Gegen die Langeweile, die Mutter des Kriegs

13. März 2003, 17:47
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Daniel Banulescu, eine literarische Entdeckung aus Bukarest, gastierte bei "Buch&Wein" in Wien

Wien - Ein in Rumänien seit seinem Ceausescu-Roman Ich küsse dir den Hintern, mein Führer (1994) prominenter junger Dichter am Donnerstag in Wien: na und? Die Welt wartet im Moment sicher nicht auf Rumänien.

Aber sie wartet: Auf Entscheidungen des UN-Sicherheitsrats; oder auf den Kriegsausbruch. - Warten: Das ist der Zustand nach einer Revolution oder vor einem Krieg. Und der muss, brutales Gesetz der Mode, immer "neu" sein: Derjenige auf dem Balkan schien schon vergessen, alle erwarten den Irakkrieg. Gerade aber, nach dem Attentat auf den serbischen Premier Zoran Djindjic: doch erneutes Interesse am Balkan?

Da wirkt Daniel Banulescu, poetische Wildsau aus Bukarests Schluchten, unerwartet aktuell: Er hasst nichts so sehr wie die Gefahren des Wartens - die aufgestaute Langeweile drängt nämlich zur Aktion der Gewalt. Banulescus mit Sexualität - Revolte gegen klinischen Alltag und kalte Politikabwicklung - übervollen Texte rennen dagegen an.

Auch im Gespräch vor seiner Lesung warnt er vor einer Erwartungshaltung gelangweilter Passivität, die auf Gewaltausbrüche lauert und danach wieder wankelmütig schwankt: "Nach der Revolution gab es einen Slogan, der die Ceausescus als unerwünscht hinstellte. Ich glaubte, der Mythos sei erloschen. Aber jetzt gibt es einen anderen Slogan: Verzeih uns, Ceausescu, im Dezember waren wir besoffen!"

Die ersten auf Deutsch in der Wiener edition per procura übersetzten Texte Banulescus sind so ungewohnt frech, dass sie aus jeder Konsumhaltung aufscheuchen und die Phrasen von Weltpolizisten auf ganz Irdisches zurückbringen: "Da ich Dir schön zuflüstere: Ach ja das universelle Glück! - Zieh dich aus!"

"Baudelaire und Beat, ja"

Die Tendenz, abgehobene Phrasen mit "irdischer" Beobachtung zu konfrontieren, sei in Rumänien von der Banater Dichtergruppe um Richard Wagner und Herta Müller ausgegangen, erzählt Banulescu: "In Bukarest war eine entsprechende Anthologie ein Kultbuch."

Und wie war die Reaktion auf seine eigenen, inmitten der klinischen Reinheit der Diktatur mit Sexualität vollgestopfte Poesie, die auch den Staat wie in einem Akt der Vergewaltigung beschreibt? - "Es gab einen Skandal. Man sagte: So würde Baudelaire am Klo schreiben."

Vielleicht wäre jetzt die Frage nach der Moderne, in der solche Texte stehen, gar nicht nötig, denn Banulescu selbst stellt seinem Band einen sprachlichen Stammbaum voraus: Die Bibel steht da gleich neben "Dire Streets" und "Tante Fina". - Banulescu: "Baudelaire und Beat, ja. Und die Poeten der 80er Jahre. Die sind besser als Baudelaire!" - Damals, mit der Verspätung von zwei Jahrzehnten, hielt die Popkultur in Bukarest Einzug: "Diese neue Generation von Philologen und Philosophen - nach der vorhergehenden von Ingenieuren - konnte viele Fremdsprachen. Und sie brachten alles."

Ebenso wichtig, wie schon für Brecht: Die Bibelsprache, deren Parallelismen bei Banulescu ironisch modern klingen: "Ich war unglücklich und du hast mich mit Sodabikarbonat eingerieben/Ich war besoffen und elend und besoffen/ Aber du hast mir ein Klistier gesetzt". Und der Alltag, den er frech aufbrechen kann? "Der Alltag in Bukarest jetzt ist: Aggression, Armut, Bettelei." Und wie lässt sich darin leben? "Bukarest ist wunderbar schräg. Aber dagegen muss ich ein Werk aufbauen, von außen hineinwirken."
(DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2003)

Übersetzung des obigen Gesprächs: Aranca Munteanu

Von
Richard Reichensperger

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