Crossover-Reportage

Jesolo auf bosnisch

20. April 2009, 16:44
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    Im Frühling grün-grau, im Sommer bunt: Neums Ufer.

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    An der Strandpromenade.

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    Acht Kilometer ist die Küste von Bosnien-Herzegowina lang.

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Wer auf dem Landweg die Adriaküste entlang nach Dubrovnik reist, muss unweigerlich an Neum vorbei - Eine Reportage aus Bosniens einzigem Küstenort

Tom und Natasha, die am Autobusni Kolodvor von Dubrovnik auf ihren Bus warten, verstehen es nicht. "Warum soll man nach Bosnien fahren, wenn es hier in Kroatien so schön ist?" Die beiden Mittzwanziger aus Ohio warten lieber noch eine Stunde länger und bestellen Cappucino im Cafe gegenüber. Prag haben sie schon gesehen, Budapest und Zagreb. Im kroatischen Dubrovnik haben sie den südlichsten Punkt der Reise erreicht. Zadar steht noch am Programm, von dort bringt sie der Billigflieger nach London. Dass sie mit dem Bus die Küstenstraße entlang unweigerlich den kleinen Staat mit dem Doppelnamen passieren müssen, findet Tom gut. "Ein Land mehr auf unserer Reise", sagt er und lacht. Wenn er an Bosnien-Herzegowina denkt, erklärt er, "dann denke ich nicht an Strand und Meer". Aber wer tut das schon.

Von Dubrovnik aus betrachtet scheint vieles relativ. Viele steigen nicht in Neum aus dem Bus. Die bosnische Küstenstadt ist auf dem Landweg für Busse nur über kroatisches Gebiet erreichbar. Die schmalen Bergwege, die den einzigen Ort an der acht Kilometer langen bosnischen Küste mit dem Hinterland verbinden, ausgenommen. An der Tankstelle, wo der Bus Station macht, tragen vier der fünf Autos in der Schlange kroatische Nummernschilder. Benzin und Zigaretten sind begehrte, weil vergleichsweise billige Mitbringsel. Fast zwei Stunden braucht der Bus aus Dubrovnik für die vierzig Kilometer Luftlinie, die Fahrt über die imposante Brücke kurz hinter Dubrovnik inklusive. Die führt über den kürzesten Fluss Europas, die Ombla. Und trägt den passenden Namen, Most dr. Franje Tudjmana. Der Name des verstorbenen Präsidenten des seit 1991 unabhängigen Kroatien ist nicht nur im Mutterland allgegenwärtig. Auch in Neum, das zur kroatisch-muslimischen Förderation Bosnien-Herzegowinas gehört, ist das so.

Stilmix

Genau genommen besteht der bosnische Beitrag zur mediterranen Küstenlinie aus einer Straße. 25 Kilometer lang schmiegt sich die Adriatische Magistrale, die alte jugoslawische Küstenstraße, kurvenreich durch das Land. Von einer Grenzstation zur anderen braucht der Bus keine halbe Stunde. Im Gegensatz zu kroatischen Küstenorten wie Dubrovnik, Zadar oder Rovinj verfügt Neum über keinerlei in Architektur gegossene Historie. Zumindest keine, die über die 1970er-Jahre hinausgeht. Das 4.000-Einwohner-Dorf ist für einen vergleichsweise jungen Fremdenverkehrsort an der Adria mit einem erstaunlich bunten Sammelsurium an Baustilen ausgestattet. Während sich an der Haupstraße, die zu jeder Tages- und Nachtzeit von Lastwagen, Bussen und Pkw befahren wird, die gleichförmigen Betonbauten mit rotem Dach und Balkon aneinanderreihen, findet sich abseits davon ein wilder Mix aus Hotelarchitektur vergangener Jahre.

An diesem Vormittag im April ist der kleine Strand vor dem größten Hotel des Ortes leer. Zumindest beinahe. "Das hier war früher alles einmal sehr modern", sagt Goran, nimmt seine Zigarette in die linke Hand und deutet mit rechts auf das gegenüberliegende Ufer, wo sich ein Hotel einem Bienenstock gleich in den steil abfallenden Hang frisst. Daneben klafft eine Lücke. Zwischen den Siebzigerjahre-Hotelbauten und dem kleinen Steg, der seine besten Tage ebenfalls hinter sich hat, zeugt die zerschossene Fassade eines Hotels vom jugoslawischen Sezessionskrieg, der in Neum weit präsenter ist als etwa in Dubrovnik, das 1992 ebenfalls von See aus beschossen wurde. Goran, der erst vor sechs Jahren aus dem englischen Exil zurückgekommen ist, arbeitet als Kellner in einem der im April menschenleeren Cafes an der Uferstraße. In der Pause setzt er sich an den Kai, der Horizont ist an diesem Teil der Adria nah. Die Halbinsel Peljesac, die zu Kroatien gehört und dem bosnischen Örtchen vorgelagert ist, bremst den Wellengang in Neum auf das Niveau des Neusiedlersees. Die Urlauber, vor allem aus den neuen EU-Staaten Tschechien, Ungarn und Polen, freut das im Sommer.

Supermärkte

"Im Sommer fallen die kaputten Häuser nicht so auf. Da sieht man hier nur die Badetücher der Touristen", sagt Goran in noch immer britisch klingendem Englisch. Obwohl Neum laut Touristeninformation dank seiner geschützten Lage zu den klimatisch begünstigsten Gegenden der Adriaküste gehört, ist es außerhalb der Urlaubswochen fast menschenleer. Während auf der Magistrale Tag und Nacht Hochbetrieb herrscht und Neums Supermärkte Mühe haben, genug Zigaretten auf Lager zu haben, bleiben die Strandcafes vorerst verwaist. Dabei geben auch sie sich höchst international. Bezahlt werden kann wie überall in Neum in drei Währungen: bosnische Mark, kroatische Kuna und Euro.

Die Verwirrung wird nicht kleiner, wenn Kellner Marko, der in einer der wenig mediterran anmutenden Konobas am Nordstrand Dienst schiebt, die Bestellung aufnimmt. "Wie kann ich Ihnen Gutes tun?" fragt er in Ruhrpottdeutsch. Deutsch ist in den Gastwirtschaften der herzegowinischen Küsten lingua franca. So wie Marko sind viele Kinder der Gastarbeiter nach dem Krieg in den Neunzigerjahren wieder zurück in die alte Heimat gezogen. Wenngleich von der Terasse seines Cafes aus wenig darauf hinweist, dass sie sich in Bosnien-Herzegowina befindet. Das Bier kommt aus Karlovac im kroatischen Kernland. Auf der gegenüberliegenden Seite des Meeresarms zeigt ein mannshohes, rot und weiß auf den Felsen gemaltes Schachbrettwappen, wer an der Küste das Sagen hat. Dieser Teil der Herzegowina ist fest in der Hand der bosnischen Kroaten.

Die Brücke

Bald könnte sich an der verkehrsgünstigen Lage von Neum etwas ändern. Die kroatische Regierung plant eine Brücke vom Festland auf die Halbinsel Peljesac, um Dubrovnik mit dem Mutterland zu verbinden. Der Umweg über bosnisches Gebiet würde dann für viele Touristen obsolet, die Grenzkontrollen ebenso. "Das wird man schon spüren hier", sagt der Taxifahrer, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will. Er fühlt sich ausgeliefert, sagt er und grinst, um dem Gesagten ein wenig die Schärfe zu nehmen. Im Sommer lebe er fast ausschließlich von den Touristen, die sich von ihm vom Strand zum Hotel und retour kutschieren lassen, manchmal aber auch auf Ausflüge ins nahe Mostar oder zum Wallfahrtsort Medjugorje. "Aber was soll ich machen, es wird schon irgendwie weitergehen", sagt er. Mit ihm selbst und mit Neum auch. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 18.4.2009)

Kosmopolit1
33
26.4.2009, 16:28

Am besten wäre es, Bosnien auf Kroatien und Serbien aufzuteilen, dann gäbe es diese Probleme nicht.

Psycho87
00
28.4.2009, 13:31

Wird eh bestimmt bald wieder versucht, dann kannst du auch mal ein Volksheld sein. Vielleicht klappts ja diesmal sogar.

jace t
23
27.4.2009, 19:38
kosmopolit hat absolut Recht !!!

...

kroatienfan
19
21.4.2009, 16:31
tolle geschichte ...

... fahre seit über zehn jahren regelmäßig durch neum und frage mich, wann der ort irgendwann mal irgendwo erwähnung findet. was er ja hiermit sehr prominent tat. und die stimmung dort schaffte der autor ebenfalls perfekt wiederzugeben ... kompliment!

die grenzkontrollen sind allerdings tatsächlich mühsam bisweilen. bald stimmt ja der alte witz: die welt im jahr 2080 hat acht staaten; nordwelt, südwelt und die sechs staaten von jugoslawien ...

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