Hintergrund: Riegel gegen Venedig

20. April 2009, 16:48

Dass Bosnien-Herzegowina Meerzugang hat, ist einem 310 Jahre alten Vertrag zwischen Österreich und den Osmanen geschuldet

Der Doppelname kommt nicht von ungefähr: Bosnien-Herzegowina ist auch 14 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton ein gespaltenes Land. Bosnien, das sind die nördlichen und östlichen Landesteile, die Herzegowina bildet den Westen, der an das kroatische Dalmatien grenzt. Dass Bosnien-Herzegowina bis heute einen Zugang zur Adria hat, ist der umkämpften Vergangenheit geschuldet.

Der Kanton Herzegowina-Neretva, in dem auch Neum liegt, ist der einzige der zehn Kantone, der Meerzugang hat. Die etwa 230.000 Einwohner bekennen sich in beinahe gleichen Teilen zur kroatischen und zur bosnischen, also muslimischen, Bevölkerungsgruppe.

Der Friedensvertrag von Karlowitz hat 1699 nicht nur die lange andauernden Kämpfe um die Vorherrschaft auf dem Balkan zwischen dem Osmanischen Reich und Österreich-Ungarn, Polen, Russland und Venedig beendet, sondern hat Bosnien-Herzegowina den Zugang zur Adria beschert. Seit der Großen Türkenbelagerung Wiens 1683 waren die Konflikte nicht mehr abgeflaut.

Durch den Vertrag musste Konstantinopel unter anderem ganz Ungarn und die heute im Norden Kroatiens gelegene Region Slawonien an Österreich abgeben. Die Vorherrschaft der Osmanen auf dem Balkan war damit zu Ende, jene Österreich-Ungarns begann. Die damals mächtige Republik von Dubrovnik, deren wichtigstes Symbol in Form der ins Meer hineingebauten Stadtmauern bis heute erhalten ist, profitierte ebenfalls.

Serenissima

Da Dubrovnik seinen Glanz mehr auf dem Handel denn auf der Wirkung von Waffen aufgebaut hatte, suchte es nach einem gangbaren Weg, sich der Bedrohung durch das ebenfalls aufstrebende Venedig zu entledigen, das zu dieser Zeit weite Teile der Küste im Norden Dubrovniks beherrschte. Als eine Art Riegel gegen die Serenissima, wie Venedig genannt wurde, gab Dubrovnik durch den Vertrag von Karlowitz die Gegend von Neum genau 300 Jahre nach dessen Erwerb an die Osmanen ab. So gewannen diese den Zugang zur Adria und Dubrovnik hielt die Venezianer auf Distanz.

Bis 1878 blieb dies so, erst dann kam Neum so wie der Rest Bosnien-Herzegowinas unter die Kontrolle des österreichisch-ungarischen Reiches. Seinen Status als einziger Adriaort Bosnien-Herzegowinas behielt Neum mit kurzer Unterbrechung bis heute. Auch wenn die kroatische Hafenstadt Ploce seit einigen Jahren per Vertrag als bosnischer Seehafendient. (flon/derStandard.at, 18.4.2009)

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