derStandard.at-Reportage

Germania gegen den Rest der Welt

15. April 2009, 20:25
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    Der grüne Bildungssprecher Walser übergibt Nationalratspräsident Graf ein Dokument mit rechtsextremen Aussagen von Gastredner Marinovic

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    Herausgeber Mölzer, Vortragender Marinovic

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    Marinovic erzählt vom antiken Sieg der Germanen - und sieht Parallelen zwischen der "Umerziehung" im Römischen Reich und in der heutigen EU

FP-Politiker Mölzer stellt ein Buch über Europas Untergang vor - Ein extrem rechter Professor hält eine Rede - Der angekündigte Skandal bleibt aus

Das Parlament ist ein Tollhaus, zumindest heute. Kamerateams und Fotografen tummeln sich. Sie warten auf Andreas Mölzer, der für die FPÖ gerade die EU-Wahl schlägt. Vor allem warten sie auf Walter Marinovic, von dem manche sagen, er sei ein Rechtsextremer. Die Grünen wollten ein "Hausverbot", so jemand dürfe nicht im Parlament reden. Reporter bedrängen einen Mann in weißem T-Shirt. "Eure Schande heißt Martin Graf", steht drauf. Die Ein-Mann-Demo erweist sich als der grüne Nationalrat Harald Walser.

Grüner Protest

Dann zucken die Blitzlichter. Mölzer kommt, neben ihm Marinovic. Das personifizierte Böse entpuppt sich als Greis in einem Trachtenanzug. Die Fragen eines ORF-Journalisten blockt er mit abwehrender Geste ab. Die Hand des pensionierten Lehrers zittert dabei. "Wir platzen aus allen Nähten", sagt Martin Graf, Dritter Nationalratspräsident und Gastgeber, "ein mediales Echo, das wir so nicht erwartet haben". Gelächter in den Reihen, die wirklich randvoll sind.

Das Dritte Lager hat sich rausgeputzt. Anzüge, Krawatten, Mensur-Narben. Und dann rennt ein Grüner im T-Shirt herum und setzt sich in die zweite Reihe. "Eure Schande heißt Martin Graf" - die Fotografen knipsen, die Besucher johlen empört. "Der gehört rausgeschmissen", sagt ein älterer Herr. Das ist John Gudenus, der einst den Bundesrat verlassen musste, weil er öffentlich Gaskammer-Zweifel angemeldet hatte.

Skandal bleibt aus

Der Grund für den Medien-Ansturm ist nicht das Buch, das Mölzer herausgibt. Unter dem Titel "Europa 2084. Orwell lässt grüßen" sieht er darin den Kontinent untergehen. Bis Freitag vergangener Woche hatte sich kein einziger Journalist angekündigt. Der Grund, warum sie nun doch alle kommen, liegt im Gastvortrag von Walter Marinovic, der sich selbst als "Ostmärker" bezeichnet und "keine Berührungsängste zum deutschen Neonazismus kennt" (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands). Nun kriegen sich die Fotografen gar nicht mehr ein, als der Herr Professor das Podium betritt.

Marinovic ist klug genug, die Journalisten zu enttäuschen. Er spricht zum Thema "Arminius befreite 09 Germanien von den Römern - wovon befreien wir uns 2000 Jahre danach". Neben ihm steht eine Karte mit Germania, Italia, Gallia. Sukkus des Vortrags: Die Römer haben Germanien erobert und die Germanen umerzogen, dasselbe wolle jetzt die EU. "Die umerzogenen Germanen sind nicht nur die Österreicher und Deutschen. Seit die EU mit ihren Kommissaren über uns herrscht, betrifft das ganz Europa", warnt der greise Latein-Lehrer. "Globalisierung" und "Umerziehung", sagt er immer wieder, führten in den Untergang. Rechtsextremen Ausritt gibt es keinen, nicht einmal ansatzweise. "Ich bin von nun an vorsichtig", sagt Marinovic gleich zu Beginn.

Hohn für Faymann

Bemerkenswert an Marinovic - abgesehen von seinem Geschichtsbild - ist auch, dass er Klassenvorstand von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) war. Was sich der Dritte Nationalratspräsident glatt zunutze machte. Schon am Vormittag hatte er von "brieflicher Korrespondenz" zwischen Marinovic und Faymann berichtet und ersteren als "Freund des Bundeskanzlers" tituliert. Das Dementi von Faymanns Sprecherin am Nachmittag: Marinovic habe ihm anlässlich dessen Angelobung wie Tausende andere eine Glückwunschkarte geschickt, die routinemäßig beantwortet worden sei. Graf stellt sich gleich zu Beginn ans Podium und liest Faymanns Brief vor: Von "guter Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit" sei da die Rede. Graf lacht, das Publikum mit ihm.

Erst nach den üblichen Jubilaren des Dritten Lagers - neben Marinovic diesmal Hilmar Kabas und Lothar Höbelt - kommt Mölzer nach vorne und stellt sein Buch vor. Er spricht besonnen, ruhig, viel kürzer als Marinovic, der sich bei seinen Ausführungen über Roms Feldzüge mehrmals im Teutoburger Wald verirrt. "Die Kürze lernt man im Europäischen Parlament", scherzt Mölzer. Ihm gehe es nicht um ein Schlechtreden der EU, und er sei nicht gegen Europa, im Gegenteil, betont er. Das schreibt er auch in seinem Buch. Wer in das distopische Konvolut blättert, möchte nicht in Mölzers Haut stecken, so schrecklich ist Europa schon heute.

Mölzers Visionen

In Mölzers Welt ist die "Umvolkung" in vollem Gange. Migranten und "Autochthone" führen in Europas Metropolen einen "latenten Bürgerkrieg". Künftig werde alles noch schlimmer: Es kommt zur "Internierung von unverbesserlich heterosexuellen Elementen", die heutigen Parteichefs werden im 21. Jahrhundert zu Stammesführern und Warlords, denn der gute alte Nationalstaat ist unter der Last heimtückischer Zuwanderer zerbröckelt. 2084, schreibt Hobby-Literat Mölzer auf Orwells Spuren, lebe ein Drittel der Europäer in Elendsvierteln. Mölzer wirkt dabei wenig visionär, vielmehr verlagert er seinen ideologischen Schrebergarten schlicht in die Zukunft.

Bei seinem Vortrag sagt er: "Es geht hier nicht um Polemik oder politisches Kleingeld." Doch in seinem Buch verurteilt er Homosexualität als bestehendes gesellschaftliches Ideal, und schon auf der ersten Seite steht der Satz: "Als einigermaßen angepasster Mensch konnte man wahrscheinlich sogar in den Horror-Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also im Faschismus und im Stalinismus, von viel weniger Reglementierungen eingeschränkt (...) leben als heute."

Jetzt aber steht er in seinem schwarzen Anzug am Podium und gibt sich konsensual und gemäßigt. Er sagt, er habe die Wahrheit nicht gepachtet, ja, er wünsche sich sogar Widerspruch.  "2084", sagt er schließlich, "dieses Datum werde ich mit Sicherheit nicht erleben." Und da kann Mölzer wirklich keiner widersprechen. (Lukas Kapeller, derStandard.at, 15.4.2009)

Ansichtssache: Cremers Photoblog

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santamonica
28.05.2009 02:11
eigentlich sollte man so einen schund kaufen und verteilen....wenn nicht in der folge noch mehr die fpö wählen würden

MBR  
18.05.2009 11:52
bild 1

genialer einsatz des t-shirts

Ernesto Chavez
18.05.2009 10:19
"Grazie, Roma" !, kann ich da nur sagen

lebe eh lieber römische lebensweise mit Pizza, Pasta und Frascati als germanische mit Würstchen und Pünktlichkeit. Nur den VW, den fahr ich lieber als den FIAT....

kelte
28.05.2009 01:34

habs da lieber keltisch mit musik, festmahl und alk (bier/met/wein)....
zum fahren gibts ja meistens das rad (umweltfreundlich..:) ansonsten das innovativste auto dass leistbar ist...

Chaton bleu 
18.05.2009 00:00
vom homosexuellen gesellschaftlichen Ideal

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in Wien zwei Frauen oder Männer Hand-in-Hand die Straße entlang spazieren gesehen habe.

Die Bedrohung der Mehrheit, egal ob hinsichtlich Sprache, Kultur, Sexualität etc. existiert nur in den Hirnen von Mölzer und seinesgleichen.

Die Aussage über die 'viel wenigeren Reglementierungen' ist übringes mehr als nur bezeichnend für das Weltbild dieser 'Gesinnungsgemeinschaft'.

Jens Waldenström
16.05.2009 14:33
Römer ..Germanien erobert?

Also so einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört. Germanien wuerde nie erobert und existierte nur in den Köpfen der Römer.

Francis Ona 
17.04.2009 20:12
"Als einigermaßen angepasster Mensch konnte man wahrscheinlich sogar in den Horror-Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also im Faschismus und im Stalinismus, von viel weniger Reglementierungen eingeschränkt (...) leben als heute."

... "mundoffenstehbleib" ... :-oooooooo

Harry Y. 
04.05.2009 20:38

Ja; denn Anpassung, wißt ihr, ist normal, anständig und gutzuheißen....auch Anpassung an ein verbrecherisches Regime oder an unanständige Autoritäten. Daher hätte der Mölzer u.a. sicher überlebt
(z.b. durch Bespitzelung und Anzeigen.)

Unangepaßte sind dagegen linke Anarchos und werfen Molotowcocktails in Menschenmengen. Nicht umsonst landeten die Scholls unter der Guillotine.

Der scrull
24.04.2009 09:48
wtf?!

Und das darf dieser hochanständige Mensch im Parlament sagen. Ohne öffentlichen Aufschrei.

h 90
08.05.2009 17:18

Jeder soll alles sagen duerfen!
Aber in diesem komischen Land wird einerseits einer wegen seiner Meinung eingesperrt und andere in Linz bei einer friedlichen Demonstration verpruegelt.

Mucosaprolaps
07.05.2009 16:32

Wir sind in Österreich ... Krone-Land, 30% Neonaziwähler, wer soll sich da über einen Holocaustverharmloser groß aufregen?

_reality 
23.04.2009 20:35

ja, er meinte wohl nur italien und udssr

efficient
22.04.2009 19:32
omg

Bei dem Satz ist mir auch ein kalter Schauer über den Rücken gelaufen.
Ich kann Mölzer nur Nordkorea ans Herz legen. Dort lebt es sich als angepasster Mensch sicher auch viel besser als bei uns.
Wer sponsert dem Mölzer ein One-Way Ticket?

monoton
18.04.2009 13:39

das hat mich auch schockiert! wie kann es möglich sein, verbrecherische terrorregime, in denen unschuldige menschen auf offener straße ermordet wurden, millionen grundlos gefoltert und vernichtet wurden einem demoktratischem system vorzuziehen?
was für eine unglaubliche störung haben diese menschen, daß sie die opfer so dermaßen zu verhöhnen?

G e o r g
18.04.2009 03:17

Daran sieht man, wie weit die rechtsextremen Ideologen von der Realität entfernt sind. Stellt doch glatt die Gegenwart als unfreier dar als die NS-Herrschaft. Wenn das mal keine strafrechtlich verbotene Verharmlosung der NS-Herrschaft ist ...

Cuzco
17.04.2009 08:44
Marinovic als mein AHS Lehrer .....

dachte ich trau meinen Ohren nicht als ich den Bericht in der Zib sah - wie kanns das geben, dass ein Mann der ganz rechts aussen steht - AHS Lehrer war und jungen Menschen Latein beigebracht hat??

Interessiert es eine Schulbehörde überhaupt nicht, welche (üble) Gesinnung das Lehrpersonal hat?

Wie kommt man als Schüler dazu so einen Lehrer zu bekommen mit der Weltanschauung.

Um solche Dinge kann sich die liebe Frau Minister Schmid kümmern und nicht sich in fruchtlose Diskussionen stürzen die nix bringen und im Sand verlaufen.

Freie Welt
18.05.2009 00:54
Ja, ja, die Gesinnungs-Polizei

Hatten wir alles schon. Zum Beispiel von 1939 bis 1945.
Sowas brauch ich nicht wieder.
Grundsätzlich.
Völlig egal, welche Gesinnung da politisch verfolgt wird.

Mucosaprolaps
07.05.2009 16:35

Akademisches Gynmasium Graz, 80er:
Eine junge, als blau geltende Geschichtelehrerin überspringt einfach die Jahre 1930-55 "aus zeitlichen Gründen".
Ein alter, als fad geltender Geographieprofessor verbreitet Unsinn a la "1955 hamma den Russen aus Österreich aussigschmissen, deshalb der Feiertag"

... wenn solche Dinge schon an einem angeblich guten katholischem Gymnasium passieren, willst du dir dann ausmalen müssen, wie "politische Bildung" an einer Berufsschule aussieht?

Strudelteig 
17.05.2009 19:11

Im übrigen hatte ja auch Kreisky mit den alten Nazis wenige Probleme....

Strudelteig 
17.05.2009 19:10

Das akademische Gymnasium in Linz ist kein katholisches Gymnasium. Es war in den 80-er Jahren einfach ein staatliches Gymnasium und ist es natürlich noch.

mr smoky
16.05.2009 15:36

und wie?

ihre geschichte zeigt doch wohl eher auf dass die frage der bildung von jugendlichen mehr eine frage von einzelpersonen (lehrern) ist als eine frage von institutionen (ahs vs berufsschule)

Knieriem
18.04.2009 12:23

Das ist halt in einer Demokratie so, daß die politische Gesinnung den Dienstherrn nichts angeht! Der Lateinlehrer war und ist ja unbescholten, auch wenn man so tut, als wäre er der "Gottseibeiuns" persönlich. Faymann war mit ihm als Professor scheinbar ganz zufrieden. Es gibt ja auch extrem linke Lehrer, oder?

Pal Lawatsch
17.04.2009 08:38
Hr. Dr. Mölzer hat es wieder einmal glasklar falsch geschrieben:

Zitiat M.: "Als einigermaßen angepasster Mensch konnte man wahrscheinlich sogar in den Horror-Diktaturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also im Faschismus und im Stalinismus, von viel weniger Reglementierungen eingeschränkt (...) leben als heute."

Die Wahrheit ist: man MUSSTE damals angepasst sein, und man lebte dennoch nicht nicht unbehelligt, weil man andauernd seine Angepasstheit unter Beweis stellen musste.

Heute hingegen leben so unangepasste Leute wie er selber unbehelligt!

WANN lernen diese Deutschtümler endlich, sich in ihrer Lieblingssprache so auszudrücken, dass die Wahrheit unmissverständlich gesagt wird?

Warum müssen sie sich andauernd selbst korrigieren und erklären, dass sie nur falsch verstanden wurden?

Angelika70
16.04.2009 22:58

Wo gibts die T-Shirts, wie Herr Walser eines trägt?!

FalscherProphet
07.05.2009 09:52
Siehe Menüpunkt SHIRTS unter

http://gruenzeux.at

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