Grünes Sportugal

13. Mai 2005, 13:17
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Als sonnenreichste Region Europas ist die Algarve ein beliebtes Ferienziel. Robert Haidinger besuchte sie außerhalb der Badesaison und entdeckte inmitten der Touristenpfade Spuren einer bedächtig betriebenen Renaturierung

Schwein muss man haben. Oder besser noch: Schwein müsste man sein. Natürlich nicht immer, und schon gar nicht überall. Aber dort, wo die rosaroten Rüsseltiere des Senhor Manuel gerade genüsslich schmatzend Butterblumen rupfen, mit Kartoffelschalensalat und frischem Thymian untermischt, da macht das Schweinsein schon Sinn.

Wir befinden uns nur wenige Mietautominuten außerhalb von Lagos, an einem dramatischen Steilküsten-Flecken der Felsalgarve, und die Borstentiere auf der Wiese nebenan fühlen sich sauwohl. Doch wen wundert's? Allein der Ausblick vom Futtertrog könnte so manchen Pauschalbucher neidisch machen: Saftiges Grünzeug, temperamentvolles Meer, Schönwetterwolken geben die Rahmenbedingungen ab. Doch das Beste sind die dekonstruktivistisch hingezitterten Klippenensembles: Honiggelb, Orangenrot, zuckermelonenfarben - so stehen die Felsen des Landes direkt vor dem Schweinestalltürchen im Meer.

Am frühen Morgen, bevor die ersten Touristenbusse anrollen, haftet dem Ort etwas Märchenhaftes an: Am Ende einer die Steilküste hinabführenden Steintreppe frisst sich das salzige Wasser durch Portugals berühmtestes Klippen-Labyrinth, dessen Urgewalt wohl so manchen belesenen Besucher instinktiv ins Strandtäschchen blicken lässt in der Hoffnung, Schillers "Taucher" dieses Mal eingepackt zu haben. Unbeeindruckt davon gurgelt, sprudelt und brüllt ringsum das Meer, dessen elementares Toben noch nicht einmal die quengeligen Urlauberkinder des Klippennachbarn überplärren können.

Und wenn doch, so befriedet man diese einfach mit einer stilleren Geschichte und erzählt ihnen am besten das Mandelmärchen - jene Story vom maurischen Prinzen, der seiner nordländischen Geliebten an der Algarve jede Menge Schnee besorgte, weil sie ihn sich so sehr wünschte. Statt aber einfach jenes Zeug aufzutreiben, das in lokalen Jet-Set-Discos verhökert wird, tanzte der Maurenprinz mit echt romantischem Märchenstoff an und ließ tausende Mandelbäume pflanzen. Als diese weiß erblühten, hatte seine Prinzessin ihre Algarve im Schnee.

Wunder der Mandelblüte

Wie wahr das Märchen ist, versteht man am allerleichtesten als Off-Season-Gast. So gegen Ende Jänner, wenn die spärliche Regenzeit vorüber ist, geht hier das Wunder der Mandelblüte los, früher als an jedem anderen Platz Südeuropas. Aber die Algarve ist eben kein gewöhnlicher Platz. Mit 3400 Stunden Sonnenschein im Jahr ist sie Europas unangefochtener Sunshine State, und die jugendlichen Algarvios sonnen sich gerne bei dem Gedanken, die "Kalifornier Europas" zu sein.

Da ist wohl etwas Wahres dran, nicht nur der Surfbretter und gelobten Orangen wegen. Die angrenzenden Bergzüge bescheren dem schmalen südportugiesischen Landstreifen, der am Globus seine spitze Nase in den Atlantik steckt, ein einzigartiges Mikroklima: Sie riegeln ihn gegen Norden hin ab, halten im Winter die kalten Winde fern und bescheren der Algarve eine üppige Pflanzenwelt, in der sich sogar Mimosen wohl fühlen.

Purpurhuhn und Rohrweihe neben ...

Aber nicht nur diese. Das beweisen, ein paar Fingerbreiten weiter rechts auf der Touren-Karte, auch die Vilamoura Golfplätze, auf denen zwischen Birdies und Putten neuerdings auch Wildlife angesagt ist. Das vom Aussterben bedrohte Purpurhuhn (Porphyrio porphyrio) ist wieder da, vermeldet der professionell auf Umweltschutzpapier gedruckte Info-Folder.

Und auch die Rohrweihe (Circus aeruginosus), einst stolzes Wappentier der Vilamoura Marschen, ist dank geschütztem Golfplatzgrün zurückgekehrt, umkreist nun spähenden Auges die verdächtig blinkenden Fünfer-, Sechser-, Neunereisen. Das überraschende Comeback von selten gewordenen Vögeln und Kleingetier lässt die Golfplätze der Gegend tatsächlich ein wenig wie Wildparks wirken: Im Tümpel sehen Otter den Caddies zu, und nächtens tappen auch echte Füchse einmal in die Sandbunker.

Der planmäßig betriebene Ausbau von artgerechten Nischen im Herzstück einer extrem touristisch geprägten Kulturlandschaft schlägt dabei ein neues Kapitel in der mit Bausünden vorbelasteten Tourismusgeschichte der Region auf - nämlich jenes der bedächtig betriebenen Renaturierung eines vom Badeschlapfen stark getretenen Ferienziels, für dessen Kernzone sich längst schon der Name Sportugal einbürgert hatte, der vielen Golfplätze wegen, die sich zwischen Albufeira und Faro aneinander reihen.

... den bemerkenswerten Golfanlagen

Das Gros der gegenwärtig 22 Golfplätze der Algarve findet sich hier, sieben davon zählen gar zu den besten hundert Anlagen Europas. Allein sie machen die Algarve zu einem begehrten (Winter-) Reiseziel und dominieren an Orten wie Quinta do Lago längst die re-designte Landschaft, schieben sich wie grüne Land Art-Pölsterchen zwischen die roten Klippen.

Lediglich acht Prozent der parkähnlichen Fläche sind hier verbaut, doch der 1993 über die ganze Algarve verhängte Baustopp ließ auch andere Orte aufatmen. Allerorts sprießen Blumen, während reiche Briten den lokalen Immobilienhandel dominieren und Dörfer wie Vale do Lobo und Quinta do Lobo längst in exklusiv britische Villenorte verwandelt haben. Dass die Vorliebe der Insulaner zu House & Garden auch im Süden englische Stilblüten treiben lässt, das beweisen neben Vorhängen mit Blümchenmuster vor allem die Akkuratesse der auf penible 1/4 Inch Länge zurechtgestutzten Rasenflächen und die martialisch gegen Nachbars Rosengarten aufgepflanzten Hecken-Fronten. (Der Standard/rondo/07/03/2003)

  • Lagos, Strand - Algarve(Foto: ICEP/José Manuel)
    foto: icep/josé manuel

    Lagos, Strand - Algarve
    (Foto: ICEP/José Manuel)

  • Strand - Algarve(Foto: ICEP/João Paulo)
    strand - algarve

    Strand - Algarve(Foto: ICEP/João Paulo)

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