Zögernde Zuneigung

8. August 2003, 21:41
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Von Großgmain in die USA führt die 63. Unglaubwürdige Reise

Die unglaubwürdigste Idee im heuer zu warmen Vorfrühling wäre es, auf Reisen zu verzichten. Warum Reisen? Vor Amerika, wohin alle strebten, fürchtete ich mich. Der Aufbruch zu einer Lesereise von Großgmain in die Vereinigten Staaten 1967 kam überstürzt und ohne viel Erwartungen. Warum Amerika? Andere Ziele wären verlockender gewesen: Yorkshire, York oder Cornwall. Dafür mit Schiff. Die stürmische irische See hätte schon genügt. "I am a good sailor", sagte eine britische Reisende. Aber mir drehten sich auf der schweren "Queen Elisabeth", die rasch zu stampfen begann, Planken und Regenwolken vor den Augen. Selbst der ersehnte Atlantik geriet in den Schrecken der Langeweile und half dem Ziel dieser Reise nicht.

Mit Joseph Conrad im Reisegepäck wäre es leicht möglich gewesen, auch den Indischen Ozean zu überqueren, aber der mitgenommene Reiseführer durch Neu-Mexiko oder Alabama, die exakte Beschreibung von Detroit City und Denver machten das Ziel dieser Reise immer unbegreiflicher. Nicht gleich wieder nach Großgmain zurück, aber doch viel lieber zu Alice hinter den Spiegeln in Christchurch, lieber eine Auseinandersetzung mit der Geometrie als mit der Neuen Welt. Lieber eine Schachpartie mit einer der fünf Tanten von Lewis Carroll als die Skyline New Yorks, von der alle sprachen. Als sie auftauchte, fragte die Reisende neben mir den Stewart, was anschließend zu tun sei und wo man sich hinbegeben sollte. "Where you want", sagte er.

In diesem Satz lag das Positive des ganzen Landes: Hingehn, wo immer man will. Also auch wieder fort. Aber wie sicher war sich jeder Einzelne über seine augenblicklichen oder ferneren Ziele? Flaubert zitiert die Phrase, dass alle Enten aus Rouen kommen. Aber Rouen war jetzt viel zu weit, der Umweg dorthin zu groß.

"Zu einer solchen Stadt gehört das richtige Getränk", bemerkte der Veranstalter der Reise bei einem leichten Whisky in San Francisco. Aber welches Getränk gehörte dann zu Detroit City? "Schlitz, das Bier, das Norwalk bevorzugt"? Nichts fiel mehr auf als die Höflichkeit, die immer wiederkehrende Frage: "Do you like America?" Bei so viel Unsicherheit konnte man sich zuletzt doch wieder, zögernd, sicher fühlen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.3.2003)

Die nächste "unglaubwürdige Reise" wird kommenden Freitag angetreten.
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