Burgtheater-Kasino

Desorientierte Bürger

19. April 2009, 18:07

Zerfahrene Premiere: "Wandlungen einer Ehe"

Wien - Sie verstehe wohl die Sätze, doch das große Ganze bleibe ihr verschlossen. Man fühlte bei der Premiere am Samstag im Burgtheater-Kasino mit Judit (Stefanie Dvorak), der Dienstmagd, die sich in Sándor Márais Roman Wandlungen einer Ehe zur zweiten Ex-Ehefrau gemausert hat.
Im vom zweiten Weltkrieg zerfetzten Budapest stellt sie damit nicht nur das Lebenswerk des Schriftstellers und Beobachters Lázár (Johannes Terne) infrage, sondern zugleich auch die Wiener Bühnenfassung des fordernden Textes durch Sylvia Haider.

Dabei deutet Regisseur Rudolf Frey auf der hervorragend gestalteten Bühne (Vincent Mesnaritsch) durchaus an, was aus dem 1948 veröffentlichten Roman Márais' herauszuholen wäre: ein analytischer Blick auf bürgerliche Verlustängste, die sich am Schwarzenbergplatz hauptsächlich im Zweifeln an der einen wahren Liebe manifestieren. Diese Vernunftsgedanken plagen den reichen Fabrikantensohn Péter (Christian Nickel), der die bedingungslose Hingabe seiner ersten Frau Ilonka (Adina Vetter) nicht nachvollziehen kann und folglich nicht mehr erträgt.

Er sehnt sich in Gesprächen mit seinem Freund und Mentor Lázár nach einer ursprünglicheren Liebe; abseits von bürgerlicher Etikette und Standesdünkel - allerdings ohne selbst auf damit einhergehende Vorrangstellungen verzichten zu wollen. So projiziert er seinen Wunsch nach dem Unverfälschten auf die mütterliche Dienstmagd Judit. Lässt ihr roher Charme einer Bauerstochter im ersten Akt die Zahnräder des großbürgerlichen Getriebes noch knirschen - wie die weißen Kiesel am Bühnenboden -, so entfernt sie sich umso mehr von Péters idealisierter Fantasie, je näher sie dem gesellschaftlich Höherstehenden kommt.

Wie gelungen Márais Auseinandersetzung mit der perspektivlosen Bürgerschicht in Inszenierung und Bühnenbild dargestellt werden, so unscharf bleibt der entsprechende Dialog. Judits Aufstieg aus dem Erdloch ins Herrenhaus, die fallbeilartige Eröffnung samt ratternder Jahreszahlen oder die nutzlos herumliegenden Jagdtrophäen beschreiben die erzwungene Neuausrichtung der drei Protagonisten treffender als das in der Textfassung überwiegende Lamento über große Gefühle. Höchstens die kommentierende Rolle Lázárs - in der Márai sein eigenes Schicksal als von Faschisten wie Kommunisten verfolgter Autor andeutet - bringt etwas sprachliche Klarheit auf die Bühne. So lässt der Abend viel Freiraum, um die Wandlungen einer Ehe nochmals zu entdecken. (Georg Horvath/DER STANDARD, Printausgabe, 20. 4. 2009)

 

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