Federnloser "Feuervogel" - ein Tanzstück ohne Tänzer

12. März 2003, 20:53
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Wolfgang Suppans "Drift" wurde vom Klangforum Wien uraufgeführt - Bühnenversion von 14. bis 16. März im Tanzquartier

Wien - Drift heißt das jüngste Werk des 36-jährigen in Wien naturalisierten Oberösterreichers Wolfgang Suppan. Konzipiert ist es für zwölf Tänzer, Instrumentalensemble und Live-Elektronik. Seine integrale Uraufführung findet am Freitag, den 14. März (20.30 Uhr) im Tanzquartier Wien (Halle G) statt. Wiederholungsaufführungen sind an den beiden Folgetagen vorgesehen.

Im Mozartsaal des Konzertsaals traten zunächst einmal mehrere Einführungsredner auf, die das erfreulich zahlreich erschienene Publikum wohl höflich, aber bestimmt vom Podium applaudierte. Danach präsentierte das Klangforum Wien das 70 Minuten währende, in fünf Teile gegliederte musikalische Fundament des neuen Werkes.

Spiel ohne Dirigent

Und dies unter Verzicht auf einen Dirigenten, da Suppans Konzept einen solchen überflüssig macht. Jeder der Instrumentalisten verfügt über ein Repertoire von Klangmodellen, die er, wiewohl nach einem durch ein Lichtmetronom geordneten Ablauf, je nachdem, wie es die klangliche Gesamtsituation gerade erfordert, partiell oder ganz zum Einsatz bringen kann. Ein Konzept, das jeden einzelnen Musiker in die Doppelrolle eines Interpreten, aber auch eines Mitkomponisten versetzt.

Weniger fachchinesisch ließe sich sagen, tiefgefrorene Zusammenklänge und Abläufe werden durch die Instrumente zur Hörbarkeit erhitzt. Poetischer wäre auch von einem universellen, zunächst stummen Prinzip zu sprechen, das sich im Lauf der Probenarbeit zu einem Kosmos labiler Ordnungen verfestigt.

Gebändigte Aleatorik

Suppan versucht den Spagat zwischen Aleatorik und präziser Notation. Er bricht nicht aus wie vor ihm Roman Haubenstock-Ramati oder Anestis Logothetis, vielmehr will er die in diesen Exkursen erworbenen spielerischen Freiheiten aus dem Delta der Beliebigkeit in einem, wenn auch mäanderhaften, so doch kontrollierbaren formalen Fluss einen.

Ein solch heikles Experiment interpretatorischer Wildbachverbauung gelingt natürlich nur mit Instrumentalisten, deren Erfahrung und Risikobereitschaft sich die Waage halten. Wie mit jenen des Klangforums eben, die alle nervös wechselnden Pulsschläge dieser Partitur ertasteten und auch die abrupten Übergänge zwischen Manie und Depression solistisch und im Kollektiv eindrücklich nachvollzogen.

So entstand ein interessierendes Universum, das bald von zentralen Figuren, bald von aufblinkenden Partikeln und gegen Schluss auch von akkordischen Großformationen anhaltend belebt wurde.

Ein neuer Feuervogel ist Suppans Drift natürlich keiner. Höchstens einer ohne Federn. Vielleicht lehren ihn die zwölf Tänzer am Freitag das Fliegen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2003)

Von Peter Vujica
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