+++PRO&CONTRA--- HipHop-Haube

10. April 2003, 12:13
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Das heißt nicht Haube oder Mütze, sondern Head Gear. So fängt das schon überhaupt einmal an. Auch wenn dieser wollene Überzieher früher nur die Generation 70 plus wärmte, gehört er heute zum Bild eines anständigen "Mothafucka" mit Coolnessfaktor 100

+++PRO

Von Karl Fluch

Ich besitze eine. Und das ist eher verwunderlich, zumal ich eine Negativprägung Hauben gegenüber habe. Ausgelöst wurde diese durch eine Tante, die die Kinder der Verwandtschaft mit den Früchten ihrer Strickkunst nötigte. Ich sage nur: Bommel des Grauens! Wie oft ich deshalb am Heimweg von der Schule von anderen Kindern mit Schnee eingerieben worden bin, hab' ich zum Glück vergessen. Trotzdem: "Danke", Tante X.! (Sie weilt noch unter uns).

Dennoch habe ich mir vor Jahren eine so genannte HipHop-Haube gekauft: "Yo man, don't fuck with me!" So eine. In New York, weil wenn schon, denn schon. In verkifftem Dunkelgrün mit dem obligaten Message-Aufdruck. Aufgesetzt habe ich sie - wegen des erwähnten Dachschadens - natürlich nie. Getragen wurde das Teil hauptsächlich von N., meiner Lieblings-Ex. (Sorry an alle, deren Namen blöderweise mit einem anderen Buchstaben beginnen.) Sie hat die Mütze beim Laufen verwendet. Dackeltreu, wie ich nun einmal bin (auch so eine Fehlprägung!), habe ich dann ebenfalls mit der Rennerei begonnen, und im Gegensatz zu N. ist diese mir bis heute geblieben. Die Haube auch.

Beim Laufen im Winter trage nun ich diese Mütze. Wegen ihrer Wärme und weil, wenn man vertrottelt bei minus zehn Grad mit eingefrorener Physiognomie durch den Prater schnauft und Eiszapfen spuckt, auch der Aufdruck Sinn macht. In großen roten Lettern steht ein Wort drauf: "Pervert!"

Das Kopfschütteln vermummter Spaziergänger signalisiert mir jedes Mal deutlich deren Zustimmung.

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---CONTRA

Von Doris Krumpl

Das heißt nicht Haube oder Mütze, sondern Head Gear. So fängt das schon überhaupt einmal an. Auch wenn dieser wollene Überzieher früher nur die Generation 70 plus wärmte, gehört er heute zum Bild eines anständigen "Mothafucka" mit Coolnessfaktor 100. Er muss ja zeigen, dass bei so vielen Autos und Diamantschmuck und willigen popowackelnden Mädchenscharen um ihn nicht der Hut hochgeht. Und so eine polierte Platte, die auch gewisse Assoziationen wecken soll, muss ja geschützt werden, sonst bläst der Wind von einem Ohr durchs andere raus. Während Jugend-Generationen vorher für ihre winterliche Coolness Stirnhöhleneiterungen in Kauf nahmen, geht diese Wollwurst jetzt ganz frech einfach so durch, vor allem auch im Sommer und in der Karibik. Oben Strickmütze, unten Sneakers, da kann dann nirgends was rausrinnen.

Wenn sogar Georg Büchners Leonce in modernen Bühnenstücken so ein Ding verpasst kriegt, damit sich Jugendliche mit der Figur besser identifizieren, dann ist es für alle anderen gerade erst recht, hopp oder tropp, hip oder hop. Der nächste Schritt sind dann Zahnspangen (in Arbeit!) oder gestrickte Nasenwärmer. Aber irgendwie muss man auch Erbarmen haben. Wenn der junge mitteleuropäische Mensch heute auf seine Erzeuger blickt, die mit Baggy Pants und Heidi-Zöpfchen berufsjugendlich bei Pop-, HipHop- und Schnickschnack-Konzerten abhängen, gehören einfach die spießigsten Teile und Dinge zum Kult stilisiert. Heiraten sowieso. Aber es gibt ja immer auch noch Missy Elliott. (Der Standard/rondo/21/03/2003)

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