Wenn die Unterwäsche zum Verräter wird

14. März 2003, 09:42
37 Postings

Benetton wird Chips in seine Kleidung integrieren – Österreichischer Hersteller schwärmt – US-Datenschützer rebellieren

Die italienische Modefirma Benetton will aus Kosteneinsparungsgründen Chips in seine Kleidung einbauen lassen. Diese werden bei Philips in Österreich erzeugt, was den Hersteller natürlich freut – doch nun melden sich amerikanische Datenschützer zu Wort, die der Idee rein gar nichts abgewinnen können.

Weltweit größtes Warenerfassungssystem

Im Rahmen des weltweit größten und umfassendsten Warenerfassungssystems in der Modeindustrie auf Basis von Hochfrequenz-Identifikations-Technologie (Radio Frequency Identification - RFID) liefert Philips Semiconductors RFID-Chips an den italienischen Systemintegrator Lab ID, die dieser beim Modeerzeuger Benetton implementiert. Entwickelt wurden diese Chips im Kompetenzzentrum für chip-basierte Identifikationstechnologien im steirischen Gratkorn.

Mit WLAN-Netpads auslesen

Sämtliche unter der Benetton-Tochtermarke Sisley produzierten Kleidungsstücke werden mit intelligenten Etiketten auf Basis der von Philips Semiconductors im steirischen Gratkorn entwickelten I.CODE-Technologie ausgestattet. Diese sogenannten "Smart Labels" sind Teil einer umfassenden Systemlösung des italienischen Systemintegrators LAB ID und werden von Benetton eingesetzt, um Bekleidungsprodukte während des gesamten Beschaffungsprozesses im Unternehmen vollautomatisch zu erfassen und zu identifizieren. Als Teil dieser Lösung werden alle Transportkartons von United Colours of Benetton ebenfalls mit Smart Labels versehen. Diese können mittels I.CODE-kompatiblen Lesegeräten und Wireless LAN-Netpads, entwickelt und gefertigt von LAB ID and Psion Teklogix, ausgelesen werden, so der Hersteller in einer Aussendung.

Punktgenaue Erfassung

In den Sisley-Geschäften kommt RFID-Technologie im Rahmen von intelligenten Regalsystemen - sogenannten "Smart Shelves" - und in den Umkleidekabinen zum Einsatz. Dadurch kann jederzeit automatisch überprüft werden, wo sich einzelne Kleidungsstücke innerhalb des Geschäfts befinden. Das System wird darüber hinaus für die automatische Erfassung von Umsätzen und Umtauschware eingesetzt. Die Informationen werden an das Bestellsystem des Unternehmens rückgemeldet, um zu gewährleisten, dass die Wiederbestückung des Lagers so effizient wie möglich abgewickelt wird.

Wir wissen, was du letzten Sommer getragen hast

Durch die Implementierung der Chips ist es, laut besorgten US-Datenschützern, auch für Private und andere Unternehmen möglich mit einem entsprechenden Lesegerät herauszufinden, welche Kleidungsstücke sich im Besitz einer Person befinden. Sollten noch weitere Anbieter diesem Beispiel folgen, dann wäre es möglich, dass man „im Vorbeigehen“ herausfinden kann welche Gegenstände sich in einer Wohnung befinden, wann Produkte wo gekauft wurden und ähnliches.

"Minority Report"

In einem Artikel des US-Magazines Wired wird Richard Smith, seines Zeichens Internet privacy and security Consutant zitiert, der meint, dass diese Vorgehensweise ihn an den Tom Cruise-Film "Minority Report" erinnern würde. In diesem Film betritt Cruise ein Geschäft und wird – nach einem Iris-Scan – von einer maßgeschneiderten Werbeeinblendung begrüßt. Dies wäre, dank der eingebauten Chips, in Zukunft auch ohne Iris-Scan möglich, so Smith.

Immer mehr Unternehmen setzen Chips ein

Auch andere Unternehmen vertrauen mittlerweile auf derartige RFID-Chips, so etwa Prada, Procter & Gamble, Wal-Mart und das britische Unternehmen Tesco. Die Einsatzgebiete der Chips reichen dabei von der Warenerfassung über Antidiebstahl bis hin zur Fälschungssicherung. Die US-Datenschützer befürchten allerdings, dass der gläserne Kunde so bald Realität werden würde. Bei einem Einkauf in einem x-beliebigen Geschäft könnte ein Scanner die Kleidungsstücke und andere "gechipte" Gegenstände, die der Kunde bei sich trägt erfassen – eine Datenbank sammelt diese Daten und beim nächsten Einkauf können dann dem Kunden – mehr oder weniger – erwünschte Produkte angepriesen werden.

Die Vorteile und Lösungen

Allerdings könnten solche Chips auch Vorteile für den Konsumenten selbst bringen. Ware würde in einem Geschäft schneller und einfacher gefunden werden können. Auch bei der Auswahl zusammenpassender Kleidungsstücke könnten die Chips hilfreich sein – immerhin wäre die dann möglicherweise das Ende des schlechten Geschmacks. Die Datenschützer sind sich allerdings einig – ein eingesetzter Chip muss sich an Kassa selbsttätig aktivieren beziehungsweise vom Verkäufer vor dem Verlassen des Geschäft herausnehmen lassen, um so möglichem Missbrauch vorbeugen zu können.(grex)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.