"Far From Heaven": Ein Imitat des Lebens

23. Juli 2004, 11:09
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US-Regisseur Todd Haynes wagt sich mit seinem Melodram "Far From Heaven" auf brüchiges Terrain

Wien - Far From Heaven - deutscher Verleihtitel: Dem Himmel so fern - ist ein Familienmelodram: Dieses erzählt von Cathy (Julianne Moore), die Ende der 50er-Jahre mit Ehemann, Sohn und Tochter, zwischen häuslichen und gesellschaftlichen Pflichten ein Leben führt, wie man es von ihr erwartet.

Dazu gehört auch, mit diesem Leben glücklich zu sein und dieses Glück nach außen hin zu repräsentieren. Cathy, immer perfekt frisiert, gekleidet und geschminkt, lächelt also. Zum Weinen geht sie heimlich in den Garten. Und trifft dort auf einen, der bereits gelernt hat, dass man in einer geschlossenen Welt bei ungewöhnlichen Bewegungen schnell den Druck der engen Grenzen zu spüren bekommt.

Unsichtbare Grenzen

Raymond (Dennis Haysbert), Cathys schwarzer Gärtner, gehört zu jenem Teil der Bevölkerung von Hartfort, Connecticut, der Cathys Partygästen als unsichtbar gilt - auch wenn er ordentlich livriert gerade die Cocktails serviert. Die Beziehung, die sich zwischen ihr und Raymond allmählich entwickelt, stellt vor diesem Hintergrund das weit größere Risiko dar, als jener Umstand, der Cathys Welt zuvor ins Wanken bringt: Der Tatsache, dass ihr Mann Frank (Dennis Quaid) sich zu Männern hingezogen fühlt, wird zunächst noch mit dem Gang zum Psychiater begegnet.

Der US-amerikanische Regisseur Todd Haynes, der sich zuletzt mit Velvet Goldmine (1998) den 70er-Jahren zugewandt hatte, greift mit seinem jüngsten Melodram auf ein Genre und eine Darstellungsform zurück, die in den 50er-Jahren eine Blütezeit erlebten.

Ein populäres Genre, das jenseits von Psychologisierung oder Realismus mittels eines Registers von konventionalisierten Formen, Situationen und Typen gleichwohl imstande war, einen filmisch vermittelten Bezug zur Welt herzustellen und komplexe soziale oder ideologische Zusammenhänge zu berühren.

Ein Genre, das jedoch auch die Gefahr in sich trägt, ins Lächerliche, Kitschige zu kippen - die entsprechende Gratwanderung bewältigt Far From Heaven souverän:

Die spärlich gesetzten, beklemmenden großen Gefühlsausbrüche interagieren perfekt mit einer labilen Grundstimmung, die die Figuren und der Film von der ersten Minute an verbreiten. Vielleicht gerade deswegen, weil das scheinbar perfekte Idyll schon ganz auf seine Künstlichkeit verweist.

Bereits mit seinem Titel erinnert Haynes' Film an entsprechende Arbeiten des Regisseurs Douglas Sirk, die er zum Teil auch zitiert: All That Heaven Allows (1955), Written On The Wind (1956) oder Imitation of Life (1959).

Wie eine Imitation von Leben erscheinen nicht nur die sorgfältig konstruierten Oberflächen des Films - seine hingebungsvoll durchkomponierte Farbpalette aus Rot-, Rosa-und Orangetönen, seine detailverliebte Ausstattung, seine pathetische Musikbegleitung -, sondern auch die Existenz seiner Protagonistin, die unter dem Eindruck der Ereignisse immer brüchiger wird:

Cathy, der Julianne Moore eine irritierend zwischen Angepasstheit und mutigem Eigensinn pendelnde Präsenz verleiht, erlebt ein langsames Aufwachen vor den Tatsachen. Sie geht das Wagnis ein, mehr zu wollen, als ihr nach Auffassung ihrer Freunde und Nachbarn zusteht, mit ihrer persönlichen Definition von Glück den Rahmen konventioneller Glücksvorstellungen zu sprengen. Dieser Affront wiegt schwer. Am Ende gibt es einen schwachen Hoffnungsschimmer.
(DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2003)

Von Isabella Reicher

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farfromheaven
movie.com
  • Die scheinbar perfekte Verkörperung von Frauenglück in den USA der 50er-Jahre: Cathy (Julianne Moore) in "Far From Heaven" von Todd Haynes
    foto: constantin/concorde

    Die scheinbar perfekte Verkörperung von Frauenglück in den USA der 50er-Jahre: Cathy (Julianne Moore) in "Far From Heaven" von Todd Haynes

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