"So sind wir halt - zärtlich"

12. März 2003, 19:35
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Die Wiener Musikproduzenten Richard Dorfmeister und Rupert Huber alias Tosca präsentieren ihr neues Album "Dehli 9" live

Ein Gespräch mit Karl Fluch über musikalische Meterware, buddhistische Hilfestellungen und menschenfreundlichen Snobismus


Wien - Richard Dorfmeister bestellt einen Espresso, Rupert Huber einen Milchkaffee. So viel Klischee muss sein. Schließlich gelten die beiden, gemeinsam wie getrennt, als Aushängeschilder der in der Welt als "Wiener Kaffeehaus-Sound" berühmt gewordenen Clubmusik. Mehr Erwartungshaltungen bedienen die als Tosca zusammen produzierenden Musiker jedoch nicht. Aus gutem Grund.

Denn kaum ein musikalisches Genre wurde in den letzten Jahren ärger verwässert und kommerzieller ausgeschlachtet als Clubmusik. In den 90er-Jahren, als Techno menschenfreundlicher wurde und konsenstaugliche Stile wie TripHop hervorbrachte, besaß Clubmusik die Aura urbaner Modernität. Sie galt als cool, und wer Wörter wie Chill-out oder Lounge nonchalant in seinen Umgangston integriert hatte, galt als quasi unantastbar.

Eine ideenlose Industrie ("Wir basteln uns einen Superstar!") sprang als Trittbrettfahrer auf den aus dem Underground kommenden Zug auf und nivellierte das musikalische Niveau zugunsten der Breitenwirksamkeit auf Kellertiefe.

Unzählige Kompilationen überspülten die Märkte, und Meterware aus den Bereichen TripHop, New Jazz oder Downtempo wurde zum Soundtrack banaler Alltäglichkeit. Richard Dorfmeister nickt zustimmend und meint trocken: "Aber das alles hat nichts mit uns zu tun."

Dorfmeister, eine Hälfte des weltweit bekannten Produzentenduos Kruder und Dorfmeister, kennt die angesprochene Thematik der Verwechselbarkeit und der Ausdünnung eines Genres zur Genüge. Gleichzeitig führt er seit Jahren vor, wie man mit Haltung den Ausverkauf vermeidet: Indem man nicht bereit ist, qualitativ Abstriche zu machen, und im Business der Jasager im Zweifelsfall mit Nein antwortet.

Unter diesen Voraussetzungen funktioniert auch das Projekt Tosca, das Dorfmeister mit Rupert Huber betreibt und das eben sein drittes Album veröffentlicht hat: Dehli 9, benannt nach der gemeinsamen Schülerband der beiden.

Wie diese geklungen hat? Dorfmeister schmunzelnd: "Wir waren genial, nur leider sind alle Aufnahmen einem Studiobrand zum Opfer gefallen." Huber lässt Worte wie "ambitioniert" und "Avantgarde-Samba" fallen, der Rest geht in gemeinsamem Gelächter unter.

Das Unternehmen Tosca beschreibt Dorfmeister als einen "legeren Zustand", der hin und wieder gepflegt wird - gepflegt unter Zuhilfenahme "buddhistischen Gedankenguts." Dorfmeister: "Wir versuchen leer und inspirationsfrei - im Sinne von unabgelenkt - an unsere Musik heranzugehen." Dem Einwurf, dass das reichlich esoterisch klinge, stimmen die beiden Mittdreißiger unter Schulterzucken zu. Huber: "Wir hören ja berufsbedingt sehr viel Musik. Es ist also fast eine praktische Übung, nicht Dingen zu verfallen, die man gerade gehört hat. Ein Schutzmechanismus gewissermaßen."

Honorige Gäste

Dieser scheint zu funktionieren. Dehli 9 ist in seiner entspannten Präzision ein Lehrstück in Sachen Qualitätspflege. Aufgeteilt auf zwei CDs (oder vier Vinylplatten) präsentiert Tosca auf dem ersten Silberling Dancefloor-taugliche Tracks mit honorigen Gästen: etwa die Wiener New-Wave-Legende Graf Hadik, Langzeitfreund Sugar B. oder der Acid-Jazz-Star Rob Gallagher alias Galliano.

Die zweite CD besteht aus launigen Klavieretüden Hubers, die Dorfmeister mit zarten Klangmalereien bearbeitete. Das Ergebnis sind ruhige Ambient-Studien, die man - abseits der Pervertierung des Begriffs - tatsächlich als Chill-out beschreiben könnte. Huber: "Mir gefällt der Gedanke, von dieser Scheibe als der Nacht-CD zu sprechen, während die andere den Tag repräsentiert." Dorfmeister: "Ich schätze diese sozial-unsoziale Ambivalenz. Die eine Platte kannst du öffentlich spielen, ohne das es jemandem wehtut, während die andere doch eher der Stimmung einsamer Nachtstunden entspricht."

Dieses Klavieralbum beschreiben die beiden als eine Möglichkeit, die nicht zu geringen Erwartungshaltungen an Tosca kreativ zu unterlaufen. Zwar kein radikaler Haken, eher eine sanfte Überraschung. Huber: "So sind wir halt - zärtlich."

Diese Haltung entspricht dem philanthropischen Snobismus, den man pflegt: Extravagante Plattendesigns und ebensolche Präsentationen prägen die Tosca-Biografie. Dorfmeister: "Das ist mit ein Teil des Sich-vom-Rest-Unterscheidens und ein Dienst am Kunden, weil das Album deshalb nicht teurer wird. Auch wenn es mit einer hübschen Verpackung allein nicht getan ist. Der Inhalt muss selbstverständlich auch passen."

Für die Livepräsentation von Dehli 9 in Graz und Wien wird eine zwölfköpfige Crew beansprucht. Fritz Fitzke besorgt die visuelle Umsetzung, Galliano wird aus England eingeflogen, und für Rupert Huber mietet man einen Konzertflügel an. Dorfmeister grinst zufrieden und meint: "Einen Flügel im Flex - also ich finde, das hat was!"
(DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2003)

Tosca live:

14. März,
8020 Graz,
List-Halle,
Waagner- Biró-Str. 98a.
Beginn 21.30

15. März
1010 Wien
Flex,
Donaukanal/ Augartenbrücke
Beginn 22.00

  • Richard Dorfmeister und Rupert Huber beim süßen Müßiggang: Als Tosca präsentieren sie ihr neues Album "Delhi 9" live in Wien und Graz
    foto: studio k7 /markus rössle

    Richard Dorfmeister und Rupert Huber beim süßen Müßiggang: Als Tosca präsentieren sie ihr neues Album "Delhi 9" live in Wien und Graz

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