Dies- und jenseits der "Grenze des Gemeinsamen"

20. April 2009, 18:39

Kultur und Kunst, Land und Leute: Was Österreich und Tschechien eint und trennt

Horn/Raabs/Telè - „Unsere Grenze ist jedoch eine Grenze des Überschreitens, eine Grenze des Gemeinsamen, keineswegs des Teilenden."
Am Eingang zur Ausstellung in Telè postulieren die Macher der niederösterreichischen Landesausstellung ihr ehrgeiziges Vorhaben: zu zeigen, was Land und Leute, Kunst und Kultur dies- und jenseits der österreichisch-tschechischen Grenze zu gleichen Teilen trennt und verbindet. Jahrhundertelang waren die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern durchwachsen; auch den politischen Spannungen wird daher an den drei Ausstellungen Horn, Raabs und Telè viel Raum gewidmet - ein Landesausstellungs-Novum ebenso wie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Besonders einprägsam werden die politischen Grenzbeziehungen in Horn geschildert: Von Raum zu Raum wandeln die Besucher durch die Jahrhunderte - und plötzlich trennt ein stilisierter eiserner Vorhang die österreichische und die tschechische Seite der Ausstellung. Wer auf einer Seite steht, kann die andere nur durch kleine Gucklöcher sehen, in denen das jeweils andere Land deutlich verzerrt wahrnehmbar ist.

Kitsch und Probleme

Eine seltsame Mischung aus Kitsch und politischer Realität findet man schließlich im letzten Raum in Horn. An den Wänden hängen Bilder von österreichisch-tschechischen Paaren, die die regionale Bevölkerung der Landesausstellung zur Verfügung gestellt hat. In der Mitte thront eine riesige Hochzeitstorte - „aufgetischt" werden in dieser Umgebung aber die Probleme, die die Länder verbinden, etwa die Beneš-Dekrete und Tschechiens Festhalten an der Atomkraft.
Was eine Grenze auslöst, vor allem in den Köpfen der Menschen, das wird im Raabser Lindenhof thematisiert: Warum fiel es den Grenzlandbewohnern so schwer, sich überhaupt als Tscheche oder Österreicher zu definieren? Wie konnten totalitäre Systeme, konkret der Stalinismus und der Nationalsozialismus, den Kontinent durchdringen? Und wie wurde der Nationalismus von einer Eliten- zu einer Massenbewegung?

Weniger aufwühlend ist der tschechische Teil der Ausstellung. Das Städtchen Telè, das der erste Landesausstellungs-Gastgeber jenseits der Grenze ist, bietet dafür jedenfalls eine faszinierende Kulisse. Am Weg vom Waldviertel in die böhmisch-mährischen Höhen geht es über holprige Straßen vorbei an Plattenbauten - doch wer den historischen Marktplatz betritt, findet sich in einer Renaissance-Umgebung wieder, die das überstrapazierte Attribut „malerisch" mehr als verdient.

Im Telèer Schloss wird die gemeinsame Geschichte der Nachbarländer anhand wichtiger Figuren der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte erzählt. Auch dort wurden allerhand erstaunliche Exponate zusammengetragen: vom Taktstock Gustav Mahlers, der vom tschechischen Jihlava (Iglau) aus an den Wiener Hof als Kapellmeister kam, bis zu einem Pullover Václav Havels.
22 Millionen Euro wurden in die Landesausstellung investiert; neben wirtschaftlichen und touristischen Effekten erhofft sich Landeshauptmann Erwin Pröll (VP) vor allem, dass die Ausstellung „in vielen Herzen und Köpfen bleibt". Mehr als 15.000 Besucher sahen bereits am Eröffnungswochenende die Ausstellung über die österreichisch-tschechischen Grenzbeziehungen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Printausgabe, 21.4.2009)

 

 

Die Landesausstellung ist bis 1. November täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Von Donnerstag bis Sonntag verkehren Shuttlebusse zwischen den Standorten.

 

 

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