"Fahren Sie ans Meer über Ostern, gönnen Sie sich eine Ruhepause, die wir bezahlen werden"
Rom - Zwei Tage nach dem Erdbeben in Italien ist die Zahl der Toten am Mittwoch auf über 270 gestiegen. Unter den Opfern sind 16 Kinder. Ministerpräsident Berlusconi gab am Mittwoch in der weitgehend zerstörten Stadt L'Aquila eine Zwischenbilanz: Insgesamt wurden fast 28.000 Menschen obdachlos. Rund 1.000 Menschen wurden verletzt, knapp 50 werden noch vermisst. 10.000 Menschen sind in Hotels an der Adria untergebracht worden, weitere 17.700 Menschen harren in Zelten aus.
Mehr als 5000 Helfer suchen auch am heutigen Mittwoch in der verwüsteten Abruzzen-Hauptstadt L'Aquila und der Umgebung nach Überlebenden. Die Suche nach Überlebenden soll noch bis Sonntag andauern.
Studentin nach 42 Stunden gerettet
Im Scheinwerferlicht und bei eisigen Temperaturen suchten Helfer die zweite Nacht in Folge nach Überlebenden. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch konnten Retter eine 20-jährige
Studentin nach 42 Stunden lebend aus dem Schutt eines Hauses L'Aquila
holen. Die Frau hatte in
einem Hohlraum eines eingestürzten Hauses überlebt. Ihr
Gesundheitszustand wird als gut bezeichnet. Sie wurde mit einem
Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen. "Eine solche Rettung ist
sechs Monate Arbeit wert", sagte ein Feuerwehrmann aus Venedig. Viele
der Opfer waren Studenten der Universität von L'Aquila.
98-Jährige nach 30 Stunden gerettet
Glück hatte auch eine 98-jährige Frau, die am Dienstag lebend aus den Trümmern ihres Hauses in Tempera bei L'Aquila gerettet worden ist. 30 Stunden lang verbrachte sie zwischen den Trümmern auf ihrem Bett. "Ich wusste, dass jemand kommen würde. Ich habe in der Zwischenzeit gehäkelt", berichtete Maria D'Antono .
"Man muss es nehmen wie ein
Camping-Wochenende"
Bei einem Besuch in L'Aquila sprach Berlusconi den unter Wassermangel und Energie-Notstand
leidenden Menschen Mut zu. "Wir lassen euch nicht im
Stich", sagte er. Die 25 000 betreuten Obdachlosen wurden bereits überwiegend in Zelten untergebracht. Berlusconi betonte, dass bis
Dienstagabend 20 Zeltlager aufgestellt werden sollen. Darin können 14.500 Menschen übernachten.
Den in Zeltlagern untergebrachten Menschen fehle es an nichts, sagte er
dem Fernsehsender NTV bei einem Besuch vor Ort. Sie hätten warmes Essen
und medizinische Versorgung. "Natürlich" sei ihre Unterbringung
"absolut provisorisch, aber man muss es eben nehmen wie ein
Campingwochenende".
"Fahren Sie ans Meer"
Da es noch mehrere Nachbeben gegen habe, appellierte Berlusconi an
die Bevölkerung, nicht in ihre Wohnungen zurückzukehren. "Fahren Sie
ans Meer über Ostern, gönnen Sie sich eine Ruhepause, die wir bezahlen
werden", sagte Berlusconi, der am Dienstag ein Zeltlager in San
Demetrio bei L'Aquila besuchte.Für Betroffene sollen Hotels an der
Adria-Küste zur Verfügung gestellt werden. Einige Opfer wurden bereits in Unterkünfte an
die Adria gefahren.
Angst vor Plünderungen
Viele Obdachlose wollen
jedoch nicht die rund 4.000 Hotelzimmer beziehen, die ihnen zur
Verfügung gestellt wurden, weil sie in der Nähe ihrer zerstörten
Wohnungen bleiben wollen. Sie befürchten Plünderungen in den
eingestürzten Gebäuden.
Berlusconi: Keine Hilfe nötig
Berlusconi dankte den Ländern,
darunter auch Österreich, die der Regierung Hilfen angeboten haben.
"Ich danke diesen Ländern für ihre Solidarität, doch sie brauchen uns
nicht Hilfe zu schicken. Wir sind in der Lage, allein diese
Krisensituation zu bewältigen", so Berlusconi.
"Wir werden noch weitere 48 Stunden lang die Suchaktion fortsetzen",
erklärte der Premierminister.
Nicht erdbebensichere Bauweise - WHO schaltet sich ein
In die Diskussion über eine offensichtlich nicht erdbebensichere
Bauweise in Mittelitalien hat sich die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) in Genf eingeschaltet. Das Beben vom Montag habe das Hospital San
Salvatore in L'Aquila zu 90 Prozent zerstört, sagte eine WHO-Sprecherin
und unterstrich damit die Notwendigkeit katastrophensicherer
Krankenhäuser. Auch in Italien kritisierten Fachleute von neuem die
unzureichende Bauqualität, zumal auch zahlreiche jüngere Gebäude
eingestürzt seien.
Veraltete Gebäude
Der bekannte Geologe Mario Tozzi machte die veralteten Gebäude in
der Region für die hohe Opferzahl verantwortlich. "Nicht die Erdbeben,
sondern die Gebäude, die einstürzen, verursachen die Todesopfer. In
Italien sind die Objekte veraltet und in schlechtem Zusand, daher
befürchte ich, dass die Zahl der Opfer noch stark steigen wird",
betonte Tozzi.
Auch zahlreiche Kunstschätze wurden schwer beschädigt. Nach Angaben der
Behörden waren sogar viele Kilometer vom Epizentrum entfernt Schäden
aufgetreten, so wurden etwa die berühmten Thermen von Caracalla in Rom durch den
Erdstoß stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Zugang musste sicherheitshalber
gesperrt werden. In den Abruzzen wurden viele, teils aus dem 13. Jahrhundert
stammende Kirchen zerstört.
Wissenschafter angezeigt
Der Wissenschaftler Giampaolo Giuliani, der ein schweres Erdbeben
vorausgesagt und deshalb wegen Panikmache angezeigt wurde, hat
Zivilschutz-Chef Guido Bertolaso aufgefordert, sich öffentlich zu
entschuldigen (siehe "Beben-Ankündigung als Fall für das Gericht").
In den vergangenen drei Monaten waren in der Provinz L'Aquila über 180
Erdstöße registriert worden - der letzte nur wenige Stunden vor dem
vernichtenden Beben.
Papst "zutiefst betroffen"
Der Papst zeigte sich wegen des Erdbebens zutiefst betroffen. Er
bete für die Opfer, vor allem für die Kinder, die beim Erdbeben ums
Leben gekommen sind. "Der Papst teilt Eure Leiden und Sorgen", wandte er sich am Mittwoch bei einer Generalaudienz auf dem Petersplatz an die Betroffenen. "Ich hoffe, Euch so bald wie möglich zu besuchen." Benedikt XVI. wird, wie Sicherheitskräfte mitteilten, vermutlich erst nach der Osterwoche in die Katastrophenregion reisen können. Das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche lobte die Großzügigkeit der Italiener angesichts des schlimmsten Erdbebens seit 30 Jahren: "Diese Solidarität ist wichtig um solch eine schwere Prüfung zu bestehen."
Auch der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano
äußerte seine Betroffenheit. Er appellierte, Solidarität für die Opfer
und ihre Familien zu zeigen.
Auch die Europäische Union hat mit Bestürzung auf das schwere
Erdbeben in Italien reagiert. "Ich bin schockiert über die Tragödie,
die sich heute in Ihrem Land ereignet hat", erklärte der
EU-Außenbeauftragte Javier Solana in einem Kondolenzschreiben
an den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Auch
EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso sprach den Italienern sein
Beileid aus. "Ich übermittle den Familien der Opfer meine Solidarität
und mein tief empfundenes Mitgefühl." (APA/dpa/AFP/Reuters/red)