Der Wissenschaftsfonds FWF kann aufgrund seiner Budgetkrise fast ein halbes Jahr lang keine Projekte vergeben
Das hat nicht nur für die betroffenen Jungforscher, sondern auch für den Standort Österreich dramatische Folgen.
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Giulio Superti-Furga hat für die unabsehbaren Folgen der FWF-Budgetkrise eine besonders drastische Metapher: "Es ist, als ob man das Gehirn eine Zeitlang von der Sauerstoffzufuhr abschneidet", so der Leiter des Forschungszentrums für Molekulare Medizin (CeMM) der ÖAW, der die Petition "Forschen ist Zukunft" mitinitiiert hat. "Wenn diese Sauerstoffunterversorgung länger andauert, können die Folgen irreparabel sein", so der international renommierte Molekularbiologe.
Mit dem Gehirn ist der österreichische Forschernachwuchs gemeint: also jene rund 2500 Dissertanten und Post-Docs, über FWF-Projekte und -Stipendien finanziert, die oft genug für die wichtigen Durchbrüche in der heimischen Forschung sorgen. Und dass der Forschungsfonds FWF seit Ende des vergangenen Jahres keine neuen Projekte mehr bewilligt, das ist die Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr. Die nächsten - voraussichtlich nur bedingt ausgesprochenen - Förderzusagen wird es erst wieder Mitte Mai geben.
Berg von über 500 Anträgen
Der Grund: Das künftige FWF-Budget wird erst am 21. April in der Budgetrede des Finanzministers bekanntgegeben werden. Und die nächste FWF-Kuratoriumssitzung, die mit einem Jahr Vorlaufzeit geplant wird, findet dann erst ab dem 10. Mai statt - vier- und nicht zweitägig, um den Berg von voraussichtlich rund 550 Projektanträgen abzuarbeiten. Wie hoch die Bewilligungsrate ausfallen wird, richtet sich natürlich auch nach den vorhandenen Mitteln. Und da sieht es nicht gut aus.
Eine der wartenden Antragsstellerinnen ist die Kulturanthropologin Yvonne Schaffler (30), die sich derzeit auf einer eigenfinanzierten Feldforschung in der Dominikanischen Republik befindet. Ob ihr neuer Projektantrag angenommen wird, erfährt sie entsprechend mit mehrmonatiger Verspätung: "Der Projektvergabestillstand verunsichert uns alle", so die 30-jährige Forscherin, die nebenbei als externe Lektorin an der Uni Wien und der Med-Uni Wien lehrt.
Aus aktuellem Anlass überlegt sie nun, ihren Lebensmittelpunkt zu verlegen. Die Organisación Nacional de Estadistica, das statistische Zentralamt der Dominikanischen Republik, habe einen Posten ausgeschrieben, "für den ich mich schon mal vorsorglich beworben habe. Man kann ja nie wissen."
Gedanken, die Jürgen Herler von der Fakultät für Lebenswissenschaften der Uni Wien nicht fremd sind. Wenn der FWF-Projektantrag des 35-jährigen Meeresbiologen durchgehen sollte, wird er in den nächsten Jahren im Roten Meer Korallenrifffische und ihr Symbioseverhalten analysieren - gemeinsam mit einem angestellten Doktoranden und mehreren Diplomanden. Und wenn nicht? "Ich warte sicher nicht ab", sagt Herler, der als angehender Vater auch längerfristige Perspektiven haben muss: "Ich bewerbe mich im deutsch- und englischsprachigen Raum."
Herler befürchtet, dass "in Zeiten wie diesen" der häufig beklagte Brain-Drain, die Abwanderung von Wissenschaftern ins Ausland, einen Boom erleben könnte. Zahlreiche Biologen würden hierzulande jetzt schon mangels entsprechender Stellen Jobs als Pharmareferenten annehmen. Was er sich für die eigene Zukunft keinesfalls vorstellen mag: "Ich muss mich mit meiner Arbeit identifizieren können."
Ohne Bewilligung kein Forschungsschwerpunkt, sagt der 35-jährige Biologe Janek von Byern. Die Gruppe um den gebürtigen Deutschen habe beim FWF zwei Anträge eingereicht. "Tatsache ist: wenn die zwei nicht durchgehen, müssen wir darauf verzichten, vier neue Doktoranden und vier Diplomstudenten anzustellen." Entsprechend trist sähe es mit dem Forschungsschwerpunkt "Biologische Klebstoffe" für medizinische Anwendungen aus.
Von Byern gibt sich angesichts des Wettbewerbs um Inhalte und Gelder keinen Illusionen hin: "Ohne das Geld und die Mitarbeiter wird uns garantiert jemand die Arbeit vor der Nase wegnehmen bzw. unser industrieller Partner das ohne uns selber durchführen."
Der Trost des Biologen: "Der Vorteil der heutigen Forschergeneration ist einfach, flexibel zu sein. Wir gehen dorthin, wo das Geld und die besseren Labore locken, und wandern halt aus." Freilich sei nur das Wegziehen für alle Beteiligten wirklich einfach. "Jemanden wieder zu holen ist weitaus schwieriger und teurer."
Komplexitätsforscher Stefan Thurner, der seine junge erfolgreiche Arbeitsgruppe an der Med-Uni Wien vor allem mit FWF-Projektgeldern finanziert, ist entsprechend sauer: "Wir bilden die angehenden Forscher relativ mühsam, zeit- und kostenaufwändig aus. Und müssen dann zusehen, wie andere sie uns unter unserem Sessel aus dem Land treiben." Nachsatz: "Meist die Besten zuerst." Für Thurner und so gut wie für alle seiner Kollegen ist offensichtlich, dass mit der Nichtbehandlung der FWF-Anträge und der zu befürchtenden Budgetreduktion Nachwuchsforscher in ihrer oft produktivsten Phase buchstäblich gekündigt werden.
Entsprechend viel Unterstützung fand bisher die von den Molekularbiologen Josef Penninger und Giulio Superti-Furga sowie den Quantenphysikern Rainer Blatt und Anton Zeilinger initiierte Petition "Forschen ist Zukunft": Weit mehr als 10.000 Unterstützer hat ihre Aktion bislang gefunden, die bis zur Budgetrede am 21. April fortgesetzt wird.
Einzigartiger Katastrophenfall
Die Dramatik der Situation kommt auch in einem Schreiben zum Ausdruck, das der FWF-Aufsichtsrat dieser Tage Wissenschaftsminister Johannes Hahn zukommen ließ und in dem von einem "noch nie aufgetretenen Katastrophenfall" die Rede ist. Das Gremium warnt darin vor "weitreichenden negativen Auswirkungen" auf den wissenschaftlichen Nachwuchs sowie Problemen bei der Gewinnung von Spitzenforschern aus dem Ausland.
"Zumal auch schon das Wissenschaftsmagazin Nature mehrfach darüber berichtet hat", sagt Harald Isemann, geschäftsführender Direktor des angesehenen Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. "Kürzlich hatten wir zwei Forscher aus Harvard bei uns. Die wussten zwar nicht allzu viel über Östereich. Aber was Nature über die FWF-Krise berichtete, das hatten sie sehr wohl gelesen." (Klaus Taschwer und Peter Illetschko/DER STANDARD, Printausgabe, 15.04.2009)