriarchatsforscherin schlechthin, Heide Göttner-Abendroth. In der Tat bestehen millionenfache Beweise sowohl für vergangene (ausgelöschte) matriarchale Gesellschaften als auch noch existente in Ostasien, Indien, Nord- und Südamerika. Die Matriarchatsforscherin Göttner-Abendroth betont: In Europa gibt es seit der Inquisiton keine mehr!

Die Entdeckung von mütterlich organisierten Gesellschaften geht zurück auf Johann Jakob Bachofen, der in seinem Werk "Das Mutterrecht" 1861 als erster nichtpatriarchale Familien- und Kulturformen systematisch untersucht hat. Dabei stützte er sich auf antike Quellen von Herodot, Strabon, Diodor etc. Im 19. Jahrhundert war der Evolutionismus en vogue. Die Fragen richteten sich nach dem Ursprung von Ehe, Familie, Staat, Privateigentum und damit nach Geschlechtsbeziehungen. Die bekanntesten Evolutionisten, die eher der linken Richtung zuzurechnen sind, vertraten die Auffassung, dass in der Urgesellschaft die Frau eine herrschende Rolle gespielt hätte, z.B. August Bebel in seinem Werk "Die Frau und der Sozialismus" und Friedrich Engels in "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats".

Lange Forschungsgeschichte

Eine 150-jährige neuzeitliche Forschung, die massenhaftes und wertvollstes Beweismaterial liefert, kann nicht ohne weiteres ignoriert werden. Dabei ist jedoch die wissenschaftliche Interdisziplinarität von Archäologie, vergleichender Ethnologie, Anthropologie, Religionswissenschaft, psychoanalytische Theorie, Sprachforschung, Etymologie, Mythologie etc. zu beachten, deren Ergebnisse die These von der bedeutenden Stellung der Frau in der Vorzeit - und anhand nur mehr weniger Gesellschaften in der Gegenwart - untermauern.

Göttner-Abendroth u.a. sind überzeugt, dass Matriarchate weltweit vor dem Patriarchat bestanden haben. Die längste Menschheitszeit war matrizentrisch. D.h. es handelt sich um eine Zeitspanne zwischen 100.000 v.u.Z. und dem 4. Jahrhundert, wobei die hochentwickelte Phase zwischen 10.000 und 2.000 v.u.Z.(Neolithikum) gerechnet wird. Und es war entgegen dem patriarchalen Geschichtsbild von der Steinzeit eine hochentwickelte Kulturphase. (dabu)

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    Venus von Willendorf: 24.000 - 22.000 v.u.Z., 11 cm groß (Naturhistorisches Museum Wien).
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