Korčula sucht den Geburtsort von Marco Polo, und Reisende finden auf der Insel Neues: mit ein bisschen Glück auch Grk und Dudelsäcke
Es gibt da einen alten Marco-Polo-Reiseführer, der ist für Korčula nur von sehr beschränktem Nutzen. Recherchiert hat Marco Polo selbst, ob vor Ort oder vielleicht daheim, ist nicht gewiss, redigiert haben ihn angeblich auch noch andere. Dass der Kaufmannssohn bei seinen erstaunlichen Beobachtungen, die er in 17 Jahren am Hofe des Großkhans der Mongolen machte, die Chinesische Mauer übersehen haben soll, stört auf Korčula aber heute niemanden. Wirklich ärgerlich an diesem Reisebericht ist nur der Umstand, dass die dalmatinische Insel darin nicht als sein Geburtsort auftaucht.
In Il Milione - das älteste erhaltene Exemplar des legendären Berichts stammt aus dem Jahr 1309 - gibt der Entdecker Marco Polo an, "Venezianer" zu sein. Nun gut, das heißt nicht viel, venezianisch war die kroatische Insel Korčula damals ja auch. Aber es liegt nicht nur am möglichen Aufkreuzen Marco Polos bei einer Seeschlacht vor der Insel im Jahr 1298, dass er die Besucher heute noch auf Schritt und Tritt hier begleitet: im Marco-Polo-Hotel beim Marco-Polo-Menü oder mit einem Marco-Polo-Eis in der Hand. Nein, auf Korčula geht man davon aus, dass Marco Polo in der Inselhauptstadt an einem Meereskanal, der Korčula von der Halbinsel Peljesac trennt, im Jahr 1254 das Licht der Welt erblickt hat.
Schließlich, so beteuern die Touristiker vor Ort, sei der Name Polo auf der Insel noch heute gebräuchlich. Außerdem könne man den staunenden Besuchern ja auch ein Marco-Polo-Geburtshaus und einen Marco-Polo-Turm präsentieren. Um zu unterstreichen, dass der Entdecker tatsächlich hier geboren sei, hat man vor rund 15 Jahren zudem ein Marco-Polo-Studienzentrum gegründet.
Dabei wäre Korčula für Besucher kaum weniger attraktiv, wenn der Marco-Polo-Mythos etwas weniger penetrant gepflegt würde. Schließlich ist die mittelalterliche Inselhauptstadt eine der schönsten an der Adria. Ein Kleinod, das sich hinter dem stolzen, weiter südlich gelegenen Dubrovnik keineswegs zu verstecken braucht. Das tat es aber ohnehin nie, denn die Stadtmauern verbarg die eng bebaute Innenstadt vielmehr vor Piraten aus Albanien, Tunesien und Algerien. Vor etwa 150 Jahren wurde der Schutzwall zum großen Teil abgetragen, weil das Kriegsministerium in Wien die Unterhaltskosten nicht mehr länger bezahlen wollte.
Längere Landgänge
Im Gegensatz zu Dubrovnik, das von Kreuzfahrtpassagieren bereits überrannt wird, ist die Atmosphäre in der 5000-Einwohner-Stadt ruhiger und heimeliger. Die Insel setzt nicht auf Tagesgäste, sondern auf Besucher, die länger bleiben - sei es als Badeurlauber, Wanderer oder Kulturtouristen. Heute ist Korcula auch ohne die Marco-Polo-Inszenierung quasi ein Freilichtmuseum, das immer wieder als Bühne brilliert. Und dabei gar nicht als vorgeschobene Kulisse, denn die Prozessionen in der gesamten Karwoche ziehen durch die Städte und Dörfer zu einer Zeit, da sich kaum Touristen hierher verirren. Besonders eindrucksvoll ist jene am Karfreitag, bei der die einzelnen Bruderschaften wieder in der Stadt Korčula zusammentreffen und regional geprägte, mittelalterliche Passionsmusik zu hören ist.
Der Spielplan ist dicht auf Korčula, und die Schwerttänze gehören zweifellos zum meistgeübten Repertoire. Drei Spielarten nennen die Bewohner: Die bekannteste ist die Moreska, bei der das Heer des weißen und die Truppen des schwarzen Königs um eine Prinzessin kämpfen, die vom schwarzen König entführt wurde. Eine Schwarz-Weiß-Malerei, die eigentlich gar nicht hier entstanden ist, aber anders als auf Korsika, Sizilien oder in Spanien auf Korčula überlebt hat. Aufgeführt wird sie mittlerweile die ganze Hauptsaison über, und wenn sie auch formal weit über eine Folkloredarbietung hinausgeht, entwickelt sie sich dadurch in diese Richtung.
Subtiler ist das Programm der Vorsaison: Bei der Kumpanja, aufgeführt in Blato am 28. April eines jeden Jahres, werden die "Kämpfe" immerhin von Zwiegesprächen begleitet - und von der tatsächlich hierhergehörenden Dudelsackmusik "misnica". Diese wird auch bei der Mostra, dem dritten und vorwiegend in Zrnovo gepflegten mittelalterlichen Schwerttanz, sehr sorgfältig als lokales Erbe behandelt.
Erfreulich behutsam gingen auch die Restaurateure mit der neubarocken Freitreppe um, die wohl an die Spanische Treppe in Rom erinnern soll. Sie führt zum Stadttor Kopnena Vratar, durch einen der verbliebenen Türme mit venezianischem Wappen und damit wieder zurück in die Inselhauptstadt.
Auf dem Domplatz ragt die 1615 erbaute Markuskirche in den Himmel, doch eine recht ausgefallene Sonderanfertigung für die Insel birgt dann erst der Innenraum: Einzigartig ist das Altargemälde von Jacopo Tintoretto, das den heiligen Markus, den heiligen Bartholomäus und den heiligen Hieronymus darstellt. "Böse Zungen sagen, dass die Korculaner, die das Gemälde in Auftrag gegeben hatten, sehr geizig waren und drei Heilige zum Preis von einem haben wollten", so Aljosa Milat vom örtlichen Fremdenverkehrsverband.
Heilige Dalmatiner
Der tatsächliche Hintergrund der Heiligenkombination war, dass die Korculaner trotz ihrer Zugehörigkeit zu Venedig, das durch den heiligen Markus mit dem Löwen symbolisiert wurde, auch hiermit ihre Unabhängigkeit dokumentieren wollten. Schließlich gilt der auf der rechten Seite des Altarbilds verewigte heilige Hieronymus - wenn schon bei Marco Polo immer Zweifel bleiben werden - als gebürtiger Dalmatiner. Und der heilige Bartholomäus auf der linken Seite ist jedenfalls Schutzpatron der Boots- und Schiffsbauer. Damit passte auch er hervorragend nach Korcula, denn die Insel lebte jahrhundertelang vom Bootsbau. Noch in der Zeit des sozialistischen Jugoslawiens beherbergte sie eine der größten Werften des Landes.
Von den zwölf Wehrtürmen, die rund um die Stadt Korčula misstrauisch das Meer überblickten, sind nur einige wenige übrig geblieben, doch in ihrem Schatten erzählen sich die alten Männer noch heute die Geschichte von den hundert osmanischen Schiffen, die im Jahr 1571 die Stadt attackierten. In symbolischer Form tut das ja auch der Schwerttanz Moreska bei jeder passender Gelegenheit vor dieser Kulisse. Dass Korčula nicht eingenommen wurde, verdankte die Stadt aber vor allem den Frauen, die sich als Männer verkleideten, und von den Mauern aus gegen die Angreifer kämpften.
Wer sich den griechischen Ursprüngen der Insel nähert, die im 4. Jahrhundert vor Christus hier liegen, rollt die Geschichte der Insel von einer wesentlich entspannteren Seite auf: Von der Stadt Korčula aus erreicht man das rund fünf Kilometer entfernte Fischerdorf Lumbarda mit dem Boot oder einfach im Auto. Keine staubtrockenen Monumente erzählen hier vom griechischen Korčula, sondern vielmehr eine recht fruchtige Rebsorte, die schon seit dieser Zeit auf der Insel heimisch ist. Im Gegensatz zu den schweren Rotweinen der benachbarten Halbinsel Peljesac handelt es sich beim daraus erzeugten Grk um Weißwein. Guter Stoff für Seefahrer angeblich - diesmal nicht für Marco Polo, sondern Odysseus -, sicher fürs flüssige Erzählen. (Florian Flieger/DER STANDARD/Printausgabe/4./5.4.2009)