"Vergeben keine Konsumkredite"

19. April 2009, 18:04
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    foto: urban

    Grohs glaubt nicht an große Kreditausfälle im Osten.

Während Banken um ihre Kredite zittern, beklagen Mikrokredit-Organisationen kaum Zahlungs­ausfälle - Florian Grohs von Oikocredit im Interview

Während Banken um ihre Kredite zittern, beklagen Mikrokredit-Organisationen kaum Zahlungsausfälle. Warum die Ärmsten ihre Raten zahlen, erklärt Florian Grohs von Oikocredit im Gespräch mit Bettina Pfluger.

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STANDARD: Oikocredit setzt in der Ukraine einen Investitionsschwerpunkt. Das Land ist vom Bankrott bedroht. Was kann Mikrofinanz da ausrichten?

Grohs: Viele Leute haben ihre Jobs verloren und fangen jetzt wieder an, selbständig zu werden. Sie werden Händler und wirtschaften für ihr eigenes Überleben. Dafür brauchen sie Geld, die Banken geben jetzt keine Kredite mehr her.

STANDARD: Wie viel Geld wird im Schnitt pro Kreditnehmer vergeben?

Grohs: Das hängt von der Entwicklung des Landes ab. In Indien werden 100 bis 200 Dollar vergeben. In der Ukraine rund 1000 Dollar.

STANDARD: Banken halten ihr Geld zurück. Steigt daher die Nachfrage nach Mikrokrediten?

Grohs: Noch nicht. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Moment ebbt sie ein wenig ab, weil auch die Nachfrage nach Produkten weltweit zurückgegangen ist.

STANDARD: Osteuropa gilt als Bedrohung für die heimischen Banken. Wie schätzen Sie die Lage aufgrund ihrer Aktivitäten dort ein?

Grohs: Wir sehen schon, dass Banken Probleme haben, ihre Kredite einzutreiben. Dass es einen großen, massiven Ausfall gibt, der alle Banken bedroht, glaube ich nicht. Die Banken werden reagieren und Kredite umschulden. Schwer haben es jene Leute, die Kredite in Fremdwährungen aufgenommen haben, und die lokale Währung abwertet.

STANDARD: Stichwort Fremdwährung. Sie begeben Kredite ja auch in lokalen Währungen. Macht das Sinn? Die ukrainische Währung hat ja mehr als 40 Prozent abgewertet.

Grohs: Ja. Wenn man einen Kredit in Fremdwährung vergibt, schlägt das bei der Kreditgenossenschaft sofort in einen Verlust um.

STANDARD: Sie zahlen zwei Prozent Rendite. Früher wurde das oft belächelt, heute ist das kein schlechter Gewinn. Steigt die Zahl der Anleger?

Grohs: Auf jeden Fall. Im Vorjahr wurden 35 Mio. Euro neu bei uns angelegt. Im Jahr davor waren es 45 Millionen. In Österreich gab es noch nie so ein starkes erstes Quartal. Fast eine Million Euro wurde in den ersten drei Monaten veranlagt.

STANDARD: Die Zahlungsausfälle bei Mikrokrediten sind sehr gering. Warum können die Ärmsten ihre Kredite bedienen, während mittlere Schichten kämpfen?

Grohs: Das letzte Jahr war von den Ausfällen her das beste, das Oikocredit je hatte. 4,7 Prozent unserer Partner zahlen zu spät, das heißt nicht, dass sie ausfallen. Das ist erstaunlich gering. Die niedrige Ausfallsrate hat damit zu tun, dass wir Kredite nur vergeben, wenn Leute damit ein Geschäft umsetzen, mit dem sie Geld verdienen. Wir vergeben keine Konsumkredite.

Standard: Ist es legitim, an den Ärmsten zu verdienen?

Grohs: Wir sind ja nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt. Wir zahlen in guten Zeiten nicht mehr Rendite, in schlechten aber auch nicht weniger. Damit bieten wir auch unseren Kreditnehmern eine gewisse Stabilität.  (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2009)

Zur Person

Florian Grohs (46) ist seit 2002 bei der Mikrokredit-Organisation Oikocredit als Regionalmanager für Osteuropa zuständig. Zuvor hat er bei der DZ-Bank Großkredite vergeben.

her wig
02
19.4.2009, 19:17

Wie man sich einen seriösen Banker vorstellt, besser vorgestellt hatte, zwischenzeitlich scheinen die ja durch Prozentmakler ersetzt worden zu sein.

waidmann
00
20.4.2009, 11:19

Würden Sie bei dieser "Bank" Ihr Geld anlegen?

Für Ihr Geld erhalten Sie "bis zu" 2 % pro Jahr in Form einer Dividende.

Geführt wird Ihr Guthaben nicht als Spareinlage, sondern als Genossenschaftsanteil, den Sie formal erwerben.

Pro Jahr bezahlen Sie 15 Euro an Mitgliedsbeitrag, und im Pleitefalle haben Sie die Sicherheit, dass Ihr Geld garantiert mit den Bach runter gegangen und weg ist.

Ein unterstützenswertes Modell? Dann legen Sie demonstrativ 1.000,- Euro an ;-)

Girgl Galgenstein
00
20.4.2009, 11:56
Aber geht es denn nur um die Rendite?

Sie kennen ja das alte Sprichwort: gibst Du einem Mann einen Fisch, hat er für einen Tag etwas zu essen, gibst Du ihm eine Angel, dann wird er jeden Tag satt.

Letztlich springen hier die Mikrokreditgeber in eine Lücke, die regierungsamtliche Entwicklungshilfe eben nicht füllen kann. Ohne großen Aufwand werden hier Projekte für Menschen finanziert, die sonst nie eine Chance hätten mit eigenen Mitteln ihrer Misere zu entkommen.

Die 2% sollen hier auch nicht die Superrendite darstellen, sondern die Werthaltigkeit des Engagements aufzeigen. Sie können natürlich auch 1.000 Euro spenden, wenn Sie dies für den besseren Weg halten. In diesem Fall ist der Empfänger allerdings ein Almosenempfänger, bei Mikrokrediten findet er Zugang zur Wirtschaft.

waidmann
00
20.4.2009, 12:06

Ihre Punkte und deren Nutzen für die Betroffenen stehen ja außer Zweifel.

Trotzdem aber frage ich hier in die Runde wer Ersparnisse auf Kosten der Einzahlung in ein Sparbüchl bei so einer Gesellschaft veranlagt hat.

Ich persönlich denke darüber nach es zu tun, allerdings sind im Moment die 15 Euro Beitrag pro Jahr ein kleiner Hindernis für mich.

www.100prozentig.at
00
20.4.2009, 14:01
Investieren und gutes Tun

es gibt auch noch andere Wege - siehe http://www.100prozentig.at/25.html

waidmann
00
20.4.2009, 14:26

Da bekommt Ihr ja Provisionen so wie das aussieht!

Ich will mit so einem Investment (ausschließlich) Gutes tun, und nicht jemanden in der 1. Welt / in Österreich ein Einkommen durch die Vermittlung von Wertpapierdienstleistungen an mich schaffen lassen.

Der Leser für die Zeitung
00
20.4.2009, 13:00

Hängt natürlich auch von der veranlagten Summe ab. Bei 1.000 Euro sind die 15 € 1,5 %, leg ich mehr an, sinkt der Prozentsatz dementsprechend.

2 % Rendite halte ich übrigens für eine adäquate Risiko-Einschätzung. Mikrokreditnehmer stehen tatsächlich fast immer für ihre Schulden gerade. Und fällt wirklich mal einer aus, ist der Verlust minimal.

Das ist ein noch sichereres Investment als ein Zinshaus im 1. Bezirk.

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