Walter Famler über die lächelnde Ikone des Weltraumzeitalters, Juri Gagarins
Am Ostersonntag jährt sich Juri Gagarins Pioniertat zum 48. Mal. Sein Weltraumflug und sein früher Tod machten den Russen unsterblich.
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"Als ich die Erde in der Raumkapsel umkreiste, habe ich gesehen, wie schön unser Planet ist. Lasst uns diese Schönheit erhalten und vergrößern, nicht zerstören!" - J.A. Gagarin
Das Weltraumblechspielzeug meiner Kindheit bestand aus Nasa-Raketen, mein batteriebetriebenes Raumschiff japanischer Provenienz mit amerikanischem Hoheitszeichen und der Aufschrift "U.S.A.F. - GEMINI X5" steht noch heute auf meinem Bücherregal. Ich erinnere mich auch, dass wir als Kinder zur ersten Mondlandung zu nachtdunkler Stunde geweckt wurden und schläfrig dieses welthistorische Ereignis am Schwarzweißfernseher verfolgten. Als die "Apollo" -Landefähre dann endlich auf der Mondoberfläche aufgesetzt hatte und Neil Armstrong die ersten Schritte auf den Erdtrabanten setzte, stellte mein Vater das Gerät mit der Bemerkung ab, dass die Amerikaner jetzt zwar offensichtlich auf dem Mond wären, dass der erste Mensch im Kosmos jedoch ein Sowjetrusse gewesen sei, nämlich Juri Gagarin.
Den Namen Gagarin hatte ich wie so manch anderen väterlichen Hin- bzw. Verweis bald verdrängt. Die Weltraumhelden meiner Jugend waren Astronauten, Kosmonauten empfand ich als zweitklassig. Erst als ich im Rahmen meiner ersten Moskaureise im September 1997 zufällig Zeuge des Abrisses der Weltraumausstellung im Pavillon Kosmos wurde, begann ich mich für die Sowjetikone Gagarin zu interessieren.
Kosmonaut Nummer 1
Juri Alexejewitsch Gagarin wurde am 9. März 1934 als Sohn von Kolchosbauern im Dorf Kluschino nahe Smolensk geboren. Nach dem Mittelschulbesuch und einer Ausbildung zum Gussformer konnte er sich den offensichtlich seit der frühen Kindheit bestehenden Wunsch, Flieger zu werden, durch eine Militärpilotenausbildung erfüllen. 1959 wird er unter zweitausend Bewerbern zur Kosmonautenausbildung ausgewählt, von zweihundert Testpiloten qualifizieren sich Gagarin und German Titow ex aequo als die Besten. Gagarin wird schließlich auch aufgrund seiner "makellosen Klassenherkunft" als Kosmonaut Nummer 1 bestimmt.
Als sich in der Morgensonne des 12. April 1961 eine 287 Tonnen schwere Rakete von der Startrampe löst, ist der Name des ersten Kosmonauten der Erde nur wenigen Geheimnisträgern bekannt. Nicht einmal Ehefrau und Eltern sind eingeweiht, als das Raumschiff mit der Kennung "Wostok 1" mit seinem gerade 27-jährigen Piloten in den Himmel abhebt. Nachdem er 108 Minuten später die Erde einmal umrundet hat und auf einem russischen Acker landet, ist Gagarin bereits weltberühmt. Gleich nach dem Start hatte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS die Meldung von der ersten bemannten Raumfahrt um den Globus gekabelt. Dass die Mission knapp an einer Katastrophe vorbeigegangen ist, weil die Kapsel beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre fast verglüht wäre, wird erst Jahrzehnte später bekannt. Zwei Tage nach seinem Flug wird Gagarin von Nikita Chruschtschow im Kreml empfangen. Die kilometerlange Fahrt im offenen Wagen durch das blumengeschmückte Moskau gestaltet sich zum Triumphzug, jubelnde Menschenmassen bilden Spaliere vom Flughafen bis zum Roten Platz. Noch im Orbit war Gagarin zum Major befördert worden, jetzt werden ihm der Leninorden und der goldene Stern des Helden der Sowjetunion an die Brust geheftet. Wenn man heute, fast ein halbes Jahrhundert später, die alten Wochenschaubilder sieht, erscheint einem der jugendliche Offizier, der mit offenen Schuhbändern über den roten Teppich läuft, die Stufen zum Leninmausoleum hochspringt, lächelnd salutiert und seine Rückkunft meldet, noch immer wie aus einem anderen Universum.
Gagarin, der seine Popularität anfangs genoss, erlebte aber bald auch hautnah den größtmöglichen Widerspruch zwischen Kollektiv und Individuum. Schier aus dem Nichts avancierte er zum Popstar in einem System, das den Einzelnen ausschließlich als Gesellschaftsprodukt definierte und mit der Singularität einer Erscheinung dieser Dimension auf Dauer nicht zurechtkam. Der überzeugte Kommunist sollte auf Auslandsreisen den lebenden Beweis für die Überlegenheit des Sozialismus personifizieren, verkörperte aber für die Massen eine Utopie, die weit über die politischen Systeme hinausreichte. Seine Antworten auf Reporter- und Publikumsfragen waren fundiert, schlagfertig und voller Humor. Spricht man mit Kosmonautenkollegen, Weltraumtechnikern oder anderen Personen, die mit Gagarin kürzer oder länger, beruflich oder privat, in Kontakt waren, so wird einhellig über seinen Charme und seine uneitle Art berichtet. Seine Weltsicht beeindruckte auch Gegner, nicht nur seine Bescheidenheit, auch seine Nachdenklichkeit wurde legendär. Auf die Frage, was das Schwierigste bei seiner Mission gewesen sei, antwortete er einem Interviewer: "Am schwierigsten war es, den Ruhm zu ertragen."
Die herrschenden Gerontokraten, in den 1960er-Jahren nicht nur ein Phänomen der Sowjetunion, sahen neben Gagarin klein und alt aus. Eine Überforderung der ideologischen Systeme, die auch auf einem historischen Dokument aus dem Jahr 1962 sehr schön zum Ausdruck kommt: Während eines Österreichbesuches in Heinz Conrads' Fernsehsendung pariert Gagarin mit Schlagfertigkeit und Witz die schleimseligen Fragen des Gastgebers nach dem Wetter im Weltraum und andere Dummheiten.
Früh erkennt der katholische Kommunist Pier Paolo Pasolini den religiösen Aspekt in Gagarins Raumfahrt. Seine Wochenschaumontage "La rabbia" aus dem Jahr 1963 gerät in der Endsequenz zur Apotheose des Sowjethelden. Im Wettlauf zum Mond ist die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt noch immer mehr als eine Nase voraus. Mit "Wostok 6" fliegt Valentina Tereschkowa als erste Frau ins All, Alexej Leonow schwebt 1965 als erster frei im Weltraum.
In der Sowjetunion entsteht ein Kosmonautenkult ungeheuren Ausmaßes. Millionen von Postkarten, Briefmarken, Abzeichen mit Kosmonautenkonterfeis und Kosmosmotiven werden produziert. Die erste Garde der Weltraumflieger wird zu göttergleichen Idolen. In einer Umfrage der Regierungszeitung Iswestija äußert Gagarin im Januar 1966, ihm sei unbehaglich, weil er in Artikeln und Berichten über die Raumfahrt immer als hyperidealer Mensch dargestellt sei. Gagarin agiert zwar nun als stellvertretender Kommandant der Kosmonautenausbildung, ist aber als Kosmonaut Nummer 1 vom Training für weitere Flüge ausgeschlossen. Erst Anfang 1968 ist er als Pilot wieder aktiv. Bei einem Übungsflug verunglückt er am 27. März 1968, gerade erst vierunddreißig Jahre alt, tödlich. Als am nächsten Tag die Todesnachricht veröffentlicht wird, zeigen sich viele Menschen in aller Welt schockiert und brechen in Tränen aus. Bei der Beisetzungszeremonie an der Kremlmauer hat bereits Leonid Breschnew die Hand auf der Urne, Gagarins Mentor Chruschtschow ist längst schon abgesetzt.
Moderne Passionsgeschichte
An der Absturzstelle nahe dem Dorf Nowoselowo, 100 Kilometer nordöstlich von Moskau, wurde eine Gedenkstätte errichtet. Ein 25 Meter hoher Marmorobelisk ragt nun dort, wo sich die Maschine metertief in die Erde bohrte, in den Himmel. Die vom Düsenjet rasierten Wipfel der angrenzenden Birken werden regelmäßig auf Unfalllänge geschnitten. Die Stadt Gshatsk, in der Gagarin Kindheit und Jugend verbrachte, wurde bald nach seinem Tod nach ihm benannt. Im benachbarten Dorf Kluschino wurde nach der Erinnerung von Gagarins Mutter Anna eine Kopie des Geburtshauses aufgestellt, im ganzen Land wurden Denkmäler errichtet. Bis in die Achtzigerjahre werden am 12. April und 27. März besonders zu runden Gedenktagen Feierstunden abgehalten, an denen Hundertschaften von Jugendverbänden und Militärangehörigen teilnehmen.
Mit dem Ende der Sowjetunion beginnt der Gagarin-Mythos zu verblassen. Allerdings fallen auch in der Periode der stürzenden Denkmäler nirgendwo Gagarinköpfe, und dort, wo zwischenzeitlich Erinnerungsorte korrodierten, erscheinen sie heute oft schon wieder in altem Glanz. "Glück und Ende des lachenden Kosmonauten im Zeichen des roten Sterns geben mythologisch weitaus mehr her als die paar Schritte Neil Armstrongs am 21. Juli 1969 auf dem Mond", schreibt der Theologe Adolf Holl in seinem Buch Der lachende Christus. Wunscherfüllung und Absturz, wie in den Geschichten von Ikarus und Phaeton, wirken ersichtlich stärker aufs (männliche) Unbewusste als die US-Fahne im Mondgestein" . Der Sohn einfacher Kolchosbauern, dem als Erstem das Erlebnis der Schwerelosigkeit und der Außenblick auf unseren Planeten vergönnt war, ist tatsächlich weitaus mehr als nur ein historisches Mythologem der verblichenen Sowjetunion. Auffahrt und Wiederkunft des Weltraumfliegers spiegeln den Triumph der Technik eines fortschrittsgläubigen Jahrhunderts mitsamt aller archaischen und religiösen Kodierung. Nicht nur von seiner äußeren Erscheinung und von seinem Charakter scheint Juri Gagarin dafür wie prädestiniert gewesen zu sein, und seine Biografie ist auch eine Passionsgeschichte seines Zeitalters.
Am 9. März 2009 wäre er 75 Jahre alt geworden, und diesen Ostersonntag jährt sich Gagarins Pioniertat zum 48. Mal. Sein Weltraumflug, sein Lächeln und sein früher Tod machen ihn als Ikone des Weltraumzeitalters unsterblich. (Walter Famler, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.04.2009)
Zur Person:
Walter Famler, geb. 1958 in Bad Hall, ist Herausgeber
der Zeitschrift Wespennest und Generalsekretär der Alten Schmiede in
Wien. Zuletzt erschien sein Buch Wostok 1 (Verlag Sonderzahl). Am
Ostersonntag, 12.4., wird im Gasthaus Schreiner in Pöllau der Film
Always remember Juri Gagarin von Christian Reiser vorgeführt.