Wenn das Körperbild dem Idealgewicht im Wege steht

17. März 2003, 14:04
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Magersüchtige nehmen sich selbst falsch wahr - der eigene Körper wird als "überdimensional" empfunden

Köln - Patientinnen mit Ess-Störungen empfinden ihren eigenen Körper als überdimensional, egal wie wenig sie wiegen. Bis es zur Magersucht oder Ess-Brechsucht kommt, haben sie nach einer Studie des Kölner Wissenschafters Heiko Dietrich einen langen Prozess durchgemacht, in dem das eigene Körperbild völlig verfälscht wird.

Die "Angst vor dem Dicksein" sei der steuernde Faktor, der junge, meist weibliche, Essgestörte in die Sucht treibe, heißt es in der an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Köln erstellten Studie. Von den Patientinnen werde die totale Kontrolle über das Äußere, das Gewicht und damit auch den ganzen Körper angestrebt. Sie begännen zu hungern und sich exzessiv körperlich zu betätigen, zu erbrechen und Abführmittel einzunehmen.

Körperbild dem Idealgewicht im Wege

Das angestrebte Idealgewicht sei aber ein Ziel, das sie nie erreichen könnten, da das eigene Körperbild im Wege stehe, erläutert Dietrich. Selbst bei einem Gewicht, das weit unter dem normalen liege, empfänden sich die Magersüchtigen selbst noch als zu dick. Die eigenen Proportionen würden als völlig überdimensioniert wahrgenommen.

Neben dieser eher visuellen Wahrnehmungsstörung des eigenen Körpers reagieren die Patientinnen der Studie zufolge auch nicht auf andere Signale des Körpers wie Hunger, Schwäche oder Müdigkeit. Gründe für dieses komplette Abschalten der eigenen Wahrnehmung beziehungsweise ihre Verfälschung liegen unter Umständen auch in der Vergangenheit.

Ursachen: Hänseleien und missglückte Diäten

Sozialer und kultureller Druck, der das Ideal des "schönen, schlanken Menschen" vermittelt, sei meist ein entscheidender Faktor, erklärt der Wissenschafter. Hänseleien und missglückte Diäten würden von den jungen Frauen als Zeichen von Schwäche angesehen und weckten den Wunsch nach der totalen Körperkontrolle. Sie würden ihre eigenen Bedürfnisse ignorieren und gäben den Anforderungen von außen oberste Priorität.

Die Unzufriedenheit mit sich selbst sei jedoch nicht alleine Ausschlag gebend, befindet Dietrich. Oft empfänden sie auch ihre Lebensqualität als nicht zufrieden stellend. Dazu gehörten die Gesundheit, die Beziehungen zu anderen Menschen, die psychische Verfassung und die eigene Funktions- und Leistungsfähigkeit.

Dietrich hält deshalb eine Therapie erst für erfolgreich, wenn das eigene Körperbild wieder "geradegerückt" ist und auch die Lebensqualität wieder als zufrieden stellend empfunden wird. (APA/AP)

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