Nach Rückschlägen mit Retroviren

13. März 2003, 13:50
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RNA-Viren werden in der Gentherapie in Betracht gezogen - Potential des FSME-Virus wird derzeit in Wien ausgelotet

Wien - Heiße Nachricht aus dem Bereich der Gentherapie: Weil schon mehrere Viren, die man als Mittel zum Einschleusen von Erbsubstanz in Zellen verwendet hat, erhebliche bis tödliche Zwischenfälle verursacht haben, suchen die Experten nach Alternativen. Dazu gehören auch die Experten am Institut für Virologie der Universität Wien. "Wir sind derzeit dabei, das Potenzial von Flavi-Viren - also so genannte RNA-Viren, zu denen auch 'unser' FSME-Virus gehört, für gentherapeutische Anwendungen experimentell auszuloten", erklärte Univ.-Prof. Dr. Christian Mandl.

Seit Jahrzehnten beschäftigen sich die Fachleute an dem Wiener Institut mit dem Verursacher der "Zeckenkrankheit". Der ehemalige Vorstand Univ.-Prof. Dr. Christian Kunz entwickelte den ersten Impfstoff gegen die FSME. 1995 gelang es dem Team um Kunz, Univ.-Prof. Dr. Franz X. Heinz und Univ.-Prof. Dr. Christian Mandl, gemeinsam mit Spezialisten der Harvard University (Boston/USA) die genaue Zusammensetzung und die räumliche Struktur der Hüllenproteine des FSME-Virus zu entschlüsseln. 1998 berichteten sie davon, dass man die Erbsubstanz der Krankheitserreger eventuell selbst als Impfung verwenden könnte.

Grundproblem

Doch die Entwicklung geht weiter. "Ich war vor kurzem bei einem Kongress der amerikanischen Gesellschaft für Mikrobiologie in Kanada. Und es wurde auch über Alternativen zu den bisher verwendeten Gen-Vektoren für die Gentherapie gesprochen. Wir versuchen, mit den RNA-Viren in dieses Gebiet einzusteigen", erzählte Mandl.

Das Grundproblem: Viren sind nach wie vor jenes "Mittel", mit dem die Forscher neue Gen-Informationen in Zellen bzw. Organismen einbringen wollen. Das ist für sie eine ganz natürliche Funktion. Der Wiener Wissenschafter: "Der Erfolg eines Virus beruht auf seiner Fähigkeit, genetische Information in geeignete Wirtszellen einzubringen und dort zu Proteinen umschreiben zu lassen. Diese Eigenschaft versucht man auszunützen, indem Viren gentechnisch so verändert werden, dass sie ein oder mehrere therapeutische Gene in die richtigen Zellen einschleusen."

Rückschlag

Dazu verwenden die Gentherapeuten bisher oft Retroviren. Mit gutem Grund: Retroviren bauen ihre Erbsubstanz stabil in die DNA der Zellen des Empfängers ein. Doch nachdem man durch eine solche Gentherapie bei elf Buben, die an einer kombinierten schweren Körperabwehr-Schwäche litten, vorübergehend Erfolg gehabt hatte, kam laut Mandl die kalte Dusche. Der Wiener Wissenschafter: "Zwei dieser Kinder entwickelten Leukämie." Irgendwie waren offenbar Blutkrebs-auslösende Gene aktiviert worden. Auch bei einem dritten behandelten Kind wurde entdeckt, dass die Retroviren-Erbsubstanz in einem Gen eingebaut worden war, das eine Rolle bei der Entstehung von Krebs spielen kann.

RNA-Viren in Betracht gezogen

Doch Retroviren sind als "Genfähren" wahrscheinlich nicht der Weisheit letzter Schluss. Univ.-Prof. Dr. Christian Mandl vom Institut für Virologie der Universität Wien: "In jüngster Zeit werden auch Viren mit RNA-Erbsubstanz für bestimmte Anwendungen in Betracht gezogen. Die meisten RNA-Viren wickeln im Gegensatz zu DNA- und Retroviren ihren gesamten Vermehrungszyklus außerhalb des Zellkerns ab. Ein Einbau (der mit ihnen eingeschleusten Erbsubstanz, Anm.) in das Wirtsgenom mit dem verbundenen Risiko für die Entstehung von Krebs ist bei diesen Viren daher nicht möglich."

Zu diesen RNA-Viren gehören auch die Erreger der FSME. Die Wiener Wissenschafter konnten jedenfalls bereits Reporter-Gene in die Erbsubstanz der Erreger einbringen. Mandl: "Zunächst versucht man dann, Zellen damit genetisch zu verändern." Zumeist handelt es sich dabei um Gene, welche die mit der Genfähre infizierten Zellen unter unter Licht fluoreszieren lassen. Damit kann das Prinzip getestet werden. Erst dann folgen Tierversuche bzw. Tests, bei denen man wirklich für eventuelle Therapien verwendete Erbgutbestandteile einschleust.

Strukturen rasch geklärt

Mandl: "Natürlich muss man dazu die Viren so verändern, dass sie nicht mehr krank machen können. Das ist aber relativ einfach." Bei den FSME-Viren konnten die Wiener Wissenschafter schon vor Jahren klären, welche Strukturen für die "Zeckenkrankheit" verantwortlich sind. Ein Problem: Mit diesen RNA-Viren lässt sich wahrscheinlich neue Erbsubstanz nur vorübergehend in Zellen etablieren. Der Wissenschafter: "Aber das ist ja auch nicht bei allen geplanten Anwendungen möglich. Wenn man beispielsweise im Rahmen einer Krebs-Gentherapie bösartige Zellen beseitigen will, ist ja nur eine vorübergehende Wirkung erforderlich."

Überhaupt glaubt Mandl, dass man in Zukunft einzelne Virus-Genfähren für jeweils die passenden Anwendungen schaffen wird: Will man beispielsweise Zellen der Atemwege mit "neuen" Genen versorgen, böte sich natürlich das Schnupfenvirus (Rhinoviren) an. Der Experte: "FSME-Viren infizieren hingegen Nervenzellen im Zentralnervensystem (Gehirn und Rückenmark, Anm.)." Sie könnten also eventuell gut geeignet für eine Gentherapie auf diesem Gebiet sein. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Retroviren könnten bald passé sein in der Gentherapie.

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