Muskelkater: Mikrotrauma oder Übersäuerung?

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    foto: ap/hans punz

Der Muskelkater ist keine männliche Katze, sondern eine subtile Verletzung, die folgenlos verheilt

In dieser Woche hatten vermutlich Hunderte Menschen in Österreich mit einem Muskelkater zu kämpfen. Die meisten davon standen letzten Sonntag beim Vienna City Marathon am Start. Am Montag Abend erhielten sie die Quittung für ihre regen Bemühungen am Tag davor.

Diese zeitliche Verzögerung, zeichnet den Muskelkater aus. Schmerzen, die erst 8-24 Stunden nach einer körperlichen Überlastung auftreten, zwei bis drei Tage später ihren Höhepunkt erreichen und innerhalb einer Woche wieder spurlos verschwinden. Der Muskelkater verschont niemanden lebenslang. Bevorzugt trifft er jedoch sportlich vollkommen Ungeübte und trainierte Sportler nach intensiven Belastungen wie einem Marathonlauf.

Unbewiesene Laktathypothese

Die Milchsäure ist schuld. Mit dieser Erklärung war das Thema Muskelkater auch unter Sportmedizinern jahrzehntelang abgehakt. Ohne wissenschaftliche Beweise und obwohl sich der Schluss - je höher das Laktat (Milchsäure) desto schlimmer der darauf folgende Muskelkater - als völlig haltlos erwies. Ganz im Gegenteil: Sportarten, die mit besonders hohen Laktatwerten assoziiert werden, wie dem Mittelstreckenlauf beispielsweise, gehen vergleichsweise selten mit einem Muskelkater einher. Wogegen Kraftsportler regelmäßig damit zu kämpfen haben. Deren Laktatwerte bewegen sich generell aber eher im unteren Bereich.

Nach intensiver Forschungsarbeit in den letzten 20 Jahren erfreut sich heute die Theorie des Mikrotraumas zunehmender Popularität. Hinter dem Muskelkater, der seinen Namen keiner männlichen Katze, sondern einem simplen „Katarrh" (Schleimhautentzündung) zu verdanken hat, stecken winzige Risse in den sogenannten Z-Scheiben einzelner Muskelfibrillen.

Schmerzhafte Folgereaktionen

Mit Hilfe des Elektronenmikroskops wurden diese Schäden 1983 erstmalig auch visualisiert (Friden, J., M. Sjöström und B. Ekblom. Myofibrillar damage following intense eccentic exercise in man, Int. J. Sports Med. 4, 1983, 170-176). Für Verwirrung sorgte jedoch weiterhin die erwähnte zeitliche Verzögerung, die schon mit der gängigen Milchsäurehypothese nicht in Einklang zu bringen war. Dabei war die Laktattheorie in diesem Kontext relativ leicht widerlegt, denn Laktat besitzt eine Halbwertszeit zwischen 20 und 25 Minuten; ist zum Zeitpunkt des beginnenden Muskelschmerzes also längst wieder eliminiert. 

Bei der mikrotraumatischen Hypothese erklären sich Wissenschaftler das Phänomen des verzögerten Muskelschmerzes unter anderem folgendermaßen: Schmerzrezeptoren befinden sich nicht innerhalb der Muskelzellen, sondern außerhalb im umgebenden Bindegewebe. Wie bei jeder anderen Verletzung auch, ist der Organismus bemüht den entstandenen Schaden umgehend zu reparieren. In diesem Fall werden kaputte Muskelzellen aufgelöst, Entzündungszellen wandern ein und aktivieren die vorliegende Schmerznervenendigungen. Dazu kommt: In die entstandenen Muskelrisse dringt Flüssigkeit ein, der Muskel schwillt an und der Betroffene fühlt einen Dehnungsschmerz, den er gemeinhin als Muskelkater bezeichnet.

Extremfall Marathonlauf

Das alles ist schon relativ kompliziert und doch ist die Wissenschaft aus pathophysiologischer Sicht beim Muskelkater noch längst nicht am Ende. Der deutsche Sportmediziner Dieter Böning, eine Kapazität auf dem Gebiet des Muskelkaters, hat die Stoffwechselhypothese jedenfalls nicht zu den Akten gelegt. Gerade bei Langstreckenläufen wähnt er eine seltene Form des Muskelkaters, die mit langandauernden intensiven Stoffwechselprozessen und der Erschöpfung der Energievorräte im Muskel zusammen hängt.

Muskelbiopsien nach Marathondistanzen haben in der Tat ein schweren Schaden gezeigt, sodass Experten berechtigterweise an radikale Stoffwechseleffekte denken. Ca-Ionen, Proteasen und Lipasen sind an dem Prozess beteiligt und in Bönings umfassenden Abhandlungen ist von zerstörten Zellmembranen die Rede, während die für Muskelfaserrisse typischen zerstörten Z-Scheiben bei Marathonläufern, in der Mehrzahl intakt bleiben.

Ignorieren und weitertrainieren?

Für Nichtmediziner sind solche Details vielleicht gar nicht von Interesse und Sportler sind vermutlich viel mehr an folgender Frage interessiert: Was lässt sich gegen einen Muskelkater denn eigentlich tun? Nichts, gleichgültig welche Form des Muskelkaters dem Athleten auch Schmerzen bereitet. Die Verletzung auskurieren und weitere hohe Belastungen tunlichst vermeiden.

Geduld, die sich lohnt, denn ein Muskelkater ist die Muskelkaterprophylaxe schlechthin. Vorausgesetzt: Die Abstände zwischen den einzelnen Belastungen sind nicht zu groß. (Regina Philipp, derStandard.at, 23.04.2009)

Dieter Böning: "Muskelkater" im Deutschen Ärzteblatt

 

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