
Ist für mehr Wettbewerb, wenn er der Forschung und Lehre zugutekommt: Georg Winckler, Rektor der Uni Wien, in seinem nicht durch enorme Helligkeit auffallenden Arbeitszimmer.
Winckler war vier Jahre lang Präsident des größten europäischen Uni-Verbandes. Im Gespräch mit Luise Ungerboeck und Peter Illetschko zieht er Resümee: Wir haben keinen finanziellen Spielraum mehr, sondern können nur den Status quo erhalten.
* * *
STANDARD: Den Universitäten wurde ein Kollektivvertrag aufs Aug gedrückt. Schaut so Autonomie aus?
Winckler: Es gab in der Vergangenheit Strukturentwicklungen an den Universitäten, die irgendwann korrigiert werden müssen. So stieg etwa seit den 1970er Jahren die Zahl der Studierenden stark an. Der Bund wollte allerdings die Dienstposten im Dienstpostenplan nicht vermehren, nicht zuletzt um die Budgetbelastung insgesamt hintan zu halten. So bekamen Österreichs Unis im europäischen Vergleich überproportional viele externe Lektoren und Lektorinnen. Die Universität Wien hat ungefähr 8000 Beschäftige, 6000 sind Wissenschafter und davon sind 2400 Lektoren, viele davon in Teilzeit. Wir haben also eine Quote von 40 Prozent. Im europäischen Vergleich wären zehn, 15 oder 20 Prozent zu akzeptieren, nicht mehr.
STANDARD: Was genau ist das Problem? Die Menge?
Winckler: Mit dieser hohen Anzahl sind Qualitätsprobleme verbunden. Man muss sich die Frage stellen, wie weit die Lehre noch mit Forschung verbunden ist - und vieles mehr. Diese Lektoren sollen jetzt in ein besseres Beschäftigungsverhältnis zu den Unis kommen - sei es als Senior Lecturer oder durch Vorrückungen. Auch sollte zu Lasten von LektorInnen-Stellen die Zahl der Professuren erhöht werden. Die Kosten aus dem Titel LektorInnen machen allein rund ein Viertel der Gesamtkosten des Kollektivvertrags aus.
Weitere 25 Prozent sollen die Universitäten für eine Verbesserung des Beschäftigungsverhältnisses für die so genannten Säule-1-Assistenten leisten. Die waren auch nicht im Dienstpostenplan, sondern wurden nach dem Universitätsabgeltungsgesetz finanziert, einem Konstrukt, das zusätzliche Uni-Stellen abseits des Dienstpostenplans schaffen wollte. Damit sie in das Abgeltungsgesetz hineinpassten, durften sie bis zu 50 Prozent der Arbeitszeit für ihre Dissertation verwenden. Der KV sieht nun vor, dass diese Säule-1-Assistenten so nicht fortgeführt, sondern in ein "normales" Beschäftigungsverhältnis mit höheren Gehältern überführt werden. Und weitere 35 bis 40 Prozent der Kosten des Kollektivvertrags kommen über die Pensionskassenregelung.
STANDARD: Was soll aus diesen Säule-1- Assistenten werden? Senior Lecturer ausschließlich für Lehre und administrative Tätigkeiten?
Winckler: Nein. Bis zu einem gewissen Grad resultieren diese Herausforderungen aus Strukturproblemen der Vergangenheit und deshalb sollte der Bund, der bei der Entstehung dieser Probleme gespart hat, heute einen gewissen Finanzierungsbeitrag leisten.
STANDARD: Sie sagen, der Bund soll zahlen. Was bietet der Minister an?
Winckler: Der Minister hat erklärt, einmalig 50 Millionen Euro für 2009 zur Verfügung zu stellen, da aufgrund des Kollektivvertrages bestimmte Nachzahlungen erforderlich werden. Der Bund wird außerdem in den kommenden Jahren 30 Millionen pro Jahr zur Verfügung stellen. Allerdings kostet der Kollektivvertrag 60 bis 70 Millionen Euro jährlich, abgesehen von den heurigen Nachzahlungen. Das Problem ist: Die 1,6 Milliarden, von denen der Minister für die nächsten drei Jahre immer spricht, sind "political window dressing". Denn da sind rund 470 Millionen Ersatz von Studienbeiträgen, 260 Millionen Bezugserhöhungen für öffentliche Bedienstete, mehr als 100 Millionen Zuschlagsmieten aufgrund der Generalsanierung und so weiter enthalten. Als Erhöhung des Globalbetrages bleiben nur 700 Millionen übrig. Dann muss ich die Inflationsrate ab 2008 bis einschließlich 2012 einberechnen.
Ingesamt verbleibt ein reales Plus von ein bis zwei Prozent. Davon müssen die Universitäten die gesamte Profilbildung im europäischen Raum, die Kollektivvertragserhöhung, Verbesserungen in der Raumsituation und auch Maßnahmen für ArbeitnehmerInnenschutz bezahlen - teils stammen die universitären Einrichtungen aus dem 19. Jahrhundert! Außerdem will der Minister künftig stärker steuern und statt eines Prozents des Budgets will er drei, vielleicht gar fünf Prozentpunkte einbehalten. So wird das reale Plus langsam ein Minus. Die Universitäten haben keinen finanziellen Spielraum mehr, sondern können allenfalls nur den Status quo erhalten.
STANDARD: Dann ist es aber Essig mit der Profilbildung?
Winckler: Ja, dann Essig. Es geht aber um zwei enorm wichtige Themen: Erstens um die Verbesserung der Betreuungsrelationen, die sind in einigen Studienbereichen wirklich schlecht. Obwohl sich die Universität Wien 2008 im weltweiten Times Higher Education Ranking forschungsmäßig auf Platz 57 der Welt verbesserte, ist sie wegen einer genaueren Analyse der Students-Staff Ratio von 85 auf 115 zurückgefallen. Da werden wir was tun müssen. Wir brauchen zusätzliche Professuren und das kostet Geld.
STANDARD: In der Forschung fehlt Österreichs Unis aber auch noch ein Stück zur Weltspitze ...
Winckler: In der Tat, wir müssen zweitens mehr in die Forschung investieren, denn wir haben zu wenig Spitze, die in der Welt wahrgenommen wird. Seit wir das European Research-Council haben, wird beinhart aufgelistet, wie viele Advanced Researchers Grants eine Universität erhält. Mit einer Berufung im Frühjahr 2009 wird die Universität Wien über drei Advanced Grants verfügen, mehr als etwa die Universität Zürich. Dennoch: Um Grants zu bekommen, muss die Universiät Wien sich weiter profilieren. Aber: Alle drei Dinge gemeinsam gehen nicht: Profilbildung, den Kollektivvertrag finanzieren und dem Minister sagen: Wir belassen dir höhere Summen, damit du Politik machen kannst.
STANDARD: Was will denn die Politik steuern? Profilbildung ist doch die beste Steuerung im Sinne des Wettbewerbs.
Winckler: Es ist in Europa durchaus üblich, dass gesteuert wird, vielerorts sogar stärker als bei uns üblich. Der Minister trägt ja schließlich auch die politische Verantwortung. Aber: Es muss eine Steuerung sein, die der Lehre und Forschung, nicht etwa der Bauwirtschaft zugute kommt. In anderen Ländern steuert nicht das Ministerium, sondern zwischengelagerte Institutionen, in England zum Beispiel das Higher Education Funding Council, oder die Steuerung erfolgt auf Grund eines Research Assessment Exercise- um so sicher zu sein, dass wissenschaftsgeleitet gesteuert und nicht politischem Opportunismus Tür und Tor geöffnet wird . Es gab Zeiten, da bestand Hochschulpolitik aus der Förderung von Bauten. Seither gibt es etwa in Transdanubien einen viel zu großen Universitätsbau.
STANDARD: Was konkret will das Ministerium steuern?
Winckler: Die Ministerialbürokratie, die die Universitäten jahrhundertelang steuerte, hat sehr viele Pläne. Die Universitäten bekamen zum Beispiel Anfang März einen Brief, in dem steht, dass wir unsere Beziehung zur MensenbetriebsgmbH verbessern sollen, dass wir mehr Lehrlinge aufnehmen sollen und vieles anderes mehr.
STANDARD: Alles sicher sehr wichtig, aber nicht Forschung ...
Winckler: Zur Forschung steht nur drinnen, dass die Universitäten Mitglied in einem Verein werden sollen, der die wissenschaftliche Integrität nachhaltig fördert. Dies überrascht mich insofern, als die Universität Wien dort schon längst Mitglied ist. Ich bin sogar der stellvertretende Vorsitzende dieses Vereins, Kratky (FWF-Präsident, Anm.) ist der Vorsitzende. Die Agentur ist sehr wichtig, aber nicht das Wichtigste.
STANDARD: Wieviel Geld wollte das Ministerium einbehalten und wie sollte es Ihrer Meinung nach verteilt werden? Vielleicht mehr im Wettbewerb...
Winckler: Ursprünglich wollte der Minister fünf Prozent einbehalten, bisher darf er nur ein Prozent einbehalten. Jeder Prozentpunkt macht ungefähr 23, 24 oder 25 Millionen Euro pro Jahr aus. Für die Uni Wien mit einem gesamtösterreichischen Anteil von 13 bis 14 Prozent sind das 3,5 Millionen Euro pro Jahr - das sind zehn Professuren samt Ausstattung.
STANDARD: Will er das Geld einziehen, oder mehr im Wettbewerb vergeben ...
Winckler: Das wissen wir nicht genau. Gegen Wettbewerb, der der Lehre und Forschung zugute kommt, hätte ich nichts. Der Minister will das Geld ja teilweise dem Wissenschaftsfonds FWF geben. An und für sich eine löbliche Sache. Nur: Der FWF hat bislang die Gelder außerhalb des Universitätsbudgets bekommen. Wenn in Zukunft mit unserem Geld FWF-Löcher gestopft werden, bedeutet das für uns eine reale Kürzung. Löcher mit Geld zu stopfen, das man uns vorher nimmt, trägt nicht zur Verbesserung der Situation der Universitäten bei. Man muss bedenken: 20 bis 25 Prozent der Förderzusagen des FWF gingen bisher an die Universität Wien. Heute spüren wir bereits den Rückgang der Förderzusagen durch den Fonds, auch die Drittmittel gehen zurück. Wenn wir die Lasten des Kollektivvertrags sofort voll tragen müssen, bleibt uns kein Spielraum.
STANDARD: Wie gehen Paris, Berlin, Oxford mit der Krise um?
Winckler: Frankreich und Deutschland investieren gerade wegen der Krise deutlich mehr in Bildung und Forschung als bisher. US-Präsident Obama will weit über hundert Milliarden Dollar in das Erziehungssystem investieren, davon gehen 21 zur zusätzlichen Förderung in die Grundlagenforschung. Auf Österreich umgelegt hieße dies, zusätzliche 400 Millionen Euro sollten für die Förderung der Grundlagenforschung aufgebracht werden. Stattdessen wird das FWF-Budget erheblich gekürzt. Die Amerikaner machen das einmalig, aber mit einmalig 400 Millionen Euro könnte man den FWF auf einige Jahre vorfinanzieren. Stattdessen haben wir mit dem ISTA eine Institution mehr, aber weniger Geld im FWF.
Um den Wohlfahrtsstaat zu erhalten und die globalen Herausforderungen der nächsten Jahre besser zu bewältigen, braucht Europa starke Universitäten. Ich verweise auf die skandinavischen Staaten. In Dänemark tut man vieles dafür. Man hat außeruniversitäre Forschung in die Unis integriert, um diese in der Forschung und in ihren Master- sowie Doktoratsstudien zu stärken. Und man beschloss, zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts dem Uni-Budget zukommen zu lassen, schon in den nächsten Jahren. Bei uns ist das auch eine Forderung des Parlaments, 2 Prozent bis allerdings 2020. Im Regierungsprogramm ist dieses Ziel aber wieder völlig offen, denn die Jahreszahl 2020 wurde gestrichen. Vielleicht werden wir es erst im Jahr 2100 erreichen.
STANDARD: Stichwort Europa-Vergleich. Wie soll die Ausdifferenzierung der Unis aussehen?
Winckler: Die Ausdifferenzierung ist nur im europäischen Kontext sinnvoll, nicht Innsbruck gegen Wien oder Graz. Die Nationalität spielt in Europa immer weniger eine Rolle, denn die Mobilität von Studierenden und Universitätspersonal wächst. Wenn ich mir als Universität eine Ausdifferenzierung überlege, so muss ich mich fragen: welche Schwerpunkte will ich setzen, damit Engländer oder Skandinavier, die wirklich exzellent sind, zu uns kommen wollen. Wie kann ich mich als Forschungsuniversität etablieren, die in Europa auch als solche wahrgenommen wird?
Es gibt im wesentlichen drei Varianten, Schwerpunkte zu setzen: Als Teaching University, wo die Lehre im Vordergrund steht. Als Research University mit europaweit oder gar global wahrgenommener Forschung oder, drittens, als Universität, die zu einem regionalen Innovator wird. Universitäten in Mittel- und Südschweden praktizieren diese Innovatorrolle erfolgreich. Zürich, München, Dublin, auch französische Unis versuchen sich als starke Research Universities zu profilieren. Sie tun dies auch über Fusionen mit universitären und außeruniversitären Einrichtungen.
Wir müssen uns jetzt fragen, was wollen wir in Österreich? Wenn unsere Politik so weiter macht, werden wir vielleicht bald keine Universität mehr haben, die international als Forschungsuniversität bzw. als Research University wahrgenommen wird.
STANDARD: Dann ist die Unterscheidbarkeit zu Fachhochschulen in der Provinz aber nicht wirklich mehr gegeben, oder?
Winckler: So ist es. Deshalb habe ich mich als Vorsitzender der European University Association (EUA) dafür eingesetzt, dass auch forschungsstarke Fachhochschulen Vollmitglieder werden können. Das wurde von traditionellen Universitäten bekämpft, die oft selbst nicht bemerken, wie schwach ihre Forschung inzwischen geworden ist. Es gehört aber zur Zukunft, dass forschungsstarke Fachhochschulen wie etwa die FH Hagenberg als Vollmitglieder der EUA aufgenommen werden.
STANDARD: Welche Chancen sehen Sie, das Abschneiden in internationalen Rankings zu verbessern? Sogar Österreichs Fußball-Nationalteam ist unter den besten 100.
Winckler: Ich darf das schon relativieren. Es gibt allenfalls 150 bis 200 Nationalelfs in der Welt, aber allein tausend Universitäten in Europa. Deutsche Unis haben in internationalen Rankings nicht besser abgeschnitten. Insofern befinden wir uns in guter Gesellschaft.
STANDARD: Tröstet Sie das etwa?
Winckler: Natürlich nicht. Ingesamt halten die deutschsprachigen Unis ihre Mittelposition. Um sich zu verbessern, ist die Doktoratsausbildung zu stärken, den Postdocs sind bessere Forschungsbedingungen anzubieten, auch brauchen wir mehr Professuren, auch mehr Senior Scientists. Für all das braucht es einen adäquaten Finanzierungsrahmen. Von oben kann man Exzellenz nicht verordnen: Exzellenz entsteht nur von unten. (STANDARD, Printausgabe, 15.4.2009)
Zur Person
Der im heutigen Ostrava (Mährisch Ostrau) in Tschechien geborene Wirtschaftswissenschafter Georg Winckler (65) ist seit 1999 Rektor der Universität Wien und wurde 2005 Präsident der European University Association (EUA), des größten Verbands europäischer Unis. Diese Präsidentschaft dauert vier Jahre. Eine Wiederwahl ist nicht möglich. (ung, pi)
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Was soll das bitte? Wer drückt den Unis einen Kollektivvertrag aufs Aug? Wenn das stimmen würde, wäre der KollV schon da.
Für eine Qualitätszeitung ist diese Art der tendenziösen, von Unkenntnis strotzenden Fragestellung beschämend.
....richtig benerkt. Und " unten " sind derzeit die JungwissenschafterInnen in prekären Dienstverhältnissen, und die Drittmittelangestellten mit vorprogrammierten Zwangspausen wegen Kettenvertragsregelungen ohne Auffangmechanismen. Diese tragen die Hauptlast der so im internationalen Ranking abgestürzten Lehre UND der Projektaquisition. Dennoch sollen sie im Kollektivvertrag zunächst aussen vor bleiben, um "Spielraum für Profilbildung" zu wahren. Wo bleibt da die Logik?
diejenigen welche die ganze Arbeit machen, eben die Jungen, werden behandelt wie Dr*ck. Tut mir leid, anders kann man das nicht bezeichnen.
Ich glaube dass das Problem viel tiefer liegt.
Tatsache ist eben dass Forschung und Entwicklung in der Österreichischen Gesellschaft einen geringen Stellenwert haben und es den Politikern völlig egal ist weil das bei der nächsten Wahl, die niemals weit weg ist, keine Rolle spielt. Nur langfristig dürfen das wir alle zusammen ausbaden.
Solange kein generelles Umdenken eintritt wird sich da nichts ändern. Dazu brauchts eine breite Diskussion in den Medien und paar Leute mehr in der Politik die das begreifen - aber wer sagt den irgendwas??? (z.B. Grünewald von den Grünen aber sonst??)
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